Konzert

The Notwist in Berlin – Zauseln bei der Arbeit zuschauen

Die schönsten Störgeräusche im deutschen Pop werden in Bayern produziert. In Weilheim. Dort tüftelt das Trio The Notwist an seinen verqueren Liedern. Im Heimathafen Neukölln gab es Kostproben.

Foto: Jazz Archiv/Christian Fischer / picture-alliance / Jazzarchiv

Am Eingang steht Karl Ivar Refseth und bittet die Frau am Einlass, dass Sabine noch bitte auf die Gästeliste gesetzt werden möge. „Und du bist Musiker“, fragt sie ihn, und er zieht ein wenig verlegen die Schultern hoch, was sie soviel bedeutet wie „irgendwie schon“.

Die Frau schaut ihn fröhlich an: „Na, ohne Dich würde das hier ja gar nicht stattfinden.“ Der Norweger schaut sie kurz verblüfft an, als ob er die Dinge so noch nie gesehen hätte. Wenn die Dinge so einfach sind, dann dürfte das mit Sabine auch kein Problem werden.

Eine gute Stunde später hat der bescheidende und zurückhaltende Karl Ivar Refseth eine interessante Wandlung vollzogen. Mit großer Ausgelassenheit und ebenso großer Kondition und ständig wehendem blondem Haar arbeitet er sich am Xylophon und Schlagzeug ab, wie man es das letzte Mal beim Tier in der Muppet-Show gesehen hat. Er zählt zum erweiterten Kreis des Trios The Notwist, der seit Jahren die Band aus Bayern bei ihren Live-Auftritten unterstützt und hat sichtlich Spaß an seinem Tun.

Seit Wochen ausverkauftes Konzert

Zu sechst stehen sie an diesem Mittwochabend auf der Bühne des seit Wochen ausverkauften Konzerts im Heimathafen Neukölln. Es ist ein ausgesprochen schöner Abend: Wild, fröhlich, abwechslungsreich, die eigenen Erwartungen übertreffend. Denn die Keimzeile von Notwist – die Brüder Markus und Micha Acher und Martin Gretschmann – besteht aus Tüftlern und Musik-Besessenen. Und das war früher halt zuweilen so spannend wie es eben ist, wenn man Zauseln bei der Arbeit zuschaut. „Ein krummer Rücken kann auch entzücken“, schrieb die „Berliner Zeitung“ mit gemischten Gefühlen vor einigen Jahren über einen Konzertauftritt.

Nun ist die ganze Veranstaltung kein Augenschmaus für die Ewigkeit, und die Bewegungsfreiheit ist auf der kleinen Bühne, die mit allein vier Synthesizern reichlich vollgepackt ist, auch eingeschränkt. Und ja, die Herren machen noch immer einen selbstgenügsamen, in sich gekehrten Eindruck. Als hätte man sie gerade bei den Proben im heimischen Weilheim überrascht.

Aber die Lichtshow ist gelungen, die Akustik wie immer im Heimathafen perfekt, und Notwist hat mit „Close to the glass“, vor wenigen Tagen erschienen, ein verspieltes, poppiges, avantgardistisches Album herausgebracht. Seit einem Vierteljahrhundert ist die Band am Start, und es fallen einem wirklich wenige Gruppen ein, die über einen so langen Zeitraum immer irgendwie anders klangen und immer irgendwie vertraut geblieben sind (spontan fällt einem keine ein).

Genauso ausgetüffelt sind dann auch die Arrangements der Songs auf der Bühne, zuweilen noisig wie bei My Bloody Valentine oder Dinosaur jr., die meisten sehr tanzbar wie auf einem Rave. Das gilt für „Kong“ und „Run run run“ vom neuen Album wie auch für „Pick up the phone“, und gegen Ende kommt nach zwei Stunden eine wunderbare Techno-Version von „Plane“.

Es wird, wie immer, nicht viel geredet an diesem Abend: „Tausend Dank“, sagt Markus Acher gelegentlich nach einem Lied. Nichts da. Wir haben zu danken.