Kulturmacher

Bissiger Streuner als Wahrzeichen einer Berliner Bühne

| Lesedauer: 6 Minuten
Annette Kuhn

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER / JÖRG KRAUTHÖFER (2)

Seit fünf Jahren bringt das Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg Geschichten aus dem Kiez auf die Bühne. Für das weltoffene Programm ist Berlin über die Stadtgrenzen hinweg bekannt.

Schwarz ist er. Und ein scharfes Gebiss hat er. Die Ohren sind aufgestellt, der Blick ist wach. Ein Straßenköter als Logo des Ballhauses Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg. Wohl kaum ein anderes Theater würde ausgerechnet einen bissigen Streuner zu seinem Wahrzeichen wählen. Zur Kreuzberger Spielstätte aber passt es.

„Er ist ein richtiger Bastard“, sagt Tunçay Kulaoğlu, der zusammen mit Wagner Carvalho seit einem Jahr das Theater leitet. Und es klingt nicht nach Schimpfwort, eher nach einem Bekenntnis. Dieser Straßenköter lässt sich seine Freiheit nicht nehmen, ist meist entspannt, notfalls auch mal bissig. Genauso wie die Stücke, die im Ballhaus Naunynstraße gezeigt werden: Sie wollen nicht bequem und gefällig sein, sie wollen aufrütteln und mit Sehgewohnheiten brechen.

Seit fünf Jahren kommt im Ballhaus Naunynstraße postmigrantisches Theater auf die Bühne. Ziel ist es, den Postmigranten, die als Kinder nach Deutschland kamen, und denen, die schon in zweiter und dritter Generation hier leben, eine Stimme auf der Bühne zu geben und für ihre Lebenswelten, ihre Fragen und Probleme zu sensibilisieren. „Wir haben viele Kollegen ins Haus geholt, die diesen Generationen angehören“, erklärt Wagner Carvalho. Besonders spannend findet er es, wenn dabei verschiedene Generationen aufeinandertreffe. „Die erste Generation hat ganz andere Erfahrungen gemacht als die dritte“, sagt er.

Fast immer ausgebucht

Die Lebenswelten von Postmigranten auf der Bühne: Das mag heute nicht ungewöhnlich erscheinen. Als 2008 Theatermacherin Shermin Langhoff das Ballhaus Naunynstraße übernahm, war es das aber noch, versichert Kulaoğlu. „Gerade die Struktur der Theaterlandschaft ist wie eine Festung“, sagt er. Die Zugänge seien viel schwieriger als beim Film oder in der Literatur. Schauspieler mit Migrationshintergrund würden oft auf Klischeerollen reduziert, in entscheidenden Gremien würden kaum Postmigranten sitzen. Die Festung werde aber allmählich erobert. Und einen wichtigen Teil dazu beigetragen hat das Ballhaus Naunynstraße.

Seit es das postmigrantische Theater gibt, ist auch das jetzige Theaterleitungsduo dabei. Tunçay Kulaoğlu kennt Shermin Langhoff aus Jugendtagen in Nürnberg, wo beide als Kinder türkischer Gastarbeiter aufwuchsen und ihre ersten Projekte im Film realisierten. Mit Shermin Langhoff kam Kulaoğlu als leitender Dramaturg ans Ballhaus. Wagner Carvalho, Schauspieler und Tänzer, stammt aus Brasilien und kam zum ersten Mal vor 20 Jahren nach Berlin. Eine seiner ersten Tanzperformances realisierte er am Ballhaus, seitdem blieb er dem Haus als Kurator verschiedener Festivals verbunden. Als Shermin Langhoff dann im vergangenen Sommer ans Gorki-Theater wechselte, haben die beiden 47-Jährigen gemeinsam die Leitung übernommen.

„Entschieden wird alles zusammen, wir sind beide für alles zuständig“, sagen sie, fast wie aus einem Mund. Von der Auswahl der Stücke, der Begleitung der Künstler bis hin zum täglichen Kampf um Fördergelder.

Das Ballhaus Naunynstraße ist eine kommunale Einrichtung und wird vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sowie dem Senat unterstützt. Träger ist der Verein Kultursprünge. Doch für die Realisierung der Stücke, für das Engagement der Künstler müssen die Theatermacher immer wieder neu Fördergelder beantragen. Ein mühsames Geschäft, das aber vom Publikum belohnt wird. Die etwa 100 Plätze im Zuschauerraum sind fast immer ausgebucht.

Zum Lagerraum verkommen

Gegründet wurde das Ballhaus vor 30 Jahren, anfangs nicht ausschließlich als Theater, sondern als Kultureinrichtung, in der es auch Konzerte, Lesungen und Performances aller Art gab. Der Ballsaal im Hinterhof ist allerdings schon so alt, wie das Haus selbst: genau 150 Jahre. Kämpfen mussten die Betreiber aber schon damals. Mitten im Wohngebiet wurde ihnen immer wieder die Genehmigung zur Nutzung als Tanzsaal oder Theater verwehrt. Später, während des Zweiten Weltkriegs, waren hier Zwangsarbeiter untergebracht, die in den umliegenden Rüstungsfabriken arbeiten mussten. Ein Teil der Geschichte, den die Theatermacher auch einmal auf der Bühne thematisieren wollen. Nach 1945 ruhte der Theaterbetrieb, der Saal verkam zum Lagerraum. Erst Ende der 70er-Jahre begann die Instandsetzung.

Heute spiegelt das Theater in vielfacher Hinsicht das Kreuzberger Umfeld wider. Migration, Postmigration prägen den Kiez. Die Strahlkraft der Bühne geht aber längst über die Naunynstraße und auch über Berlin hinaus. Nur etwa ein Drittel der Besucher kommt heute aus dem Bezirk, wobei sich dieser in den letzten Jahren verändert habe. „Als wir 2008 eröffneten, war das hier noch eine No-Go-Area“, sagt Carvalho. Heute sei davon nichts mehr zu spüren. Altbauten haben neue Farbe bekommen, die Naunynstraße, einst im Grenzgebiet, liegt jetzt mitten in der Stadt. Das wirkt wie ein Symbol des Theaters.

Das Ballhaus Naunynstraße hat sich in den fünf Spielzeiten als postmigrantisches Theater etabliert. Viele Produktionen werden zu Festivals eingeladen. Das Theater hat Festivals ins Leben gerufen, wie jüngst das „Black Lux“, und Preise gewonnen: 2011 wurde es zum überzeugendsten Off-Theater bundesweit gewählt. „Wir sind im Mainstream der Theaterlandschaft angekommen“, sagt Kulaoğlu. Dabei heißt Mainstream für ihn nicht Gleichmacherei. Gemeint ist, dass postmigrantische Künstler und Lebenswelten nicht mehr am Rande des Theaters, sondern mittendrin spielen.

Vielleicht auch deshalb haben Carvalho und Kulaoğlu zu Beginn dieser Spielzeit das Logo verändert. Der schwarze Hund ist geblieben, aber er hat nun keine Hundehütte mehr hinter sich wie in den letzten Jahren. Diesen Rückzugsort braucht er nicht mehr, denn er ist jetzt jemand – auf der Straße und im Theater.

Ballhaus Naunynstraße: Das aktuelle Programm des Theaters in der Naunynstraße 27 gibt es unter ballhausnaunynstrasse.de. Tickets (14/8 Euro) im Vorverkauf online unter reservix.de oder bei dessen Vorverkaufsstellen.