Museen

Die Brutalität des Krieges in der Banalität des Virtuellen

| Lesedauer: 7 Minuten
Gabriela Waldeund Georg Kasch

Foto: © Harun Farocki

Zwei Ausstellungen im Hamburger Bahnhof zeigen, dass Kunst mehr ist als ein paar Bilder. Mit Film und Musik können Museen bei ihrem Publikum punkten.

Wüste, überall Sand, Staub und eine seltsame Leere, die wir nicht gewöhnt sind. Es gibt keinen Schutz, keine Bäume, Tiere, Menschen ja, aber die sind Feinde. Gleißende Sonne am Himmel. Ein Schützenpanzer fährt durch die Landschaft. „Watson is down“, Soldat getroffen. „Gebt Feuerschutz“, ruft Macky. „Oh Mann, ihr räumt sie auf!“, sagt ein anderer Rekrut.

Merkwürdiges Spiel: Watson gibt es zweimal, als virtuellen Avatar und als Soldat Watson, der mit seinen Kameraden gerade am Computer in einem sterilen Übungsraum sitzt und den realen Krieg in einer ziemlich realen Simulation am Schirm erprobt. Fällt ihnen nicht schwer, schließlich sind sie mit Computerspielen sozialisiert worden.

Psychologie per Software

Wo ist der Hinterhalt? Am Ende liegt Watson tot am Boden, und der lebendige Watson sieht das. Er guckt etwas komisch. Wie man sich da fühlt? Kann man Krieg lernen? „Watson is down“. Schon erschreckend, wie die Brutalität des Krieges hier mitten in der Banalität des Virtuellen angekommen ist.

Den Raum und die Jungs gibt es wirklich. Dokumentarfilmer Harun Farocki hat die Szenerie im militärischen Ausbildungscamp in Kalifornien gefilmt, und die Software, die da zur Kriegsführung verwendet wird, jene „Serious Games“, gibt es auch, Spiele, die nicht für’s Entertainment geeignet sind.

Auch Chirurgen haben ihre eigenen, zur „spielerischen“ Vorbereitung für kniffelige Operationen. „Ernste Spiele“ eben, wie Faroki seine vierteilige Videoinstallation nennt, die erstmals in Berlin nun im Hamburger Bahnhof gezeigt wird.

Faroki hat den Krieg quasi vor- und nachbereitet. „Ernste Spiele“ Nr. 3 zeigt die schrecklichen Folgen eines Einsatzes im Nahen Osten. Eine Psychologin versucht den traumatisierten Kevin mittels einer Virtual Reality-Animation an genau jenen Kriegsschauplatz in Bagdad zurückzuversetzen, wo sein Kamerad Jonas direkt vor seinen Augen in Fetzen gerissen wird. Für Kevin ist das kaum erträglich, genau diese grausamen Momente zurückzuholen, die seine Seelen zerstören, weil er sich schuldig fühlt, weil er nicht mal fähig war, Jonas’ Leichenteile aufzusammeln. Dass der Berliner Filmemacher überhaupt Zugang zu den militärischen Einrichtungen in den USA hatte, ist verwunderlich.

Vieles möchte man eigentlich nicht sehen

Zum Wohlfühlen sind Farockis Filme eigentlich nie, man möchte vieles nicht sehen, seine Bilderläufe sind Konfrontation, weg vom Schirm, der uns vorführt, wie Bilder manipulieren, verführen, anziehen und rätseln lassen, ob die Geschehnisse Realität sind oder bloß Simulation. Es geht ihm um die puren Bilder, jene in Werbespots, im TV oder in Computerspielen. Um die seltsamen Wandlungen dieser Bilder, die frei verfügbar, jederzeit spontan zu bearbeiten und damit zu verändern sind.

Seit den Sechzigern macht Faroki nun schon Filme. Und wie er da so im Foyer des Hamburger Bahnhofes steht, 70 Jahre ist er alt, da wirkt er nach wie vor so frisch, wenn es um die Fragen nach der gesellschaftspolitischer Verantwortung von Film geht. 1966 hat er im ersten Jahrgang der Berliner Film- und Fernsehakademie studiert, zwei Jahre später wird er mit Kommilitonen wie Holger Meins der Schule verwiesen.

