Musiktheater

„Einstein on the Beach“ kommt endlich nach Berlin

Beim Festival MaerzMusik gastiert die amerikanische Kult-Inszenierung „Einstein on the Beach“ erstmalig in seiner 40-jährigen Geschichte in Berlin. Gefeiert wird das Vergehen von Zeit.

Foto: Lucie_jansch_

Im Jahr 1976 veränderte ein epochales Ereignis die Welt der Oper. Regisseur Robert Wilson, der Komponist Philip Glass und die Choreographin Lucinda Childs wurden mit ihrer assoziativ-minimalistischen Musiktheaterinszenierung „Einstein on the Beach“ schlagartig berühmt, die Aufführung gilt als eines der größten Bühnenwerke des 20. Jahrhunderts. Nun kommt die Originalversion für ein paar Vorstellungen nach Berlin.

Robert Wilson und Lucinda Childs sind jetzt 73 Jahre alt, Philip Glass 77. Noch einmal haben sich die drei Opernschöpfer zusammengetan, um ihr monumentales Werk neu einzustudieren. Viereinhalb Stunden lang entspinnen sich zur reduzierten, repetitiven Musik von Philip Glass nun wieder Lucinda Childs sparsame Choreographien und die surrealen, traumartigen Bilder von Robert Wilson.

Eine mächtige Dampflok rollt auf die Bühne, unter riesigen Uhren findet ein bziarrer Gerichtsprozess statt, eine weiß Gekleidete sitzt wie auf einem Schafott. Über den Horizont trudelt ein kreisrundes Raumschiff, und in einem Gerüst, das an die Zentrale eines Weltraumzentrums erinnert, vollführen Menschen vor leuchtenden Feldern mechanische Bewegungen.

Ein typischer Robert Wilson

Vieles von dem, was man als Roberts Wilsons Regiehandschrift kennt – und auch am Berliner Ensemble erleben kann –, ist hier schon zu sehen: die exakt bemessenen Zeitlupenbewegungen, die starren, maskenartig überschminkten Gesichter, die geometrischen, scherenschnittartigen Bühnentableaus oder die Palette gedeckter Farben in Kostümen, Bühnenbild, Beleuchtung.

„Einstein on the Beach“ ist eine Feier der reinen Dauer, des Vergehens von Zeit. Es scheint nichts zu passieren auf der Bühne. Eine Frau mag energischen Schritts eine halbe Stunde lang immer den gleichen Weg vor und zurück gehen oder ein Mann vor Gericht in endloser Wiederholung seine Aktentasche schwingen – eine nacherzählbare Handlung wird daraus nicht.

Faszinierender Eigen-Sinn

Vielmehr verweist ein dichtes Geflecht assoziativer Bezügen auf den Physiker Albert Einstein. Der Zug etwa: Einstein schwärmte für Modelleisenbahnen, und um die von der Beobachterposition abhängige Wahrnehmung von Geschwindigkeit in der speziellen Relativitätstheorie zu erklären, erdachte er das Gedankenexperiment des Zugs, der in den Bahnhof einfährt. „Switzerland“ und „1905“ heißt es in einem der „Knee Plays“, den durchkomponierten Gelenkstücken, die während Szenenwechseln und Bühnenumbauten gezeigt werden.

1905 ist das Jahr, in dem der gerade einmal 26-jährige Einstein von Bern aus seine wichtigsten Arbeiten veröffentlichte. Derartige Details sind zahllos: Der Physiker spielte zur Entspannung Geige, und so trägt die Sologeigerin Jennifer Koh eine Einstein-Perücke. Weil der Wissenschaftler einmal scherzhaft gesagt haben soll, er wäre im nächsten Leben gerne Klempner, ist das Bühnenbild aus Rohren gebaut.

„Rasenden Stillstand“ nennt der Kurator von MaerzMusik, Matthias Osterwold, das visuelle wie musikalische Kompositionsprinzip: Gesten wiederholen sich über längere Zeiträume, es wirbeln unablässige Arpeggien, in den sich Rhythmen und Tonhöhen nur minimal verschieben. Die Darsteller sprechen die surreal-dadaistischen Texte von Christopher Knowles, einem 1976 gerade einmal 14-jährigen Autisten, und die Sänger intonieren vorwiegend Silben wie Do, Re, Mi oder Ziffern.

E und U spielend überwinden

Innerhalb der Bühnenwelt entsteht ein faszinierender Eigen-Sinn. „Einstein on the Beach“ wurde so zur Modellinszenierung einerseits der „Minimal Music“, die Glass mit begründete, und andererseits des postdramatischen Theaters, das sich vom literarischen Dramentext löst und performativ die Aspekte Raum und Zeit betont.

Die Inszenierung erfordert eine völlig andere Rezeptionshaltung als beispielsweise leitmotivisch und dramatisch angelegte Wagner-Opern. Wer einen Zugang zur Musik und dem Bühnengeschehen findet, den versetzen die hypnotischen Klänge und Geschehnisse in eine meditationsähnliche Präsenzerfahrung. In den 70er-Jahren verstörte die neuartige Oper manche Zuschauer.

Heute sitzen vor allem die Kenner im Publikum, die wissen, was sie erwartet. Oder es kommen diejenigen, die von der Inszenierung gelesen, sie aber nie gesehen haben. Eine neue Generation von Theaterenthusiasten, die mit dem Gastspiel nun einen Ausflug in die Historie unternehmen können. Studierenden und anderen Ermäßigungsberechtigten bieten die Berliner Festspiele eine Voraufführung am kommenden Sonntag, für die die Karten nur 15 Euro kosten.

Gastspiel dank Sponsorin

Die Kultinszenierung ist ein zutiefst amerikanisches Phänomen, das E und U spielend überwindet – mit einem Status irgendwo zwischen Musiktheater und Musical. Ihre Ästhetik und vor allem Glass’ Musik beeinflussten zwar den Mainstream von Popmusik bis Werbejingles, und doch gilt „Einstein on the Beach“ als Hochkulturereignis. 1976 wurde es vom renommierten Festival in Avignon produziert.

Anders als ein Musical nicht durchgängig an einem Ort gespielt, wurde es nach 1984 und 1992 nun zum dritten Mal wieder aufgenommen, um weltweit an Opernhäusern und Theatern zu gastieren, von Paris bis Hong Kong. In der lebendigen Künstlerszene Manhattans entstanden, in den riesigen, halb verfallenen Lofts der Beteiligten geprobt, ist es ein Werk seiner Zeit – und zugleich ein zeitloses Opus, das die Zuschauer nach wie vor begeistert.

Gesponsort von der Unternehmerwitwe Inga Maren Otto, die sich mit ihrer Familie schon länger für Musik engagiert, macht „Einstein on the Beach“ nun auch in Berlin Station – erst- und zugleich letztmalig in seiner 40-jährigen Geschichte, denn nach dem Gastspiel beim Festival MaerzMusik wird die Inszenierung wohl nicht mehr live zu sehen sein. Wer das epochale Ereignis auf seine Wirkmächtigkeit testen möchte, der hat nur noch diese eine Chance.

Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Wilmersdorf. Termine: 2. März (Preview/15 Euro), 3. bis 7. März. Karten: 254 89-100