Volksmusik

Florian Silbereisen in Berlin - Und das Tempodrom tobt

Am Donnerstagabend hat Sänger Florian Silbereisen zum Fest der Feste ins Tempodrom geladen. Es wurde eine giggelnde Varieté-Schau voll naiver Knisterstimmung. Ein guter Abend für Berlin.

Foto: Luca Teuchmann / Getty Images

Da schießen die Funken nach oben, in die sich verjüngende Spitze des Gebäudes. Florian Silbereisen trägt ein Miles-Davis-T-Shirt, das kann man genau erkennen. Den linken Arm streckt er nach oben. Silbereisen ist ein Rockstar. Er und seine Freundin Helene Fischer sind die Stars, die das angestaubte irgendwas mit Volksmusik von Andy Borg und Karl Moik radikal verjüngt haben. Es klingt komisch, aber Silbereisen und Fischer sind die Schlager-Avantgarde, die Revolutionäre, die Heilsbringer, die Retter. Zum Fest der Feste lädt er ins Tempodrom. Den DJ Ötzi hat er mitgenommen und so eine A-Cappella-Band, die Voxxclub heißt.

Sein Publikum ist, das ist nun mal so, schon größtenteils seniorig. Aber dazwischen tanzen Kinder und Eltern mit ihren Kindern, und irgendwie ist das verdammt geil drüber. „Weißt Du, was ich spür und ich kann nichts dafür/ heute will ich explodieren.“ Eben noch das Akkordeon umgehängt, ist er jetzt der süddeutsche Robbie Williams. Und noch mal einen Halbton höher und wieder von vorne. Auf einem riesigen Bildschirm hinter dem Flori platzen die Raketen. „Und jetzt, die Hände nach oben“, ruft er. Und das fast komplett gefüllte Tempodrom wirft die Hände nach oben.

Nach einem A-Cappella-Maibaum-Song von Voxxclub - wenn Flori der Alpen-Williams ist, sind Voxxclub die Berge-Backstreet-Boys, sie tanzen, in knappen Shorts, sehr körperbetont, sehr expressiv - macht Silbereisen den Summtest. Er geht also ins Publikum und setzt seinen Fans Kopfhörer auf. Über die hören die dann ein Lied, was sie mitsummen sollen. Es trifft also Emmi. Emmi ist eine liebe Dame, vielleicht achtzig. Aber Emmi summt nicht. Manchmal macht sie ein lalala, „jetzt ist sie drin“, meint Silbereisen und hält der Dame das Mikrofon vor den Mund. „In den Arm“, ruft Emmi. Und die ganze Halle tobt. Nicht weil jemand vorgeführt wird. Sondern weil es einfach bezaubernd lustig ist. Emmi gibt dem Flori schließlich einen Kuss. „Du machst mich ganz wuschig“, sagt der sofort und setzt nach, verfällt aber ins Sie: „Von Ihnen werd' ich heut' Nacht träumen.“ Und Silbereisen sucht sich einen neuen Kandidaten für den Summtest. „Aber der Herr hier ist noch zu beschäftigt mit der Emmi.“ Also geht er noch eine Reihe weiter.

Das Fest der Feste ist eine wahre Varieté-Schau

Silbereisen ist ein Meister der Verkleidungen. Das Fest der Feste ist eine wahre Varieté-Schau. Er also im roten Pyjama mit lauter Männern, die sich auf die Bühne legen. Peter Alexanders „So richtig nett, ist's nur im Bett.“ Und mal ehrlich, wer würde jetzt nicht gerne, da vorne mit dem Flori schmusen. Und danach kommt er im Sakko wieder. Und dann steht er sogar oben ohne da.

Das Fest der Feste ist von einer naiven Knisterstimmung durchzogen. Irgendwo zwischen kitzelndem Heuboden und Kicherknutschen unterm Gipfelkreuz. Da wird der Mister Lederhose durch einen Liegestützenwettbewerb gewählt. Den gewinnt der Julian von Voxxclub. Ein krasser Typ mit Sixpack. Und wieder knistert es gewaltig. „Den Julian können wir nicht empfehlen. Der ist brandgefährlich.“ Fehlt nur noch, dass der Silbereisen „dieser Schlingel“ sagt. Aber dafür sagt er einfach „Nehmen sie uns. Wir sind treu. Immer wieder neu.“ Hey, hey!

Der DJ Ötzi singt ein „Sweet Caroline“, er singt von seinem Stern, vom Anton aus Tirol. Tausende Hände klatschen aufeinander. Hände. Anton. Hände. Stern, der Deinen Namen trägt. Mitsingen. „Und noch mal. Und jetzt alle.“ Blaue Pillen, Sellerie. Und alle singen mit. Und die Männer schauen lächelnd auf ihre Frauen.

Der Flori küsst noch ein paar Damen auf den Mund

Eine Pause gibt es auch. „Sie warten jetzt schon auf den Startschuss zum Wettrennen auf die Toilette“, weiß Silbereisen durch sein Mikrofon zu verkünden. „Deswegen machen wir jetzt 25 Minuten Pause. Und für alle, die's vergessen haben. Die Damentoiletten sind immer da, wo die Schlange am längsten ist.“

Das ist ein guter Abend für Berlin. Weil Berlin seit langem nicht mehr solch giggelnden Spaß, solch kindliche Freunde empfinden konnte. Einige kaufen sich in der Pause den Volksmusik-Macht-Spaß-Küchenhandschuh, andere wiederum die Florian-Silbereisen-Kuschelmaus mit Autogramm, und bei den Damen erfreut sich besonders der praktische Handtaschen-Regenschirm größter Beliebtheit.

Ein Breakdancer kommt noch, der einen Headspin Strip hinlegt. Er dreht sich also auf seinem Kopf um die eigene Achse und steht danach nur in Shorts auf der Bühne. Der Flori küsst noch ein paar Damen auf den Mund. Er rennt durch die Halle, macht zehn Fotos mit Fans, singt dabei fünf Lieder, von Anita, von Michaela, von Maja und wie sie alle heißen. Florian Silbereisen könnte sogar mit verbundenen Augen ein brennendes Flugzeug auf einer viel zu kurzen, glatteisigen Landebahn sicher auf die Erde bringen. Das Fest der Feste ist eine Punktlandung.