,,Am Anfang“, philosophiert Emma, „war die Höhle“. Was sie meint, ist, dass die ersten Menschen sich auf grauen Wänden mehr oder weniger kreativ verewigten. Wenn man so will, die Geburtsstunde der Malerei. Emma erzählt dann gleich was von wunderschönen römischen Villen und herrlichen Fresken in florentiner Kirchen, die sie gesehen hätte. Egal, später kam die Leinwand hinzu, die sprengten die Künstler irgendwann wieder, knackten die Grenzen des Mediums.
Gegenwärtig erlebt die Malerei in Berlin einen heftigen Aufschwung. Mit „Nonstoppainting“ verwandelte Christine Streuli gleich das ganze Haus am Waldsee von oben bis unten in ein malerisches Gesamtkunstwerk. Zum Thema passt auch die ebenso überraschende wie clever arrangierte Schau „Wallworks“, die Rieckhallen im Hamburger Bahnhof sind damit okkupiert. Hat denn die (Lein)Wand überhaupt noch Bestand als bildtragendes Medium?
Der Peruaner Antonio Paucar, Jahrgang 1973, hat diese Frage ziemlich ironisch umgesetzt. Toller Einsatz. Auf einem Video sehen wir, wie er mit nacktem Oberkörper und barfuß durch den langen Gang der Rieckhallen marschiert, so, als sei er ein Popstar. Vor zwei Behältnissen mit Farbpigmenten bleibt er stehen, tritt hinein und eh man sich verguckt, macht er einen atemberaubenden „Purzelbaum in Yves Klein Blau“, in dessen Folge seine Füße an die Wand klatschen und Abdrücke in Blau an der Museumswand hinterlassen.
Dass Monica Bonvicini nur noch wenig von so einer musealen Wand hält, zeigt sie in „Hammering out“. Mit einem Hammer klopft sie wie eine Wahnsinnige dagegen, dass der Stein nur so bröselt, staubt und kracht. Auch Katharina Grosse legte den Pinsel beiseite, nahm die Spraypistole, ging in den Wald, und nun sind drei entwurzelte, dafür aber kunterbunte Baumstämme ihr entgrenzter Malgrund im hinteren Teil der Rieckhallen. So gesehen führt uns die Schau
in die Natur, aber nicht in die Höhlen der Menschheit zurück. Das ist auch gut so: Ausgangspunkt sind die sechziger Jahre mit der Minimal- und Konzeptkunst, damals begannen die Künstler die klassischen Präsentationsformen sowie die Bedingungen des White Cubes zu hinterfragen. Daniel Buren zerlegte den Raum ganz einfach in Streifen und Raster, das hat fast etwas Feierliches, findet Emma. Dass die Ausstellung so gut funktioniert, liegt auch am Ankauf von 46 Wandarbeiten aus der Edition des Münchner Galeristen Jörg Schellmann, der sie den Staatlichen Museen für einen sechsstelligen Betrag verkaufte. Wie man sieht, ein durchaus ideale Ergänzung zu den eigenen Beständen der Kollektionen von Marx, Marzona und Flick. So etwas gelingt nicht immer.
Es ist nun so, dass viele der Künstler lediglich Konstruktionsanleitungen für ihre Werke schickten bzw. hinterlegten. Sol LeWitts grafische „Wall Drawings“ hat ein Assistent gefertigt, schon zu Lebzeiten lernte der US-Künstler Leute an, die seine Arbeiten nach seinen Konzepten ausführen konnten. Vorteil: die einzelnen Arbeiten können der jeweiligen Raumsituation wie hier in den Hallen angepasst werden. So wie Sarah Morris’ monumentales Olympia- Wandbild „Rings“ (1972), von dem es mehrere Werkkomplexe gibt.
Seit 2006 schon beschäftigt sie sich mit der Typologie des internationalen Sportevents. Fast zwei Wochen hat ein Mitarbeiter mittels Schablonen das bekannte Emblem dargestellt. Man erkennt es sofort, obgleich die Britin die streng festgelegte Form der fünf Ringe und ihre ursprünglichen Farben verändert hat. Unverkennbar ist, dass sich hier die Malerei auf eine Liaison mit modernem Design eingelassen hat. „Es gibt“, sagt Emma, „im Leben eines Künstlers halt immer mehrere Wände“.
Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51. Di-Fr 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Sa/So 11-18 Uhr. Bis 31. August.
Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien

