Theater

Das Grips kann sich Kindertheater nicht mehr leisten

Berlins legendäre Bühne spielt mehr Erwachsenenstücke, weil es die höheren Einnahmen braucht. Jetzt soll ein Förderverein das Haus am Hansaplatz aus der Finanzkrise führen.

Foto: Reto Klar

Lars Eidinger und Wolfram Koch sind die Frühstarter. Sie gehören zu den ersten Mitgliedern des gerade gegründeten Förderverein des Grips Theaters. Die beiden sind durch die Kinder- und Jugendbühne theatersozialisiert worden – und haben keinen Augenblick gezögert. Möglich, dass sie am kommenden Dienstag um 19.30 Uhr bei der Vorstellung des neuen Vereins, der den Namen „mehr grips!“ trägt, im Grips Theater mit dabei sind. Und das, obwohl beide Schauspieler aufgrund ihrer Theaterengagements und diverser Film- und Fernseharbeiten ziemlich beschäftigt sind.

Die Gründung eines Fördervereins gehört sicher zu den nicht so aufregenden Sachen an einem Theater: Viel Bürokratie, Studium des Steuerrechts, zahlreiche An- und Nachfragen. Das ist ein Grund, warum der 76-jährige Volker Ludwig, der das Grips 1969 gegründet hat und nach seinem Teilrückzug noch Geschäftsführer des Theaters ist, so lange gezögert hat. Mit der Gründung einher ging die Umwandlung der GmbH, an der Ludwig die Anteile hält, in eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Denn ein „Förderverein macht nur Sinn, wenn er Spendenquittungen ausstellen darf, aber das geht nur, wenn das Theater keine kommerzielle GmbH ist“. Auch das ist mit viel Papierkram verbunden.

Aber Volker Ludwig hat sich schließlich doch darauf eingelassen, weil er einerseits mit Börries von Liebermann, Walter Momper, Renée Gundelach und Hermann Florin Mitstreiter gewinnen konnte, die ihm viel Arbeit abgenommen haben. Und andererseits, weil es dazu keine Alternative gibt. Denn das Grips Theater ist unterfinanziert, aber die Zuschüsse des Landes bleiben auch 2014 und 2015 unverändert. Also muss die Unterstützung woanders herkommen.

Dem Grips fehlen 50.000 Euro

Die Idee für den Förderverein war eine Konsequenz aus der drohenden Insolvenz der Theater GmbH vor knapp zwei Jahren. Auch die hat eine längere Geschichte. Der Grund dafür war laut Volker Ludwig „ein seit 2004 anwachsendes strukturelles Defizit, das das Grips nicht mehr aus eigener Kraft ausgleichen konnte“. Der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses ließ sich 2012 die Wirtschaftspläne vorlegen und schließlich überzeugen; eine Erhöhung der Zuschüsse um 100.000 Euro pro Jahr wurde bewilligt. Das half dem Haus „temporär“, denn eigentlich wären 150.000 Euro erforderlich gewesen, sagt Ludwig. Die fehlenden 50.000 Euro führen dazu, dass das Grips „viel weniger Kinder- und Jugendvorstellungen spielen kann, als es möchte“.

Das aber ist der Markenkern der Bühne – und diese Zielgruppe liegt Volker Ludwig natürlich sehr am Herzen. „Das ist ein Skandal“, sagt der Grips-Gründer. Aber eine ganz einfache Rechnung. Ein Drittel des Spielplans nehmen mittlerweile Produktionen für Erwachsene ein wie „Frau Müller muss weg“ oder „Kebab Connection“, denn wegen höherer Eintrittspreise sind die Einnahmen an der Kasse ungefähr dreimal so hoch wie bei Schülervorstellungen. Ludwig: „Würde das Grips Theater jährlich 30 Abendvorstellungen durch Schulvorstellungen ersetzen, ergäbe das ein zusätzliches Defizit von 100.000 Euro.“

Über 85 Prozent Auslastung

Kinder- und Jugendtheater „muss man sich leisten können“, das Grips sei dazu kaum mehr in der Lage, sagt Ludwig. Und Kulturmanager Börries von Liebermann, der Vorsitzende des Fördervereins, ergänzt: „Wir verstehen nicht, warum das Kinder- und Jugendtheater in Berlin so minderbemittelt ist und mit so wenig Geld auskommen muss“. Kinder- und Jugendtheater zu fördern „sollte ja eigentlich wichtiger sein, als die Förderung von Unterhaltung in den großen Theatern der Stadt. Hier im Grips wird an allen Ecken und Enden gespart, obwohl das Haus brummt und eine Auslastung von über 85 Prozent hat.“

Mit knapp 2,9 Millionen Euro jährlich wird die Bühne aus dem Kulturetat unterstützt, das Maxim Gorki, das kleinste Berliner Staatstheater, bekam 2012 knapp zehn Millionen Euro. Zwar lassen sich eine private GmbH und ein Landestheater nur bedingt vergleichen, aber die Abstimmung an der Kasse geht klar zugunsten des Grips aus: 2012 hatte das Kinder- und Jugendtheater laut Senatsstatistik 89.000 Besucher, das Gorki, bei vergleichbarer Kapazität, rund 10.000 weniger. Und der durchschnittliche Kartenerlös lag beim Grips wegen den zahlreichen Abendvorstellungen bei beachtlichen 10,30 Euro. Zum Vergleich: Die Volksbühne, der Zuschuss des Landes lag dort bei 16,5 Millionen Euro, nahm im selbem Jahr durchschnittlich 12,40 Euro pro Karte ein.

Das Privattheater geht leer aus

Die Landestheater bekommen im Doppelhaushalt 2014/15 etwa 90 Prozent der Lohnsteigerungen durch eine Erhöhung der Zuwendungen seitens des Landes ausgeglichen. Das Grips geht als Privattheater leer aus. Das führt dann zu der kurios anmutenden Situation, dass die Kollegen vom Theater an der Parkaue, ebenfalls eine Landesbühne, in den Genuss von Gehaltssteigerungen kommen, die Grips-Schauspieler im schlechtesten Fall gar nichts bekommen, denn „jede Erhöhung vergrößert unser Defizit“, sagt Ludwig.

Sollte das Land bei der Lösung der finanziellen Probleme auf „mehr grips!“ setzen, dürfte die Rechnung nicht aufgehen. „Der Förderverein sieht seine Aufgabe nicht daran, den Senat zu entlasten und das jährliche Defizit aufzufangen“, betont von Liebermann. Der Verein „will Lobbyarbeit für das Grips leisten, mit dem Ziel, generell eine bessere finanzielle Ausstattung für das Grips zu erreichen.“ Eine ehrenvolle Aufgabe. Aber keine leichte.