Zwölf Stunden

Neues Leben im einstigen Stummfilmkino Delphi

Vergessenes Juwel der Stadt: Lange interessierte sich kaum jemand für das einstige Kino Delphi in Weißensee. Nun bringen drei Fans der Berliner 20er-Jahre wieder Leben in den verwitterten Bau.

Foto: Marion / Marion Hunger

09:30 Wie jeden Tag sind Nikolaus Schneider und Brina Stinehelfer die ersten am ehemaligen Stummfilmkino Delphi in Weißensee. Ein kalter Wind pfeift durch die Gustav-Adolf-Straße während Schneider den unauffälligen Eingang aufschließt. Nur eine diskrete neonbeleuchtete Kinowerbung lässt vermuten, dass sich hier einst Berliner Filmgeschichte abspielte. Das Delphi wurde 1929 erbaut und 30 Jahre als Kino betrieben. Später diente der Raum als Lager, Wäscherei und Briefmarkengeschäft. Doch bis auf den Denkmalschutz interessierte sich kaum jemand für das Gebäude. 2006 erwarb es Geschäftsmann Andreas Jahn bei einer Zwangsversteigerung und sicherte das sanierungsbedürftige Kino vor dem Verfall. Betreiber sind nun Schneider, Stinehelfer sowie Johannes Wille. Sie wollen das vergessene Kino als Kulturort wiederbeleben, bieten Filmvorführungen und Soireen in geschlossener Gesellschaft. „Renovieren müssen wir schon. Aber die Patina und der Zeitgeist sollen erhalten werden“, sagt Schneider.

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11:00 Mit halb erfrorenen Händen gleitet die zierliche Künstlerin Stephanie Custance ins Foyer um sich eine heiße Tasse Tee aus ihrer Thermosflasche einzuschenken. Seit über einer Stunde stand sie in der Kälte um das Schaufenster für die wandernde Ausstellung „Hereinspaziert! 100 Jahre Filmstadt Weißensee“ vorzubereiten. „Hier ist noch nicht viel los“, sagt die 27-jährige Amerikanerin über Weißensee, das früher Klein-Hollywood genannt wurde und bis zum Ende der Stummfilmzeit in den frühen 1930er Jahren ein Zentrum der Filmwirtschaft war. „Aber das ändert das Delphi gerade.“

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12:45 Zurück im Zuschauersaal. Als das Kino 1929 eröffnet wurde hatten hier fast 900 Zuschauer Platz. Heute stehen statt Sitzreihen rechteckige Tische, statt Schwarzweißbildern auf einer Leinwand die flamboyante New Orleans Jazz Band Dizzy Birds auf der Bühne. Die fünf Musiker proben für einen Auftritt.

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13:00 Monica Bras und Marco Dietz, Tänzer von der Swing Patrol Berlin, haben begonnen, ihren eigenen Auftritt im Delphi einzustudieren. Wie fast alle Events im Delphi soll im Stil der 20er-Jahre gefeiert werden.

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13:30 Der Veranstaltungstechniker Johannes Wille lässt eine Leinwand vor der Bühne herunter und der goldbesetzte, gewölbte Saal gleicht wieder einem Kino. „Es war mein Lebenstraum, einen Raum mitzugestalten und mit einem Team eine Kulturstätte aufzubauen“, sagt Wille.

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13:35 Der Pianist Gregor Graciano setzt sich an das Klavier links der Bühne, ein Familienerbstück von Nikolaus Schneider von 1890, und improvisiert zu Stummfilmausschnitten.

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14:45 Tanja Bresan und Brina Stinehelfer entflechten einen Berg langer Perlenketten und sortieren den Schmuck zu Schokolinsen und Zigaretten in einen Bauchladen, den Bresan am Abend tragen soll. „Viele der Mitarbeiter und Künstler hier kennen Nikolaus und ich von unseren Kunstprojekten“, erklärt Stinehelfer, die Bresan bei einem Kulturprojekt vor fünf Jahren in Belgrad kennen gelernt hat. Stinehelfer ist Performancekünstlerin und versucht, jedes Event im Delphi als Komplettinszenierung zu konzipieren. So gehört sogar der Bauchladen, auf dem „Waldorf Astoria“ steht und der von den Betreibern beim Aufräumen entdeckt worden war, zum Gesamtkunstwerk.

