Konzert in Berlin

Michael Bublé beschwört sogar in Riesen-Hallen Nähe herauf

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Peter E. Müller

Foto: JERRY LAMPEN / AFP

Er steht in der Tradition des Swing der 30er- und 40er-Jahre. Doch Michael Bublé hat ihn ins 21. Jahrhundert gebeamt. In der O2 World versucht er sich an Daft Punk - und sucht die Nähe zu seinen Fans.

Ausgerechnet die Rolling Stones waren es, die es auf den Punkt gebracht haben: „It’s the singer, not the song“. Nicht das auf nüchternem Notenpapier festgehaltene Lied ist es, das Emotionen schürt, sondern der Sänger, der es sich zu Eigen macht, der es mit Leben füllt, der ganz darin aufgeht. Das ist das Geheimnis eines jeden guten Entertainers. Und einer der besten zeitgenössischen Interpreten des Genres heißt Michael Bublé.

Wie er es schafft, selbst in einer weitläufigen Mehrzweckhalle so etwas wie Nähe und Intimität herauf zu beschwören, ist bewundernswert. In der gut gefüllten O2 World zelebrierte der 38-jährige Kanadier am Dienstagabend seine neue Tournee-Show „To Be Loved“. Und am Ende dürfte kaum einer der mehr als 10.000 Besucher nicht mit dem Gefühl nach Hause gegangen sein, dass Michael Bublé nur für ihn gesungen habe. Oder besser gesagt für sie, denn das weibliche Publikum ist eindeutig in der Mehrheit an diesem Abend.

Flammenwerfer wie beim Heavy-Metal-Konzert

George Gershwins „Rhapsody In Blue“ wuchtet kurz vor 21 Uhr zur Einstimmung aus der Anlage. Flammenwerfer spucken Feuersäulen in die Höhe, als wären wir bei einem Heavy-Metal-Konzert. Als sich der mächtige Vorhang mit den Initialen MB ein Stück hebt, steht Michael Bublé in Tuxedo und Lackschuh auf eine Schräge und eröffnet das Konzert mit dem durch Peggy Lee popularisierten Klassiker „Fever“. Und schliddert unter Jubel bis vorn an die Bühnenrampe.

Michael Bublé ist einer, der in der Geschichte des frühen und sehr frühen Pop kramt und hervorholt, was sein Herz bewegt. Das können Standards aus dem Great American Songbook ebenso sein wie Songs der Bee Gees oder von Van Morrison. Dabei kopiert er die swingend-melodieseligen Klassiker keineswegs. Er nimmt sich ihrer an. Er formt sie sich zurecht. Und er macht sie in mitunter neuem Arrangement und eigensinniger Interpretation zu Bublé-Songs.

Frank Sinatras Kunst ins 21. Jahrhundert gebeamt

Mit dem 2009 für einen Grammy nominierten „Haven’t Met You Yet“ singt er eine Eigenkomposition gleich als zweites Stück. „Welcome Berlin‘“, ruft er in den Saal. Langanhaltender Applaus braust auf. „Please stop loving me so much“, sagt er mit gespielter Schüchternheit. „I can’t stand it.“ Und er macht klar, dass dieser Abend kein Konzert ist. Auch keine Show. Sondern ein Date. Ein romantischer Abend zwischen ihm und seinem Publikum.

Er sucht die Nähe zu seinen Fans, steigt von der Bühne, um ein Mädchen namens Tanja zu umarmen. Er gibt Küsschen, macht Fotos, um gleich darauf zu der durch Otis Redding berühmt gewordene Ballade „Try A Little Tenderness“ zu wechseln. Er steht in der Tradition der Crooner der 30er- und 40er-Jahre. Aber er hat die alte Kunst ins 21. Jahrhundert gebeamt. Ein Rockstar irgendwo zwischen Tony Bennett und Dean Martin.

Er hat ein versiertes Quintett an seiner Seite. Dazu kommt eine routinierte Acht-Mann-Bläsersektion und später eine Acht-Frau-Streichergruppe aus Berlin. Die virtuosen Musiker verleihen jedem Lied den passenden Sound. Ob Cab Calloways „I’ve Got The World On A String“ oder Frank Sinatras „Come Dance With Me“, ob Nat King Coles „That’s All“ oder Nina Simones „Feeling Good“. Und weil Saxofonist Rob Wilkerson Geburtstag hat, animiert Bublé den Saal zum gemeinschaftlichen „Happy Birthday“-Singen.

Immer wieder plaudert er mit dem Publikum, als säßen wir in einem kleinen Jazzclub wie dem A-Trane und nicht in dieser riesigen Halle. Er erzählt von seinem Glück, Vater geworden zu sein. Er schwärmt von seinem Publikum da unten, ohne das es ihn nicht geben würde. Er kann albern werden, auch mal ein bisschen zotig, dann wieder hemmungslos kitschig. Und man nimmt ihm jedes Wort ab.

Daft Punk und die Lust am Tanzen

Es sind meist Jazz- und Soulballaden, die das Programm bestimmen. Doch irgendwann bekennt er, Lust zum Tanzen zu verspüren. Und wagt sich tatsächlich an eine Version von Daft Punks „Get Lucky“. Man sieht es ihm nach. Er springt von der Bühne, marschiert im funkpoppigen Beat durch die ganze Halle zu einer weiteren Bühne samt Laufsteg und Reling mitten im Publikum, auf der er sich, unterstützt von der bereits als Vorprogramm aktiven Gesangsgruppe Naturally 7, an „I Want You Back“ der Jackson 5 und „To Love Somebody“ der Bee Gees macht.

Für den Rückweg zur Hauptbühne steht „All You Need Is Love“ von den Beatles in einem opulenten Gestöber von herzförmigem Konfetti auf dem Spielplan. Alles singt mit und es wirkt interessanter Weise keinen Moment lang peinlich. Charmebolzen Bublé hat das Publikum längst auf seiner Seite. Ja, er ist fraglos einer der schillerndsten Bühnenentertainer unserer Tage. Nach elf Jahren und mittlerweile sechs Studioalben funktioniert sein Erfolgsrezept, diese legere Mixtur aus aufwendiger Pop-Show und intimer Swing-Nostalgie, noch immer bestens.

Ausgefeilte Perfektion bis zum frenetischen Applaus

Die Ausstattung ist einzigartig. Eine gewaltige Videowand, die gestochen scharf illustrative Filmeinspielungen, computeranimierte Extravaganzen mit 3D-Feeling oder die Musiker bei der Arbeit zeigt, nimmt die ganze Bühnenbreite ein. Dir Bodenplatten lassen sich hydraulisch heben und senken, werden beim Finale mit „It’s A Beautiful Day“ gar zur zweiten quietschbunten Projektionsfläche. Sound- und Lichtregie sind von ausgefeilter Perfektion.

Natürlich gibt es Zugaben. Natürlich gehört auch wieder „Cry Me A River“, der auf ewig mit Julie London verbundene Evergreen zum Repertoire. Bublé singt eine furiose Latin-Version von „Save The Last Dance For Me“ der Drifters. Und wie schon beim vorigen Berlin-Gastspiel ist es wieder Leon Russells „A Song For You“, der den Schlusspunkt setzt unter eine gut zweistündige Show, die wie ihr Titel schon sagt, nur eines will: geliebt werden. Die letzten Zeilen singt Michael Bublé ganz ohne Band und ganz ohne Mikrofon. Stimmt schon: It’s the singer, not the song. Der Applaus ist frenetisch.