Grips-Theater

Mobbing in der Schule - Wenn Kinder sich gegenseitig quälen

Im neuen Stück „Schnubbel“ des Grips-Theaters geht es um Mobbing in der Schule – und darum, wie aus Feinden Freunde werden. Zum ersten Mal stehen jüngere Grundschulkinder im Mittelpunkt.

Foto: Massimo Rodari

Tim ist dick, trägt Latzhose, singt vor sich hin, und seine Mutter nennt ihn auch noch „Schnubbel“. In aller Öffentlichkeit. Seine Mitschüler Samira, Leila und Bodo hänseln ihn deshalb und haben sich gleich noch ein paar fiesere Spitznamen ausgedacht wie „Fetti“ oder „Schwabbel“. Sie filmen Tim gegen seinen Willen mit dem Smartphone, sie machen sich lustig über ihn. So sehr, dass es längst nicht mehr lustig ist. Tim wird gemobbt.

Er ist die Hauptfigur im neuen Stück „Schnubbel“, das an diesem Freitag im Grips-Theater Premiere feiert. Doch bei der Darstellung von Mobbing hört das Stück nicht auf. Es zeigt auch die Gründe, wieso Kinder sich gegenseitig quälen. Es zeigt, dass Opfer genauso wie Täter oft ein ganzes Paket voller Probleme mit sich herumtragen. Und es zeigt Perspektiven, wie Kinder aus so einer Situation wieder herauskommen können.

Nach langer Zeit hat der Gründer des Grips-Theaters und langjährige Leiter Volker Ludwig wieder ein Stück für Kinder ab sechs Jahren geschrieben. Und es ist kein Zufall, dass es darin um Mobbing geht. Es ist nicht das erste Stück zum Thema am Grips-Theater, aber zum ersten Mal stehen jüngere Grundschulkinder im Mittelpunkt.

Heute gibt es auch häufig Quälereien unter Gleichaltrigen

„Ich habe gehört und geschaut, was ihre Probleme sind, und bin immer wieder auf das Mobbing-Thema gestoßen“, erzählt Volker Ludwig. Der 76 Jahre alte Dramatiker hat mit Lehrern gesprochen, ist in Schulen gegangen, war auf den Schulhöfen, hat sich während des Unterrichts in Klassenräume gesetzt und beobachtet. „Früher“, sagt Volker Ludwig, „haben ältere Schüler jüngere abgezogen, aber unter Gleichaltrigen gab es wenig Quälereien“. Heute gehört das längst auch in den Grundschulen zur Realität.

Ein Blick in den Zuschauerraum scheint ihm recht zu geben. Kaum ein Mucks ist zu hören. Die Drittklässler, die zur Hauptprobe eingeladen wurden, sitzen weit nach vorne gebeugt, und ihre Aufmerksamkeit ist ganz auf die Bühne gerichtet. Und das, obwohl ihnen das Stück mit seinen fast zwei Stunden Dauer viel Konzentration abverlangt.

„Wir kennen das“, sprudelt es hinterher wie im Chor aus ihnen heraus. Jeder weiß eine Geschichte zu diesem Thema, fast jeder hat sich schon mal als Opfer gefühlt. Tasnim, 9, wurde immer wieder von einer Mitschülerin geärgert: „Sie hat mir den Haarreif weggenommen, sie hat heimlich über mich geredet und war gemein zu mir.“ Schon in der ersten Klasse hat das angefangen, jetzt ist sie in der dritten. Aufgehört hat es erst, als sie ihren Mut zusammennahm, mit ihrer Mutter und ihrer Lehrerin geredet hat. Außerdem hat ihre Freundin ihr Rückhalt gegeben.

Flucht in Süßigkeiten und Musik

Tim im Stück hat erst einmal niemanden, mit dem er reden kann. Jedenfalls empfindet er es so. In der Schule findet er keine Freunde. Seine Mutter ist auf Jobsuche und hangelt sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten. Sie ist kaum zu Hause, um ihren Sohn kümmert sich die Oma. Aber zu ihr will Tim eigentlich gar nicht. Er futtert aus lauter Verzweiflung Süßigkeiten in sich hinein, flüchtet sich in die Musik, träumt davon, Popstar zu werden. Gleich zu Beginn wird seine Einsamkeit offenbar, als Tim auf die Bühne kommt und beginnt, mit seinen Stofftieren zu spielen, sie mitunter auch zu quälen. Das, was er erlebt, müssen auch sie durchmachen.

