Berliner Morgenpost: Herr Ludwig, mit Ihrem Musical sind nicht nur Sie und Ihr Grips-Theater weltberühmt geworden, sondern auch ein öffentliches Verkehrsmittel. Wie kamen Sie auf die Idee, ein Musical in eine U-Bahn zu verlegen?
Volker Ludwig: Zunächst stand nur fest, dass es ein Musical geben sollte. Ich hatte der Band des Grips-Theaters ein Stück versprochen, in dem sie live spielen konnten. Zuvor hatten wir ein Jugendstück gemacht, das nur Playback verwendete. Mir schwebte anfangs ein Kabarett vor. Wir hatten unendlich viele kleine Geschichten und Figuren, die aus anderen Stücken herausgefallen waren. Erst siedelten wir sie in einem Bahnabteil an. Das hat ja den Vorteil, dass dort immer Menschen hineinkommen und hinausgehen, ohne dass man sich fragt, warum. Schließlich kamen wir auf die Idee einer U-Bahn-Fahrt.
Und warum ausgerechnet die Linie 1?
Weil sie die damals spannendsten Pole der Stadt verband, das gutbürgerliche Charlottenburg und das wilde Kreuzberg. Dort wohnten die Studenten, die Ausländer und auch viele unserer Schauspieler. Sie steuerten viele eigene Erlebnisse und Geschichten bei. Zum Schluss mussten wir das Stück sogar kürzen, weil es vier Stunden lang war.
Heute hat es immerhin noch drei Stunden – und wird nach wie vor gespielt. Nicht nur am Grips Theater, sondern rund um die Welt. Die erfolgreichste Adaption läuft im fernen Soul. Was macht das Stück so gut übertragbar?
Das hat uns selbst überrascht. Was wir nicht ahnten war, dass es ein typisches Großstadt-Stück ist. Figuren wie unsere gibt es in allen Städten. In Soul und auch anderen Orten adaptierten die Theatermacher unsere die Idee und suchten eigene Charaktere, die typisch für die jeweilige Stadt sind.
Man hat Sie immer wieder nach einer Fortsetzung gefragt. Warum gab es nie eine Linie 2, 3 oder 4?
Eine „Linie 2“ haben wir ja gemacht - Untertitel „Der Alptraum“. (Er lacht). Das war ein eher ironisches Buch zum 25. Jahr von „Linie 1“, in dem wir uns ein bisschen über uns selbst lustig gemacht haben. Nein, eine Fortsetzung kann es nicht geben. Heute wären ja auch viele Figuren ganz anders. Die „Wilmersdorfer Witwen“ sind ausgestorben, Zeitungsleser gibt es kaum noch. Stattdessen vertiefen die Menschen sich in ihre Handys.
Das Bühnenstück wurde über viele Jahre der Zeit angepasst. So wurden erst die Mauer und dann die Mark herausgestrichen. Seit 2004 läuft es wieder in der historischen Fassung von 1986. Wie unterscheidet sich der Film von Reinhard Hauff vom Bühnenstück?
Auch er hat die 80er-Jahre festgehalten, schon allein durch die Kulisse. Während uns auf der Bühne für die Szenen im Zug zwei Bänke reichten, wurde für den Film ein kompletter U-Bahn-Waggon ins Studio gehievt. Es wurden realistische Bahnhofsszenen nachgebaut. Dadurch hat der Film etwas sehr Künstliches - im positiven Sinne. Er hat eine Patina, als spiele er in einer schon viel länger vergangenen Zeit.
Was hat man bei der BVG eigentlich damals zu „Linie 1“ gesagt? Die fiesen Kontrolleure und BVG-Mitarbeiter mit ihren „Zurückbleiben“-Befehlen sind ja nicht gerade sympathisch.
Zuerst war die Reaktion etwas verhalten. Heute sind wir gut befreundet. Zum 25.-jährigen Bestehen des Musicals schenkten uns die BVG ein historisches Linie-1-Schild und wir durften auch schon mal in den U-Bahnen auftreten und Lieder singen, um auf das Theater aufmerksam zu machen. Und das Stück ist ja auch nicht wirklich böse. Es lebt von derselben Idee wie alle unsere Stücke.
Was ist die Grips-Idee?
Man muss auch die fiesesten Figuren mögen, sonst kann man sie nicht gut beschreiben. Wir machen Widerstands-Theater, aber die Zuschauer sollen nicht aufgeben, sondern ermutigt aus der Vorstellung gehen.
Fahren Sie eigentlich selbst mit der U-Bahn?
Nein, eher selten. Für das Musical habe ich mit damals den Bahnhof Zoo eigens an einem Morgen um 6.14 angeschaut, die Uhrzeit, zu den das Mädchen Sunny dort ankommt, und bin ein paar Mal mit der Linie 1 gefahren.


