Neues Album

Bruce Springsteen und der ewige Traum vom anderen Leben

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Holger True

Foto: Danny Clinch / Sony Music

Unermüdlich: Der 64-Jährige legt mit „High Hopes“ binnen sechs Jahren sein fünftes Album vor. Es ist nicht sein stärkstes, aber immer noch stärker als das, was andere so aufnehmen.

Die Flamme des Neides glühte wohl durch manches Ü40-Männerherz, als vor einigen Monaten Paparazzi-Bilder von Bruce Springsteen beim Joggen am Strand von Rio auftauchten. Ein so gestählter Oberkörper mit 64 – wow. Und auch sonst scheint der Boss vom Altersruhestand weiter denn je entfernt. Dauerte es früher viele Jahre, bis mal ein neues Album erschien, und waren Europa-Konzerte die Ausnahme, wird inzwischen in einem Takt nachgelegt, bei dem 30 Jahre Jüngere in konditionelle Schwierigkeiten geraten dürften.

Mit „High Hopes“ erscheint jetzt das fünfte Album binnen gut sechs Jahren, dazwischen liegen Touren mit der E Street Band rund um den Erdball, und ein Ende ist nicht in Sicht. Jedes Gerücht, Springsteen werde künftig kürzer treten oder nur noch solo unterwegs sein, erledigt sich in schöner Regelmäßigkeit durch die nächste Tourankündigung. Selbst eine Überalterung des Publikums, das ja seit Jahrzehnten die Stadien füllt, ist kaum zu beobachten. Gerade in den ersten Reihen findet sich jede Menge Nachwuchs. Und der Boss genießt es sichtlich, immer noch von 20-Jährigen angehimmelt zu werden, die seine Enkeltöchter sein könnten.

Alte Bekannte in neuem Gewand

Nun also „High Hopes“, eine Sammlung von älteren Songs, die Springsteen bisher gar nicht oder in ganz anderen Versionen veröffentlicht hatte. Mit Tom Morello (Rage Against The Machine) an der Gitarre, der bereits 2012 gemeinsam mit der E Street Band auf der Bühne stand und speziell der live bestens erprobten Version von „The Ghost Of Tom Joad“ mit berauschenden Soli den Stempel aufdrückt. Auch „American Skin (41 Shots)“ und „Dream Baby Dream“, auf der „Devils & Dust“-Tour 2005 stets die letzte Nummer, sind alte Bekannte in neuem Gewand.

High Hopes“ ist kein homogenes Album wie „Wrecking Ball“ mit all seiner Wut, seinen Erlösungsfantasien. Keine Abrechnung mit einen entfesselten Kapitalismus, eher ein Best of the rest. Und trotzdem weitgehend von überragender Qualität. Wenn jemand ungestillter Sehnsucht eine Stimme geben kann, dann Springsteen, der im Titelsong bittet: „Give me help, give me strenght/Give a soul a night of fearless sleep/ Give me love, give me peace“. Der von einem anderen Leben träumt, davon, dass sich seine großen Hoffnungen erfüllen mögen. Und das mit einem tröstlichen Timbre, das verspricht: Ja, es gibt diese Hoffnung, lass dich nicht entmutigen.

Und demnächst wieder auf Tour

Für die emotionalsten Momente sorgen indes zwei andere Songs: die treibende Folknummer „Down In The Hole“, eines von zwei Stücken, auf denen noch einmal der 2011 verstorbene Saxofonist Clarence Clemons zu hören ist. Und „The Wall“, eine Hommage an den im Vietnamkrieg gefallenen Musiker Walter Cichon, der den jungen Springsteen schwer beeindruckte, und über den er sagt: „Ich vermisse ihn immer noch.“

„High Hopes“ ist gewiss nicht Springsteens stärkstes Album, sondern findet sich eher im Mittelfeld wieder, doch bei jemandem, der Klassiker wie „Born To Run“, „Born In The U.S.A.“ oder „The Rising“ geschrieben hat, liegt die Latte natürlich auch unendlich hoch. Für andere wäre eine solche CD wohl der Karrierehöhepunkt. Klar, dass der Mann demnächst auch wieder tourt. Zunächst durch Südafrika, Australien und Neuseeland. 64 ist für einen wie ihn schließlich kein Alter.

Das Album Bruce Springsteen: High Hopes (Sony). Ab heute im Handel