Irgendwann fängt er an, sich auf dem Schulhof zu wehren, wenn Samira und die anderen ihn wieder einmal provozieren. Die Lehrerin kommt gerade in dem Moment dazu, als Tim ausgeholt hat und die anderen am Boden liegen. Das Opfer wird als Täter beschuldigt. Er fühlt sich ungerecht behandelt und zieht sich noch weiter in sein Schneckenhaus zurück. Ein typischer Kreislauf. Hilfe findet er erst in der Begegnung mit Späti-Verkäufer Johnny, der Tim wieder Mut macht und bei dem sich Tim seinen Kummer von der Seele spricht.

Reden, darin sieht auch Doris Seeger die Lösung, um aus der Mobbing-Spirale wieder herauszukommen. Die Lehrerin der Galilei-Grundschule in Kreuzberg ist mit ihrer dritten Klasse zur Hauptprobe gekommen. In ihren 40 Berufsjahren hat sie schon viele Mobbing-Fälle erlebt. „Das Problem hat zugenommen“, sagt sie, „es ist subtiler und vielschichtiger geworden, die Medien spielen schon in der Grundschule eine immer größere Rolle.“

Schuldfrage löst keine Probleme

Als Lehrerin tue sie aber gut daran, sich so lange wie möglich herauszuhalten und die Situation erst einmal zu beobachten, sagt sie, damit sie nicht Gefahr laufe – wie die Lehrerin in „Schnubbel“ – ein Kind zu Unrecht zu beschuldigen. Mit der Schuldfrage sei das Problem ohnehin nicht gelöst, und es sei nicht immer einfach, zwischen Opfer und Täter zu unterscheiden. Oft steckt hinter dem Mobbing die Sehnsucht nach Anerkennung, und wer die nicht auf positivem Weg bekommt, holt sie sich eben auf negativem Weg. „Wenn einer gemobbt wird, dann haben ja die, die mobben, oft die größeren psychischen Defizite, sonst würden sie das nicht machen“, glaubt auch Volker Ludwig.

Um Mobbing vorzubeugen und den Zusammenhalt in der Klasse zu stärken, wird in vielen Schulen ein „Klassenrat“ praktiziert. Regelmäßig setzt sich der Klassenlehrer mit seinen Schülern zusammen und bespricht alle Dinge, die sie bewegen. Auch Doris Seeger setzt dieses Konzept um. Jeden Freitag in der letzten Stunde sprechen ihre Schüler darüber, was und wer ihnen gutgetan hat in der Woche. Negative Vorfälle werden bei ihr natürlich auch besprochen, aber am besten in der akuten Situation und nicht erst im „Klassenrat“.

Lehrer werden zum Problemlöser und zu Ersatzeltern

Das positive Feedback habe eine stärkende Wirkung auf die Kinder, hat sie beobachtet, würde aber im Schulalltag viel zu kurz kommen. „Auch die Eltern registrieren eigentlich nur die negativen Dinge“, so die Erfahrung von Doris Seeger. Allerdings nur, wenn es die anderen betrifft. Sei ihr eigenes Kind am Mobben beteiligt, würden sie das lieber nicht wissen wollen. Dabei brauche das mobbende Kind genauso Hilfe wie das Mobbing-Opfer.

Zu Hause würden sie diese Hilfe aber nicht immer bekommen, zumal die Eltern oft lange nichts vom Mobbing mitbekommen, hat auch Volker Ludwig beobachtet. Da werden die Lehrer immer mehr zum Problemlöser und zu Ersatzeltern. Doch diese Aufgabe können sie neben dem Unterricht gar nicht leisten.

„Schnubbel“-Premiere ist am 17. Januar, 17 Uhr im Grips-Theater am Hansaplatz, Tiergarten. Karten: 10 Euro, ermäßigt 7 Euro bzw. 4,50 Euro mit dem „Theater der Schulen“-Schein. Alle Vorstellungen im Januar sind ausverkauft, für Aufführungen ab 8. Februar gibt es Karten. Alle Termine und mehr zum Inhalt unter grips-theater.de