Fernsehen

Meret Becker – „Jetzt lasse ich mich verhaften“

Die Schauspielerin Meret Becker aus Kreuzberg ist gut im Geschäft: Neue Rolle im RBB-„Tatort“, neue Platte, neue Tour. Und singende Säge spielen kann das Multitalent auch.

Foto: Krauthoefer / Jörg Krauthöfer

Da sitzt sie, Meret Becker, die Berliner „Tatort“-Kommissarin in spe im verblichenen roten Samtsessel. Erstmal den Lippenstift nachziehen und die schwarzen Strümpfe am langen Bein glätten.

Das kurze, schwarze Minikleid ist ein Kontrast zur weißen, feinen Spitze um ihren Hals. Ein Gläschen Champagner wäre stilecht hier im Roten Salon der Volksbühne, aber die Tochter von Monika Hansen, die mit Stiefvater Otto Sander groß geworden ist, trinkt lieber Tee mit Honig. Erkältung.

In diesen Tagen erscheint ihre neue Platte „Deins & Done“, am 20. April 2014 tritt sie in der Volksbühne auf. Und im Herbst beginnt dann der Berliner „Tatort“-Dreh.

Berliner Morgenpost: Sie musizieren nicht nur mithilfe von Spieluhren, jetzt haben Sie eine große Säge mit Bogen dabei. „Weihnacht 1937 Berlin“ steht in das Holz graviert. Von Ihrem Opa?

Meret Becker: Nein, das ist ein Requisit aus dem Film „Kleine Haie“. Ich hatte Sönke Wortmann vorgeschlagen statt eines Cellos die singende Säge zu benutzen und er fand die Idee gut. Ich habe gelernt, darauf zu spielen. Nach dem Dreh musste ich sie wieder abgeben. Meine Mama fand das sehr schade, weil ich erstaunlich gut auf ihr spielen konnte, und typisch meine Mama – zum Geburtstag lag das Instrument neben dem Kuchen. Seitdem ist die Säge stets dabei und hat sogar einen Namen – Frederic.

Ihre sechste Platte kommt jetzt raus, sie singen, musizieren, machen Filme. Demnächst beginnen die Dreharbeiten für den neuen „Tatort“. Klingt nach einer Menge Arbeit.

Noch bin ich ein freier Mensch (sie lacht), – ich werde erst noch eine Kommissarin. Im Ernst, ich mache beides, schon immer. Musik allerdings mache ich länger, seit meiner Kindheit. Es war also immer beides da. Mein Berufswunsch als Kind war Schauspielerin. Eine im großen, alten Hollywood, das es gar nicht mehr gibt. Na ja, das war meine Fantasie. Mit der Musik hatte ich immer meine Freiheit, wenn ich ins Ausland wollte, konnte ich das machen. Wenn beim Film nichts Anständiges kam, hat mich die Musik ernährt.

Bald ist es umgedreht. Man wird Sie in einigen Monaten auf der Straße als Kommissarin ansprechen.

Ja, jetzt lasse ich mich verhaften, mir legt man jetzt die Fesseln an! Nun kann ich nicht mehr einfach sagen, ich gehe jetzt drei Jahre auf Weltreise. Aber wenn ich ehrlich bin, geht das mit einem schulpflichtigen Kind eh nicht. Es passt einfach alles sehr gut. Die Tatort-Crew ist toll. Und es ist der Berliner Tatort! Und die Rolle ist ein Traum – da „Nein“ zu sagen, wäre unverfroren!

Wie war es, als Sie die Nachricht bekamen?

Es kam ein Anruf und dann habe ich mal ein paar Nächte drüber geschlafen. Dann habe ich meine Tochter gefragt, die hat gesagt „cool“, da war es entschieden.

In Ihrem Album „Deins & Done“ geht es um einen Cowboy, um die Liebe, die in die Hose geht. Müssen wir uns eine Rotweinflasche besorgen, wenn wir Songs wie „Snowflakes for Breakfast“ hören?

Sehr gerne! Oder ein anderes Kaltgetränk Ihrer Wahl. Buddy (Buddy Sacher, ihr langjähriger Gitarrist) hat mir mal eine Gitarre hingestellt. Da habe ich angefangen, diese Lieder zu schreiben. Im Laufe der Jahre wurden es mehr Songs, aber ich hätte nie daran gedacht, sie zu performen. Ab und zu habe ich das eine oder andere Lied ins Programm geschummelt. Am Ende hab ich sie doch mit Buddy live gespielt – es hat funktioniert und jetzt kommt das Album raus.

Ist es einfacher, traurige Songs zu singen als fröhliche?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich singe nur traurige Lieder.

Ist es anders, als Sängerin auf der großen Bühne zu stehen wie als Schauspielerin?

Es gibt viele Parallelen und 1000 Unterschiede. Der größte ist allerdings, dass ich als Schauspielerin in eine Rolle schlüpfe und als Musikerin steht da Meret mit ihren engsten Freunden und singt ihre eigenen Lieder und Texte.

2014 ist also ein großes Jahr für die Kommissarin Nina Rubin und die Sängerin Meret Becker.

Ja, das ist viel, aber es fügt sich zu einem großen guten Ganzen! Es ist vielleicht ein Jahr des Umbruchs.

Für viele sind Sie immer noch die Berliner Göre, nervt das nicht langsam?

Ach, ich finde das witzig. Ne Göre ist ja ein freches Kind – dass ich als Kind durchgehe, finde ich amüsant.

Ich gestehe: Als Sie zur „Tatort“-Pressekonferenz in glitzernden, engen Hotpants kamen, war das ein ziemlich sexyer Auftritt. Können Sie die Kleiderfrage beeinflussen?

Ich finde die Hotpants auch geil.

Glauben Sie, die kriegen Sie als Kommissarin durch?

Ja. Aber schauen wir mal (lacht). Noch drehe ich nicht, und ich mache das ja auch nicht alleine. Bei meiner Musik bin ich in meiner kleinen Familie, aber beim „Tatort“ ist das anders, da entscheiden viele. Da bin ich nicht der Chef.

Berlin wird die dritte Hauptdarstellerin. Die Kommissarin kommt aus dem Wedding, ihr Mann ist russischer Jude, die Pathologin fühlt sich dem Koran verpflichtet. Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?

Ich glaube, dass die „Tatort“-Macher intelligent genug sind, das gut zu machen. Man versucht natürlich, so eine Stadt in ihrer Vielfältigkeit abzudecken. Und wenn das schön und humorvoll gemacht wird, gehört das einfach zu dieser Stadt. Muslimisches Leben kann man nicht weglassen. Berlin ist die zweitgrößte Stadt der Türkei. Ich finde all diese Facetten toll. Man muss ja nicht die ganze Zeit mit der Hupe daneben stehen und rufen: „Achtung, Achtung!“

Sie leben in Kreuzberg, auch dort hat sich vieles verändert.

Der Kiez verändert sich ständig. Es sind viel mehr Touristen, Menschen, die bleiben, sehr viele Australier und sehr viele Spanier, in den Kneipen quatscht man dann Englisch. Seit Mauerfall sind wir kein Dorf mehr, sondern eine Metropole. Aber man muss sehr aufpassen, dass das, was diese Stadt so schön und besonders macht, die Subkultur, die Vielfältigkeit nicht zerstört wird. Wenn man uns begradigt, nimmt man uns den Charakter.

Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Release, 20. April, 20 Uhr