Seinem politischen Engagement ist er bis heute treu geblieben. Er führt uns mit „Ernste Spiele“ noch einmal vor, wie neue Medien unsere Vorstellung vom dem, was Krieg ist und wie er läuft, verändert haben. Wir erinnern uns, wie die US-Regierung die Bilder in beiden Golfkrieg streng kontrollierte.

Zu den „Videogrammen Revolution“ kamen zwei Zuschauer

Mitte der Neunziger Jahre wurden Farockis Arbeiten verstärkt in Museen gezeigt. Die Möglichkeiten im Kino und im Fernsehen wurden weniger, es haperte mit der Finanzerung. Farocki beobachtete zudem, dass er viel weniger Zuschauer im Kino hatte als in Kunsträumen. Als seine „Videogramme einer Revolution“ über den Fall Ceausescus in zwei Berliner Kinos Premiere hatten, kamen genau zwei Zuschauer, hat er mal erzählt.

Im Museum of Modern Art in New York hingegen waren es 2011 und 2012 Tausende am Tag. Was nur zeigt, dass die Öffnung der Museen anderen populären Sparten gegenüber publikumsträchtig ist.

Auch mit der schottischen, in Berlin lebende Susan Philipsz ist eine spartenübergreifend arbeitende Künstlerin in den Hamburger Bahnhof eingezogen. Für die Musik des Komponisten Hanns Eisler (1898-1962) hat sie die riesige Halle des Museums leergeräumt. Für „part file score“ (etwa: Teil Akte Partitur) löste sie aus drei Werken, die Eisler für Stummfilme komponierte, einzelne Stimmen heraus.

Ein feines akustisches Netz, das immer wieder neu klingt

Zwölf in Kopfhöhe angebrachte Lautsprecher spucken jeweils einen Ton der chromatischen Tonleiter aus und weben so ein feines akustisches Netz, das immer wieder neu klingt: Je nachdem, wo man steht, schrillen einige Töne wie Signale im Ohr, andere klingen wie eine Ahnung von weit her. Plötzlich strahlt warm und nah ein Klavierton, dann wieder springen die gezupften Violintöne durch den Raum wie ein akustischer Flohzirkus. Schon öfter arbeitete sie mit dem Wegschneiden und Ausblenden von Kompositionsstimmen.

Plötzlich Stille – oder das, was sich an Geräuschen in ihr ereignet. Denn die Wortfetzen, das Fußgetrappel und Geblätter der Besucher erwecken den akustischen Eindruck, dass sich die Bahnhofshalle wieder mit Zügen und Reisenden belebt – hier klingt ein Trompetenton wie ein Pfeifen, dort eine Geige wie ein Bremsquietschen.

Es ist fast, als würde Hanns Eisler noch einmal ankommen dürfen. Er hatte, obwohl in Leipzig geboren, in Wien aufgewachsen, schon in den 1920er Jahren in Berlin gelebt, als seine Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht begann.

1933 musste er vor den Nazis emigrieren, landete in Hollywood, wurde von dort vom Komitee gegen unamerikanische Umtriebe ausgewiesen und landete wieder in (Ost-)Berlin, wo er auch die DDR-Nationalhymne komponierte. Doch er hat es nie in den Komponisten-Kanon des 20. Jahrhunderts geschafft. Wahrscheinlich, weil er zu vielseitig war – und zu politisch.

Zwölf Drucke an den Wänden der großen Halle zeigen je eine Partiturseite Eislers, die von den zensierten Akten überlagert werden. Grund für diese Akten war das McCarthy-Verfahren gegen Hanns Eisler, der damals sehr erfolgreich in Hollywood wirkte: Gleich zwei Mal war er für einen Oscar nominiert. Vor dem Hintergrund der Klangkulisse verdichten sich diese Informationen zum historischen Grusel.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51. Harun Farocki, bis 13. Juli, Susan Philipsz, bis 4. Mai.