Auf dem Prospekt, der das Frühjahrsprogramm des Berliner Aufbau Verlags ankündigt, hat man es schwarz auf weiß: „Leidenschaft macht so viel Mühe.“ Damit soll ein Buch beworben werden, das auch noch „Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten“ heißt. Im Licht der jüngsten Ereignisse mutet das bitter ironisch an. Der Verlag gab am Freitag bekannt, dass er sich wegen „unterschiedlicher Auffassungen über die künftige strategische Ausrichtung des Hauses“ mit sofortiger Wirkung von seinen beiden Geschäftsführern trennt, René Strien und Tom Erben.

Das ist eine große Überraschung. Nach Jahren der Unsicherheit hatte man das mittelständische Haus inzwischen in ruhigeren Fahrwassern gewähnt. 2008 hatte der Berliner Unternehmer Matthias Koch den Verlag aus der Insolvenz heraus gekauft, in die sie der Frankfurter Immobilieninvestor Bernd Lunkewitz gestürzt hatte, als er nach rechtlichen Streitigkeiten mit der Treuhand plötzlich sein Geld abzog. Nach einigen Umzügen innerhalb Berlins sitzt Aufbau – einst der bedeutendste belletristische Verlag der DDR – seit drei Jahren im sogenannten Aufbau-Haus am Moritzplatz in Kreuzberg, einem Kulturzentrum mit Buchhandlung, Galerie und Club. Dieser Aufbruchsgeist spiegelte sich auch im Verlagsprofil wider.

Allerdings nicht so sehr bei der Kernmarke Aufbau, sondern durch Zukäufe wie der prestigeträchtigen „Anderen Bibliothek“ und Gründungen wie dem Metrolit-Verlag, der vor einem Jahr gleich mit 18 Titeln startete und ausdrücklich auf junge, urbane Leser zielt. Außerdem erwarb Koch die Rechte am ebenfalls insolventen Verlag Blumenbar, der sich seit Anfang der Nullerjahre als junge, coole Marke etabliert hatte.

Kleine Erfolge

Gleich aus dem ersten, kleinen Blumenbar-Programm unter der Verantwortung von Strien schaffte es ein Titel auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, Monika Zeiners „Die Ordnung der Sterne über Como“. Und Metrolit gelangen auf Anhieb aufsehenerregende Bücher, zuletzt etwa das Fundstück aus der Weimarer Republik „Blutsbrüder“ von Ernst Haffner oder das Buch von Alexander Schimmelbusch, dem österreichischen Autor mit Wohnsitz in Kreuzberg: In „Die Murau Identität“ geht es um den Schriftsteller Thomas Bernhard, der in diesem fiktiven Werk gar nicht tot ist, sondern von einem Reporter aufgespürt wird. Der zufälligerweise den Namen Alexander Schimmelbusch trägt.

„Wir reden hier von Klein- und Kleinstverlagen“, sagt allerdings im Telefongespräch die Pressesprecherin von Aufbau, Annette Kusche. „Die ernähren ein größeres unabhängiges Verlagshaus einfach nicht.“ Tatsächlich ist Aufbau einer der letzten verbliebenen Verlage in Deutschland, die nicht wie Wagenbach, Schöffling oder Kunstmann ihr Programm mit einer Handvoll Mitarbeitern machen und andererseits auch nicht, wie Kiepenheuer & Witsch oder Manesse, zu einem Großkonzern wie Holtzbrinck, Bonnier oder Random House gehören. In der gleichen Liga der Mittelständler spielen außer Aufbau nur ganz wenige wie Hanser oder Suhrkamp.

So sorgen die nummerierten bibliophilen Preziosen der „Anderen Bibliothek“, herausgegeben von Christian Döring, und die Aufbruchsstimmung bei Metrolit auf alle Fälle für Aufsehen, aber offenbar nicht für genügend Geld. In Zukunft werde sich Aufbau, sagt Kusche, mehr „auf die Schärfung des Markenkerns wie Aufbau Taschenbuch“ konzentrieren. man muss sagen: Das könnte schon helfen. Eine Linie, wofür das Aufbau-Programm stehen könnte, war jedenfalls schon seit Jahren nicht klar zu erkennen. Es war und ist ein Gemischtwarenladen, deren Bücher man allzu oft gelesen haben kann, aber bei weitem nicht muss. Strien und Erben müssen sich wohl den Vorwurf gefallen lassen, zu wenige neue Autoren bei Aufbau durchgesetzt zu haben, so schwierig das angesichts der finanzkräftigeren Konkurrenz in einem schrumpfenden Markt auch sein mag. Zuletzt fiel einem, wenn man an Aufbau dachte, eigentlich nur noch Hans Fallada ein, nicht gerade eine Neuentdeckung.

Spektakuläre personelle Entwicklungen führen auch automatisch zu Spekulationen. So ist schon seit längerem Branchengerücht, genauer gesagt kommt es aus Kreisen von Literaturagenten, dass Matthias Koch als verkaufswillig gilt. Er werde zwar nicht aktiv in den Markt gehen und den Verlag aufbauen, aber wenn man ihn fragen würde, wäre er nicht desinteressiert. Andererseits machte Matthias Koch eigentlich immer den Eindruck, als würde er sich in dem Verlagsgeschäft zunehmend heimisch fühlen.

Bei der „Anderen Bibliothek“ und Metrolit soll es zunächst weitergehen wie gehabt. Zumindest die Leitung von Metrolit ist nach dem Rauswurf von Erben aber vakant. Nächsten Freitag werde es neue Nachrichten geben, sagt Kusche. Man könne sich auf „externe und interne neue Leiter“ gefasst machen. In der zweiten Reihe im Aufbau-Konsortium stehen etwa der erfahrene Programmmacher Peter Graf oder Blumenbar-Mitgründer Lars Birken-Bertsch, einer der am stärksten inhaltlich denkenden Marketingleute der Branche.