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Berliner „Thikwa“-Ensemble bietet „tolles Theater“

Theater und Atelier: Seit mehr als 20 Jahren arbeiten beim Projekt „Thikwa“ behinderte und nicht-behinderte Menschen zusammen – als Schauspieler und Künstler. Das Theater berührt, meinen Zuschauer.

Foto: Reto Klar

Ihre Arbeit bietet viele besondere Momente. Einige davon erleben Nicole Hummel und Gerd Hartmann dann, wenn nach den Aufführungen in Publikumsgesprächen deutlich wird, dass „die Zuschauer sich am Anfang des Stücks fragen, wer von den Schauspielern wohl behindert ist und wer nicht. Und wenn sie dann im Laufe der Vorführung feststellen, wie egal das eigentlich ist“, sagt Nicole Hummel.

Gemeinsam mit Gerd Hartmann sitzt sie im sonnendurchfluteten Büro eines Kreuzberger Hinterhofs. Nicole Hummel ist die Künstlerische Leiterin des Theaters Thikwa, Gerd Hartmann ist der Theaterleiter. Bei Thikwa machen Menschen mit Behinderung gemeinsam mit nicht-behinderten Künstlern Theater und Kunst.

Und damit ist das Theater Thikwa der „Pionier der Inklusion“. 1991 gegründet, war der Grundgedanke von Anfang an, integrative Arbeit mit behinderten und nicht-behinderten Darstellern zu machen. Das gab es damals noch nicht in Deutschland. „Gestartet wurde das auch eher als eine Art Freizeiteinrichtung“, sagt Gerd Hartmann. „Soll heißen: Die Darsteller sind nach ihrer jeweiligen Arbeit zu den Proben gekommen.“ Ab 1994 begann man allerdings, die künstlerische Arbeit zu professionalisieren.

Seit 20 Jahre inklusives Theater

Um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, kam 1995 die Nordberliner Werkgemeinschaft (nbw) mit ins Boot. Diese und der Theater Thikwa e.V. gründeten gemeinsam die Theater-Werkstatt Thikwa. „Finanziert wurde dieses Modellprojekt vom Bundesministerium für Gesundheit“, sagt Gerd Hartmann. „Es war deutschlandweit das erste Projekt, in dem behinderte und nicht-behinderte Künstler professionell zusammen Kunst produzierten.“

Eigene Aufführungsräume hatte man allerdings nicht. Anfangs noch an der Oranienstraße gelegen, zog man mit der Werkstatt 2011 an die Fidicinstraße 3, in unmittelbare Nähe zu „F40“, der Spielstätte des Theaters an der Fidicinstraße 40. In diesem Theaterhaus teilt sich das Thikwa die Räume mit dem English Theatre Berlin (ETB). Vorher musste sich das Ensemble bei anderen Bühnen einmieten oder war auf kurze Gastspiele angewiesen.

Diese Zeiten sind vorbei. Aus dem Pionier ist längst ein Vorbild geworden, aus dem Modellprojekt ein Erfolgsobjekt. „Wir machen seit 20 Jahren inklusives Theater und sind anerkannt,“, sagt Gerd Hartmann. „Impulsiv diskursiv, das ist unser Motto für die Zukunft.“ Nicole Hummel ergänzt: „Wir wollen diskursives Theater sein, frecher daherkommend. Ein bisschen Provokation schadet nicht, denken wir.“

Thikwa-Theater gibt 70 Vorstellungen jährlich

40 Thikwa-Beschäftigte gibt es insgesamt. Sie sind zwischen 20 und 65 Jahre alt und bilden gleichzeitig das Ensemble. Die Stellen bei Thikwa sind begehrt. „Die Plätze bei uns sind eine fortlaufende Ausbildung für unsere Beschäftigten“, sagt Nicole Hummel. Wer mitmachen will, muss zunächst seine Werkstattfähigkeit mit einem Praktikum unter Beweis stellen.

Beim Blick in die verschiedenen Werkräume wird klar, mit wie viel Spaß und Begeisterung die Akteure dabei sind. Holzmarionetten hängen an den Wänden, überall liegen und stehen Kunstwerke. Dennoch: Manchmal hört auch einer der Beschäftigten wieder auf. „Bei uns zu sein, bedeutet eben auch, siebeneinhalb Stunden am Tag Kunst zu machen“, sagt Nicole Hummel. Das mag oder kann eben doch nicht jeder. „Andererseits: Unser erster Beschäftigter ist im vergangenen Jahr in Rente gegangen“, sagt Gerd Hartmann. So geht es eben auch.

Gerd Hartmann und Nicole Hummel zeigen den Werkstattbereich, dann geht es durch eine kleine Tür in einen hohen Saal, den Proberaum. Sieben Paare und eine Lehrerin arbeiten darin, konzentriert und entspannt zugleich. Sie machen eine Mischung aus Aufwärmtraining und Ausdrucksarbeit. Ein Sich-aufeinander-einlassen und Auf-den-anderen-verlassen. Die Paare halten sich aneinander fest, wiegen sich vor und zurück. Spüren, wie der andere sie hält und wie sie den anderen mitziehen können. 70 Vorstellungen gibt es pro Jahr im Theater, rund 25 kommen noch auf Tourneen hinzu. Zehn verschiedene Produktionen gibt etwa jährlich. „Wer gerade nicht an einer Theaterproduktion arbeitet, ist in der Werkstatt tätig“, sagt Gerd Hartmann.

Kooperationsprojekte mit Russen und Japanern

Einige der Thikwa-Schauspieler werden von anderen Theatern gecastet und zeitweilig oder auch mal längerfristig aufgenommen. Dazu gibt es spannende Kooperationen, etwa mit einer Universität, mit dem Kyoto-Festival in Japan oder mit einem Projekt in Russland. „Auch die Anfragen von Theatern, Film und Fernsehen nehmen zu“, sagt Gerd Hartmann. „Das spiegelt für uns den Anspruch der Inklusion wider.“

Und um Anspruch geht es Thikwa. „Wir wollen ein anderer Player im Berliner Kulturbetrieb sein“, formuliert es Gerd Hartmann modern. „Unser großes Bestreben ist es, dass Behinderte und nicht-Behinderte zusammen Kunst machen, aber dass dies gar nicht mehr als Besonderheit wahr genommen wird. Dass dabei eher die Kunst im Mittelpunkt steht.“

Viele Zuschauer sagen, dass so ein Theater entsteht, das berührt. „Dies liegt auch daran, dass unsere Performer einen völlig anderen Zugang zur Wirklichkeit haben, eine ganz andere Sicht auf die Wirklichkeit“, sagt Gerd Hartmann. „Das merkt auch das Publikum.“

Natürlich hätten einige Zuschauer auch ein wenig Schwellenangst. „Doch nach den Aufführungen sind sie ganz erstaunt, dass sie nicht an einer sozialen Veranstaltung teil genommen, sondern einfach tolles Theater gesehen haben“, sagt Nicole Hummel. Und das, so wünscht sie sich, sollen noch viele Berliner erleben. Passend zum Namen des Theaters: Thikwa heißt im Hebräischen „Hoffnung“.

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