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15:30Akkordeonistin Miss Natascha Enquist übernimmt die Bühne für ihren Soundcheck. Sie kam 2012 zum ersten Mal ins Delphi, um sich „Der Blaue Engel“ anzuschauen. Natascha Enquist hatte sich verkleidet „mit diesem Zylinder und ansonsten wenig“, sagt die Kanadierin und tippt an ihren Hut. Damals fragte sie Stinehelfer, ob sie Lust habe, selbst einmal aufzutreten. „Das hatte ich“, sagt Enquist. Denn was sie im Delphi entdeckte, entsprach genau dem Fantasiebild Berlins, das ihrer Meinung nach viele Ausländer teilen. „Marlene-Dietrich Stil, 20er-Jahre-Exzesse, ein bisschen Off-Szene.“

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15:35 Es pfeift aus den Lautsprechern. Tontechniker Tilman Agueras dreht an einigen Knöpfen und signalisiert Enquist, dass sie singen möge. Er schloss sich dem Delphi-Team an als es noch keinen Lohn gab. „Nur das Versprechen spannender Arbeit und dass irgendwann mehr Geld kommt“, sagt er lächelnd. Dann steigt Agueras auf den Dachboden, in den kalten Projektionsraum, um sich einen Überblick zu verschaffen. Es heißt, Regisseur Quentin Tarantino habe einmal erwogen, hier Szenen für seinen Weltkriegs-Film „Inglourious Basterds“ zu drehen.

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16:00 Der Soundcheck ist abgeschlossen. Miss Enquist verabschiedet sich und geht vorsichtig in ihren hochhackigen Schuhen von der Bühne. Johannes Wille und das Ehepaar Schneider sitzen bei Kerzenlicht zusammen und besprechen, was noch alles zu tun ist. Baugenehmigungen beantragen, Eventplanung und die Suche nach Förderungsmöglichkeiten sind ihr Alltag. „Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und ist sehr anspruchsvoll, aber genau deswegen auch spannend. Es ist als hätte man einen vierten Partner mit eigenen Ansprüchen“, sagt Wille.

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19:10 Nach einer schnellen Mahlzeit in einem Lokal um die Ecke kommen die drei Betreiber wieder ins Delphi. Um 20.30 Uhr beginnt die nächste Veranstaltung, die „Absinth Aperitif Soiree“-Reihe. Stummfilmausschnitte, Musik, Tanz- und Burlesqueperformances sowie Absinthcocktails stehen auf dem Programm. Nach dem langen Probetag gilt es nun den Saal vorzubereiten bevor die Gäste kommen.

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21:30 Die Filmausschnitte spulen zu Ende und Stinehelfer sagt Miss Natascha Enquist an. Der Saal ist nur von Kerzenlicht beleuchtet. Auf der Bühne funkelt Miss Enquests Kabarett-Outfit. Auch viele der circa 150 Gäste haben sich im 20er-Jahre Look gekleidet. Als einige zu den Chansons tanzen, schwingen die Haarfedern der Damen in der Luft.

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22:40 Pause vor den zwei letzten Vorführungen. Mehrere Besucher gehen an die Bar im Foyer, um unter den marmorierten Lichtkugeln weiterzuplaudern, zu rauchen und frische Cocktails zu bestellen. „Es sind nicht so viele da wie bei den anderen Absinth Partys“, sagt Schneider etwas besorgt. Aber die Gäste scheinen gute Laune zu haben, ohne einen Gedanken ans Gehen. Bei den geschlossenen Abenden im Delphi gilt nämlich meistens: Wer kommt, bleibt bis zum Schluss.

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