Ballett

Der langsame Abschied des Startänzers Malakhov von Berlin

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Volker Blech

Foto: Martin Lengemann / M. Lengemann

Ende einer Ära des Balletts: Vladimir Malakhov erlebt am Dienstag seine letzte Premiere an der Deutschen Oper. In „iCarus“ steht er mit verbrannten Flügeln wieder auf und geht in eine andere Richtung.

Tanzstar Vladimir Malakhov bekommt eine letzte Rolle auf den Leib geschneidert. „iCarus“ nennt sich das Stück des flämisch-marokkanischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui. Der Titel spielt auf den Ikarus-Mythos an, wonach der Übermütige mit dem Absturz bestraft wird, weil er nach der Sonne greift.

Mit diesem griechischen Heldenmythos schmücken sich gern gescheiterte Künstler. Das Tanzstück erlebt seine Uraufführung in „Malakhov & Friends – The Final“ am kommenden Dienstag in der Deutschen Oper. Es ist, wenn man so will, Malakhovs letzte Premiere in Berlin.

Im Charlottenburger Opernhaus, ganz oben unterm Dach, residiert Vladimir Malakhov als Intendant des Staatsballetts Berlin. Allerdings wird das nur noch wenige Monate dauern, denn bereits in diesem Monat kommt sein Nachfolger Nacho Duarto nach Berlin. Im Sommer ist dann offiziell die Übergabe. Bis dahin wird das Staatsballett den Abschied seines großen Gründungsdirektors zelebrieren. Zwischen dem Amtierenden und seinem Nachfolger herrscht allerdings Funkstille.

Eine rätselhafte Kommunikation

Die Ära Malakhov ist überhaupt gekennzeichnet von einer rätselhaften Kommunikation. Möglicherweise war es auch eine Zeit voller Missverständnisse. Das liegt ja nah nebeneinander. Als Vollbluttänzer gehört Malakhov zu jenen Auserwählten, die alles mit Händen und Füßen erklären können. Praktisch ohne Worte auskommen, was auf der Bühne zur einzigartigen Ballettkunst wird.

Im Alltag dagegen braucht es einen Dolmetscher. Beim Staatsballett hatte diese Funktion immer seine Stellvertreterin Christiane Theobald inne. Aber als Malakhov dieser Tage das Abschiedsbuch „Vladimir Malakhov und das Staatsballett Berlin 2004 bis 2014“ vorstellte, war sie nicht mit dabei. In dem Bildband finden sich viele Beiträge von Wegbegleitern, nur keiner von seiner Stellvertreterin. Es gibt kein offizielles Statement dazu, nur Bedauern.

„Weißt du“, sagt Malakhov ziemlich häufig, wenn er Dinge erklärt. Dazu lächelt er immer verlegen. Seine Jungenhaftigkeit hat er nicht verloren, dabei hat er kürzlich seinen 46. Geburtstag gefeiert. Wenn er beispielsweise sagt, dann „kommt eine Blume, so groß und so stark“, dann will er eigentlich das Erblühen seiner Compagnie beschreiben. Bilder haben bei ihm oft etwas mit Bewegung zu tun. Und mit Gefühlen. Vertraute haben über Jahre hinweg gelernt, Malakhovs knapp hingeworfene Sätze und die dazugehörigen Gesten zu übersetzen. Andere im Berliner Kulturbetrieb hat er damit verschreckt.

Ein exklusives Ensemble fürs klassische Ballett

Zu den Missverständnissen gehört wahrscheinlich auch die langjährige Eiszeit mit der Staatlichen Ballettschule in Berlin, über die sich Malakhov früher mehrfach abfällig geäußert hat. Der Tänzer aus dem ukrainischen Kriwoi Rog ist als Aufsteiger durch die knallharte russische Ballettschule gegangen. Im Herzen ist er ein Hardliner geblieben, wohingegen die Berliner Ballettprofessoren ihr Schulmodell dem Zeitgeist anpassen mussten. Die Tanzwelt ist heute bunter, schillernder und leichtfüßiger, als es ein Klassiker wie Malakhov wahrnehmen möchte. Man redete aneinander vorbei. Wenn sein Nachfolger kommt, so viel ist bereits hinter seinem Rücken verkündet, wird die Zusammenarbeit wieder herzlicher sein.

Eine Ära endet. Als Fazit gilt: Er ist der große Malakhov. Der „fliegende Vladimir“, wie er liebevoll-bewundernd in Moskau genannt wurde, bleibt ein Ausnahmetänzer, der die Ballettwelt um die Jahrtausendwende herum mitgeprägt hat. Einer, der sich nie im Ensemble hocharbeiten musste, sondern 1986 gleich als jüngster Erster Tänzer beim Klassischen Ballett Moskau einstieg.

Irgendwann hat sich der Dirigent Daniel Barenboim mit ihm im Hotel „Imperial“ getroffen und ihm die Leitung des Balletts an seiner Lindenoper angeboten. Damals hatte jedes der drei Opernhäuser noch seine eigene Compagnie. Später gab es auch zwischen dem Stardirigenten und dem Startänzer keine Kommunikation mehr.

Das Publikum hat sich in Malakhovs Glanz wohlgefühlt

2002 übernahm Malakhov zunächst das Lindenballett, 2004 wurde er Gründungsdirektor des Staatsballetts Berlin. Während der Tanzstar öffentlich hofiert und gefeiert wurde, war diese Ballettfusion äußerst schmerzhaft. Am Ende kamen von 88 Tänzern nur einer von der Komischen Oper und 15 aus der Deutschen Oper hinüber zum Staatsopernballett, das von da ab Staatsballett Berlin hieß. Malakhov hatte sich in dieser Zeit viele Feinde gemacht, aber unbeirrt ein exklusives Ensemble fürs klassische Ballett zusammengebaut.

Das Publikum hat sich in Malakhovs Glanz wohlgefühlt. Die Auslastung stieg von 61 Prozent 2004 auf aktuell 86 Prozent. Lange Jahre waren die Premieren gesellschaftliche Ereignisse, zumal, wenn er selbst tanzte. Oder die von ihm entdeckte russische Primaballerina Polina Semionova. Inzwischen haben allerdings auch die beiden sich nichts mehr zu sagen.

Malakhov, der seit Jahren massiv gedrängt wird, endlich seine Abschiedsvorstellung zu geben, tanzt immer noch. Bis zu seinem Weggang und womöglich darüber hinaus. Über Fragen nach dem „iCarus“ lächelt er freundlich hinweg. Beiläufig ist zu hören, am Ende des Stücks soll Ikarus mit den verbrannten Flügeln wieder auferstehen und in eine andere Richtung gehen. So viel Symbolik muss sein, selbst wenn das Stück nur einige wenige Minuten dauert. Malakhov wechselt im Sommer zum Tokyo Ballet.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Malakhov & Friends – The Final am 21., 23.-25., 27.1.; 27./28., 31.3