Kino

Was Philipp Stölzl an der „Medicus“-Verfilmung gereizt hat

Am 2. Weihnachtsfeiertag kommt „Der Medicus“ in die Kinos, am Montagabend feierte der Film Weltpremiere im Berliner Zoo Palast. Wir haben mit Regisseur Philipp Stölzl über sein Megaepos gesprochen.

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Der Mann sucht die Herausforderungen. In „Nordwand“ hat Regisseur Philipp Stölzl in der Eiger Nordwand gedreht, in „Goethe!“ hat er den Dichterfürchten als verliebten Studenten gezeigt. Das alles aber ist nichts gegen seinen neuen Film „Der Medicus“, der am Montagabend im Zoo-Palast uraufgeführt wurde und am 1. Weihnachtsfeiertag in die Kinos kommt: Ein 800-Seiten-Wälzer, verfilmt mit 25-Millionen-Euro-Budget, 65 Drehtagen, einem Cast mit Weltstars und Heerscharen an Statisten. Zwischen den Dreharbeiten und dem Schnitt hat er auch noch zwei Opern in Berlin inszeniert. Wie schafft man all das? Wir haben mit Stölzl gesprochen.

Berliner Morgenpost: Haben Sie „Der Medicus“ je gelesen, bevor das Angebot kam, es zu verfilmen?

Philipp Stölzl: Absolut. Ich habe das irgendwo auf einer Italienreise gelesen. Ich finde, das ist eine klassische Strandlektüre. Ein Populärwerk, das man so im Urlaub verschlingt. Sonst schafft man die 900 Seiten wohl auch kaum.

Hätten Sie je gedacht, dass Sie es einmal verfilmen würden?

Natürlich nicht. Aber als kleiner Junge habe ich immer Abenteuerbücher verschlungen. „Prinz Eisenherz“, „Ivanhoe“, das war meine Jugend. Und einmal so eine Art von Film machen zu können, das ist schon ein großer Jugendtraum, das kann man so sagen.

Wie kam das Projekt an Sie?

Das Projekt war lange in der Entwicklung. Seit den achtziger Jahren haben verschiedene Produzenten versucht, es zu verfilmen. Es gibt zahllose Drehbuchfassungen. Aber es hat nie so richtig geklappt. Die 900 Seiten adäquat zu komprimieren, diese lange Erzählzeit, in zwei Kontinenten, das ist sicher leichter in eine zehnteilige Serie zu packen als in einen Film. Selbst wenn er so lang ist wie der unsere, immerhin zweieinhalb Stunden. Und was auch von Anfang an klar war, war dass es ein teurer Film würde.

Da würde man erst mal an einen großen international renommierten Regisseur etwa aus den USA denken.

Ja, würde man vielleicht erst mal. Aber in den USA und selbst im englischen Raum ist „Der Medicus“ kaum bekannt. Seine großen Territorien hat er in Deutschland und in Spanien. Deswegen war klar, der muss aus dieser Ecke produziert werden. Was bei so einem Wahnsinns-Epos eine riesen Herausforderung war. Ich kam „erst“ vor zweieinhalb Jahren an Bord. Der Vorteil war, dass man aus den alten Schwierigkeiten der Buchentwicklung auch viel lernen konnte.

Der „Medicus“ ist einer der Lieblingsbücher der Deutschen. Ging es Ihnen da ein wenig wie Peter Jackson bei Tolkien. Gibt es da eine besondere Verpflichtung, den Fans gerecht zu werden, weil die sonst empört aufschreien?

Klar gibt’s die. Wir werden mal sehen, ob da jemand aufschreit. Der Vorteil beim „Medicus“ ist, dass es für die meisten ewig her ist, dass sie das Buch gelesen haben. Bei der Drehbuchentwicklung haben wir Freunde und Bekannte gefragt, an was sie sich überhaupt erinnern können. Da hat man gesehen, wie selektiv die Wahrnehmung ist. Kaum jemand konnte die Handlung noch richtig nacherzählen, aber es gab bestimmte Momente, die erinnert wurden. Zentrale Szenen wie Obduktionen, die Reisen, die Schlachten. Das sind so Leuchtturmszenen, Hingucker, die wir dann alle eingeflochten haben.

Es geht in dem Buch um Orient und Okzident, um Religionen und Fanatismus. Kann uns dieser historische Stoff etwas über unsere Zeit sagen?

Wenn man den Roman genau liest, ist er ein Plädoyer für religiöse Toleranz. Zwar werden alle monotheistischen Religionen auch von ihren dunklen Seiten gezeigt, ob es das Christentum, der Islam oder das Judentum ist. Da werden Leute als Hexer verbrannt, die christliche Kirche steht da ganz klar der medizinischen Forschung im Wege. Oder wenn junge kämpferische Moslems ihren Glauben mit Feuer und Schwert verbreiten. Auf der anderen Seite gibt es aber eine ganz starke Verständigung zwischen dem Christen und seinen jüdischen und moslemischen Freunden. Es gibt also beide Seiten, man sieht, wie Religion nicht funktioniert, aber auch, wie sie funktionieren könnte, ja sollte. Da kann man schon was draus lehren, das wollten wir auch sehr betonen.

In der Welt des „Medicus“ stecken die Christen im Mittelalter, während die Moslems sehr modern und aufgeklärt wirken. Heute scheint es eher umgekehrt.

