Popmusik

James Blunt spielt und singt sein Berliner Publikum selig

„Moon Landing“ heißt das neue Album, mit dem der Brite James Blunt auf Tour ist. In der Berliner O2 World legen er und seine Band dann tatsächlich eine Mondlandung hin. Und alle sind glücklich.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Hunderte Groupies drängeln sich vor der Bühne um die besten Plätze. Weiter hinten müssen kräftige Männer Freundinnen und Ehefrauen auf die Schultern heben, damit diese ihren Kuschelrockstar besser sehen können. Die Stimmung der Masse schaukelt sich schon vor dem Konzertbeginn hoch, Feuerzeuge oder wenigsten Handys werden geschwenkt und von der ersten Zeile an wird mitgesungen, wenn nicht gegrölt. Das alles passt wunderbar zu einem Konzert von James Blunt - aber leider ist die Berliner O2 World selbst im Parkett durchgehend bestuhlt.

Wo Stühle stehen, setzt sich der Deutsche zunächst hin. Eine Stimmungshürde. Schade eigentlich, denn wer hätte gedacht, dass James Blunt und seine Band ein richtig gutes Rockkonzert hinlegt. Bis auf die Musik vielleicht, aber dazu später.

Die Band jedenfalls spielt und steht auf der riesigen Bühne erfreulich kompakt zusammen. Jeder hat sein kleines Mondlandungspodest – „Moon Landing“ heißt das neue Album, mit dem Blunt auf Tour ist – und alle fünf Musiker tragen eine Art Pilotenoverall, was die Einheit visuell noch verstärkt. Die britische Flagge daran darf bei einem Ex-Soldaten auch nicht fehlen.

Bruchlandung auf dem falschen Falsett-Ton

Für so eine heimelige Kulisse ist man in einer Multifunktionsarena dankbar, so wie für seltene Holpertöne auf dem Klavier oder eine unvorhergesehene Bruchlandung auf dem falschen Falsett-Ton, von denen Blunt eine Menge im Programm hat. So stellt sich immerhin das Gefühl ein, tatsächlich einer Band zuzuschauen und nicht schon wieder von einer technisch überwältigenden Unterhaltungsmaschinerie zermahlen zu werden, in der irgendwo auch ein Star herumhüpft. Lediglich das ewige Umgehänge neuer Gitarren bei buchstäblich jedem einzelnen Song nervt.

Die Band bleibt dezent im Hintergrund. Es ist Frauenschwarm James Blunt, der im Zentrum steht. Ein sympathischer Typ. Ein Macher. Eine geradezu unverwüstliche Frohnatur. Er wirkt wie ein serviceorientierter amerikanischer Tankwart (der Bühnenoverall tut sein Übriges); wie jemand, der sich ehrlich Mühe bei seinem Job gibt und dabei sogar eine Menge Spaß hat.

Wo andere Bands, weil sie als entwicklungsfähige Künstler wahrgenommen werden möchten, bewusst darauf verzichten, dem Affen Zucker bzw. dem Publikum die ewig gleichen alten Hits anzubieten, spielt Blunt daher ganz selbstverständlich das, was alle hören wollen. Songs wie „You’re Beautiful“ von seiner ersten und erfolgreichsten Platte, den man als megaschmalzig bezeichnen kann. Doch wer Blunt bei einer gefistelten Textzeile wie „my love is pure“ zusieht, der glaubt wenigstens, dass Blunt sie glaubt.

Ausgesprochen hohe Pärchendichte

Blunts Frohsinn steht in gewissem Gegensatz zu seinen schmachtenden Songs. Vielleicht macht ja gerade das einen Reiz aus. Mit Fug und Recht kann sein Œuvre als Mädchenmusik gelten. Das Publikum weist dementsprechend wenige Kumpeltrupps und eine ausgesprochen hohe Pärchendichte auf, wobei wohl überwiegend den weiblichen Hälften die Initiative zum Konzertbesuch zuzuschreiben ist.

Dass von ihm mitunter als dem meistgehassten Mann im Pop die Rede ist, weiß Blunt natürlich. Noel Gallagher witzelte, dass er sein Haus auf Ibiza verkauft habe, weil Blunt eines in der Nähe erstanden hätte und er, Gallagher, den Gedanken nicht ertragen könne, dass Blunt seine Schrottsongs gleich um die Ecke schreibe. So etwas stört den Kitschballadenkomponisten überhaupt nicht. Mit einem guten Schuss Humor bügelt er solche Ansichten eigenhändig glatt.

„Ich spiele so miserable Songs und ihr habt alle ein so großes Lächeln im Gesicht“ merkt er lakonisch an. Nicht zufällig genau zwischen den zwei Superhits „High“ und „Goodbye My Lover“, ebenfalls vom ersten Album. Letzteren intoniert er gemeinsam mit dem Chor der ganzen Halle ganz allein am Klavier. Allerspätestens da hat er sein Publikum selig gespielt, das je nach Bekanntheitsgrad und Mitklatschpotenzial der einzelnen Lieder zwischen Aufstehen und Hinsetzen schwankt.

Zum letzten Song „Jimmy“ läuft er quer durch die Halle, für die Zugabe winkt er noch einmal vom Klavier herab und nach gut anderthalb Stunden ist Schluss. Keine prolligen Gesten, kein umständliches Entblättern bis auf den nackten Oberkörper, keine Schlagzeugsticks, die ins Publikum fliegen. Einfach eine saubere Sache, die Mondlandung des Briten.