Man muss sich nicht schämen dafür. Cate Blanchett kennt sie, Aretha Franklin, Ute Lemper und selbst ein so Hartgesottener wie Til Schweiger: die Angst vorm Fliegen. Neben der Furcht vor Turbulenzen und Abstürzen spielt spätestens seit Mogadischu auch die vor Entführungen mit. Weltweit leiden nach Expertenschätzungen über 500 Millionen Menschen unter Aviophobie, wie das im Fachchinesischen heißt, in Deutschland nahezu jeder dritte Passagier. All jene sollten lieber nicht den neuen Film mit Liam Neeson sehen, der diese Woche in unsere Kinos kommt. Weil er mit der Angst vorm Fliegen genüsslich spielt.

Wir sehen anfangs einen ziemlich fahrigen Liam Neeson, der einen Flug von New York nach London am liebsten nicht antreten würde. Nervös kaut er vor dem Einchecken an Zigaretten und kippt einen Scotch. Als die Maschine abhebt, zittert er sichtlich. Neeson, so könnte die versöhnliche Botschaft lauten, ist einer von uns. Ein ganz normaler Mensch mit Alltagsängsten. Aber von wegen: Er spielt hier den Air Marshal Bill Marks. Er ist nur an Bord, damit sich die 200 anderen Passagiere sicher fühlen sollen. Wie aber soll man sich sicher fühlen, wenn der Air Marshal selbst unter Flugangst leidet? Wenn er gar, ein absolutes No-No, zum Rauchen auf die Toilette geht, ein nervliches Wrack ist und ganz offensichtlich ein Alkohol-Problem hat?

Action auf engstem Raum

Air Marshals wurden in den USA als Reaktion auf die Anschläge des 11. September 2001 eingesetzt. Neben den verstärkten Sicherheitskontrollen eine weitere Beruhigungsstrategie, um die Fluggäste in Sicherheit zu wiegen und das nationale Trauma zu verarbeiten. Genau dieser Flugsicherheitsbegleiter aber ist in diesem Film der Schwachpunkt.

Bald schon wird er vor schreckliche Aufgaben gestellt. Per SMS fordert ein anonymer Erpresser 150 Millionen Dollar, andernfalls werde alle 20 Minuten ein Passagier getötet. Erst versucht Marks, das noch im Geheimen zu lösen. Mit dem zweiten Air Marshal an Bord, der das aber ganz offenbar verhindern will. Auf engstem Raum, schon wieder auf dem Klo, liefern sie sich eine Schlägerei. Am Ende ist der Kollege tot – und die ersten 20 Minuten sind um. Und es kommt noch dicker: Das Konto, auf das das Lösegeld überwiesen werden soll, läuft auf den Namen Bill Marks. Schon bald glauben Pilot und Boden, dass er der Entführer ist. Er ist ein verkrachter Polizist, seine Ehe ist zerrüttet, Schulden hat er auch: Passt alles ins Bild.

Zu viele Stars an Bord – da kann doch was nicht stimmen

Hübsch, wie Regisseur Jaume Collet-Serra und sein Hauptdarsteller die Grundkonstellation aus ihrem vorherigen Film „Unknown Identity“ spiegeln. Im Berlin-Thriller schien Liam Neeson ein Unschuldiger, der das Gedächtnis verloren hat und feststellen muss, dass er ein Killer ist. Hier ist er ein Guter, von dem aber alle glauben, er sei ein Terrorist. Die typische Hitchcock-Situation also: ein unschuldig Verdächtiger, der den wahren Täter selber überführen muss. Anders als im klassischen Suspense-Kino wächst hier aber nicht ein Held in einer Extremsituation über sich hinaus. Der Marshal, das ist das Spannende an dieser Figur, ist vielmehr permanent überfordert und rastet mehrfach aus. Was seine Glaubwürdigkeit nicht eben erhöht.

Neben Neeson – einst ein gestandener Charaktermime, der im Alter noch mal eine ungeahnte Karriere als Actioner macht, quasi ein Anti-Bruce-Willis mit menschlicheren Zügen – ist nicht der einzige Star auf diesem Transatlantikflug. Zum Bordpersonal zählen auch Michelle Dockerey aus „Downton Abbey“ und die gerade erst mit einem Oscar ausgezeichnete Lupita Nyong’o als Stewardessen sowie Julianne Moore als Passagierin. Alle, könnte man meinen, zu prominent besetzt; allen traut man zu, sie könnten in die Intrige verwickelt sein. Und dann ist da auch noch ein Moslem an Bord. Hier wird ganz perfide mit Klischees gespielt. Wie der Protagonist leidet man auch als Zuschauer unter Paranoia. Und traut keinem mehr.

Auf Anhieb auf Platz Eins der US-Charts

Dabei geht es allen anderen ja genau andersherum. Keiner vertraut dem Air Marshal, als der sich als solcher zu erkennen gibt und – mit gezückter Waffe! – Panik verhindern will. „Die Lage ist ein wenig kompliziert“, gibt er zu. Versucht dann aber gar nicht erst, sie zu erklären. Sondern verspricht den Fluggästen lieber ein Jahr lang Freiflüge, wenn sie sich ruhig verhalten. Jaume Collet-Saura verfährt ganz ähnlich: Der Plot weist logische Turbulenzen und hanebüchene Luftlöcher auf. Die werden aber nicht im Ansatz plausibilisiert, stattdessen lenkt der spanische Regisseur sein Publikum mit immer noch mehr Action auf engstem Raum ab. Klaustrophobie pur.

„Non-Stop“ ist pure Action. Und, wie die meisten Filme des Genres, ohne jeden Anspruch auf Plausibilität. Trotzdem hat der Film in den USA gleich nach seinem Kinostart 30 Millionen Dollar eingefahren und schoss auf Platz Eins der Charts. Weil er einen neuralgischen Punkt trifft? Eher wegen des aggressiven Marketings, wie man vermutet. Jetzt könnte ein aktueller Fall das Einspielergebnis jedoch trüben. Noch immer weiß man nicht, was mit der verschwundenen Maschine der Malaysia Airlines mit 239 Menschen an Bord geschehen ist. Die Angst vorm Fliegen, sie ist hier einmal wieder ganz konkret geworden. Da mag man vielleicht nicht auch noch im Kino mit seinen Ur-Ängsten spielen lassen.