Berghain

Teardo und Bargeld - Die Eleganz europäischer Kammermusik

Letztes Jahr veröffentlichten Bargeld, Frontmann der Einstürzenden Neubauten, und Teardo ein gemeinsames Album. Damit haben sie jetzt das dunkle Berghain mit leuchtenden Tonarten und Harmonie erhellt.

Foto: Gaelle Beri / Redferns via Getty Images

Es ist das höchste Vergnügen, dem Konzertbeginn von Teho Teardo und Blixa Bargeld im Berghain zu folgen. „Quartär/ Tertiär/ Kreide/ Jura/ Trias/ Perm/ Karbon/ Devon/ Silur/ Odovizium/ Kambrium/ Proterozoikum/ Archaikum“, wann hat man das letzte Mal diese Worte gehört? Und dann im Berghain. Worte, die so zu diesem Ort passen. Irgendwo aus den Schichten der Nacht, zwischen den Chimären des Abends, in den verschiedenen Zeitaltern des Ausgehens.

Bargeld steht ganz steif am Mikrofon. Schwarzer Anzug. Schwarze Weste. Krawatte. Rechts eine Dame auch in Schwarz am Cello und sein Freund Teardo an der Elektrischen. Das Cello stellt Fieber in den Raum „Alles muss zurück auf Anfang/ Nur zur Erinnerung“, singt Bargeld nun. Es ist wirklich so, er kann singen. Er hat eine wunderbar offenliegende Stimme, gleich einer tiefen Verletzung offenbart sich unter der Oberfläche eine Stimme, tiefrot, leidenschaftlich, muskelstrangig angetrieben von elektrochemischen Signalen.

Würde Bargeld nicht dann und wann ein Fledermauskreischen entfahren, fast unhörbar hoch und schmerzend, man würde es nicht für möglich halten, dass er den Neubauten dieses Chaos, diese Wut, diese hundertvierzig verschiedenen Schattierungen von Lärm gegeben hat. An diesem Abend verkörpert er mit Teardo die Eleganz europäischer Kammermusik. Er erhellt den dunkelschwarzgeheimnisvollen Nachtclub mit den leuchtendsten Tonarten, mit großer Harmonie und verdunkelt ihn im nächsten Takt mit unerwarteter Dissonanz.

Dem Luxus hingeben, an keinem Markt bestehen zu müssen

Letztes Jahr veröffentlichen Teho Teardo und Blixa Bargeld ihre erste gemeinsame Platte „Still Smiling“. Teardo komponiert in Italien Filmmusik. Sie lernen sich kennen, als sie zusammen an einem italienischen Theaterstück arbeiten. Zwei Jahre später schreiben sie ihren ersten Song zusammen. „A quiet life“.

Bargeld und Teardo agieren in einem zeitlosen Kunstraum, in einem Raum, der die Wörter cool, hip und trendy nicht kennen mag oder muss. Bargeld und Teardo geben sich dem Luxus hin, an keinem Markt bestehen zu müssen. Weil sie weder für Geld noch Ansehen spielen müssen, zumindest Bargeld hat finanziell mehr als ausgesorgt. Die Stücke, die sie an diesem Abend spielen, sind Kompositionen, die nur ihrer selbst willen und nach den Vorstellungen ihrer Schöpfer bestehen. Da ist kein Plattenlabelspacko, der mit Sneakern an einen Flipchart irgendeinen Markt skizziert, um eine Gap zu zeigen, wo die Platte einschlagen kann, der sich dann den Bart krault und irgendwas von einem webexklusiven Videolaunch faselt. Teardos und Bargelds Stücke sind ausgeatmete Schöpfung und nicht aus einer Marktwirtschaft, die ihre letzte Atemzüge nimmt.

Im Hintergrund legt Teardo am Computer die Tonfundamente. Rasseln. Störgeräusche. Um den Hals ist immer seine Gitarre. Er schlägt ein Glockenspiel. Bargeld singt deutsch, italienisch, englisch, die Sprachen verschwimmen zum großen Ganzen, als hätte es Babel nie gegeben. „Mi scusi“, „Axolotl“, „Buntmetalldiebe“, „Still Smiling“, die Songs rauschen trilingual vorbei. Zum neunten Stück bittet Bargeld ein Streichquartett auf die Bühne. Sie spielen „Empty Boat“ des brasilianischen Komponisten Caetano Veloso.

Ab jetzt gehört die Nacht den Fledermäusen

Zur Zugabe, als letztes Stück, kommt „Defenestrazioni“, Fenstersturz bedeutet das. Und wir hören „Somewhere“ von Sofia Coppola oder „Lost in Translation“, zu beiden Filmen hat sie Regie geführt und das Drehbuch geschrieben. Und beide handeln von der Einsamkeit und von Hotels und von Drinks, die darüber hinwegtäuschen.

Einer traut sich ein Handyvideo zu machen von diesem letzten Stück. Durch den Bildschirm sehen wir Bargeld rechts von Teardo stehen. „Träge der Ablauf/ Taxi, Flugzeug, Taxi/ Hotel/ die Minibar ist traurig bis albern/ Schokoriegel, schlechter Wein/ Room Service oder Masturbation/ nichts eröffnet Perspektiven“, ein Klavier, ein schwellender Synthesizer. Mit dem Gefühl, dass nichts schöner wäre, als sich jetzt mit schlechtem Wein betrunken aus dem Fenster stürzen zu lassen, beenden Teardo und Bargeld das Konzert. Er sagt noch einmal Grazie. Ab jetzt gehört die Nacht den Fledermäusen.