Umso spannender ist ein solcher Rückblick: zu sehen, dass wir mal die Rückständigen waren. Und wie viel aus unserer Kultur eigentlich aus dem Orient stammt: ob das Medizin, Mathematik oder Philosophie ist. Alles Dinge, die wir als selbstverständlichen Teil unserer westlichen Kultur halten. Es tut ganz gut, dieser Kultur einmal ihren Respekt zu zollen. Das ist ein Anliegen, das unserer Zeit, glaube ich, ganz gut tut.

Der Film startet ja nun am 1. Weihnachtsfeiertag. Ist das sozusagen Ihre frohe Botschaft, die da ins Kino kommt?

Ich denke, Toleranz der Religionen ist schon ein Thema, das sehr zu Weihnachten passt. „Der Medicus“ ist aber auch ein Bildungsroman, der großes klassisches Erzählkino erwarten lässt. Auch für solch ein Kino ist Weihnachten die richtige Zeit.

Können Sie denn Weihnachten noch friedlich unterm Baum sitzen? Oder werden Sie aufgeregt warten, wie der Film anlaufen wird?

Ja schon. Ich mach ja keine Festivalfilme, wo ein paar hundert Leute reingehen, aber die Festivals jubeln. Ich will schon viele Zuschauer. Das muss auch das Anliegen sein, wenn du Populärkino machst. Das ist natürlich immer eine Zitterpartie. Aber ich habe ein ganz gutes Gefühl.

Sie starten ausgerechnet gegen Bullys „Buddy“...

Und Bully hat ja meinen letzten Film „Goethe!“ mitproduziert, und Alex, der ja mein Goethe war, ist jetzt Bullys Hauptdarsteller. Das hat jetzt ein bisschen komisch, als ob wir gegeneinander antreten würden. Aber ich glaube, die Filme sind so grundverschieden, die werden beide ihr Publikum finden.

„Der Medicus“ ist Ihr bislang aufwändigster Film. Fühlt sich das auch anders an, ist der Stress größer?

Nein, beim Machen spielt das eigentlich keine Rolle. Ob du eine Oper inszenierst oder ein solches Mammutwerk: Du hast immer dieselbe Leidenschaft dafür. Und auch dieselben Leiden. Bin ich gut genug, gehe ich den richtigen Weg? All diese Selbstzweifel, die einen manchmal beschleichen, stellen sich in der gleichen Intensität, egal wie groß die Produktion ist. Klar, hier war das ein schwereres Geschütz, Massenheere, Pferde, Kulissen. Das ist schon eine sehr schwerfällige Angelegenheit. Du musst das vorher genau vorplanen, das ist ein bisschen wie Malen nach Zahlen, das geht gar nicht anders.

Hat man vor einem Weltstar wie Ben Kingsley nicht mehr Ehrfurcht?

Ja, kann sein, vielleicht die ersten fünf Minuten. Aber glücklicherweise hab ich ja schon Übung mit Weltstars, ob Madonna, Pavarotti oder jetzt im „Trovatore“ im Schiller-Theater Netrebko und Domingo. Am Ende des Tages nimmt sich dsa nichts inder Handwerklichkeit des Berufes. Im Gegenteil, die sind meist viel professioneller und „pflegeleichter“. Die wissen auch, dass das Umfeld stimmen muss, wenn sie gut sein sollen.

Was ist schwieriger zu inszenieren: Heerscharen im Wüstensand oder eine Netrebko im Clownskostüm?

(lacht) Na, in dem Fall, so konkret gefragt, ist Anna sehr viel einfacher. Sie ist nicht nur eine großartige Sängerin mit toller Stimme, sie ist auch eine ganz neugierige Künstlerin, die sehr offen ist für Experimente. Beim Film Pferde im richtigen Moment in den Galopp zu bringen, ist schon ein anderes Kaliber.

Sie haben ja schon eine amerikanische Produktion gedreht, „Die Logan-Verschwörung“, die hier nur auf DVD herauskam. Zieht der Name Stölzl nicht genug, um das Publikum ins Kino zu ziehen?

Ach, das ist ein klassischer Genrefilm. Den kann man mit viel Sympathie ein B-Picture nennen. Das ist ein Ware-Film, der bedient ein Markt-Segment, für den es offenkundig starken Bedarf gibt. Aber ich bin da nicht böse drum, das war wirklich mehr so eine Fingerübung, um mal ein bisschen amerikanische Luft zu schnuppern. Die Latte ist etwa mit den „Bourne“-FIlmen sehr hoch, das Budget war relativ klein, dagegen hast du keinen Stich. Eine große Kinoverwertung würde der gar nicht schaffen.

Was bedeutet Ihnen die Weltpremiere in Berlin, hier im Zoo-Palast?

Das ist ein Traum. Das ist auch ein Traumkino. Das einzige in der Stadt, das diese festliche Atmosphäre hat. Ich habe hier einige Berlinalen durchgesessen und bin ganz stolz, hier jetzt einen eigenen Film vorstellen zu dürfen. Gerade wenn du von der Oper her kommst, da gibt es viele Energien über den Ort, das spürt man schon, wenn man auf der Bühne steht. Und ich finde, „Der Medicus“ gehört ganz klar hierher.