Ein „extremst volles Leben“ hat er, der Philipp Stölzl, das gibt er selbst zu. Termine ohne Ende, Projekte bis zum Abwinken. Die Leute reißen sich um ihn. Im Moment kann er sich vor Angeboten kaum retten.

Fast ist es da ein Wunder, dass der Regisseur zwischendurch noch Zeit findet, um für seinen neuesten Film zu werben: „Der Medicus“, die aufwendige Verfilmung des Noah Gordon-Bestsellers. Zu Weihnachten soll der Streifen in die Kinos kommen. Den Stress merkt man Stölzl allerdings kaum an. Im Gegenteil. Der schlaksige, hochgewachsene 46-Jährige strahlt eine erstaunliche Ruhe aus, plaudert gerne über die Dreharbeiten. Spricht zurückhaltend, eher leise, mit leichter Wiener Färbung. Obwohl er eigentlich gebürtiger Münchner ist, mit Wohnsitz in Berlin-Prenzlauer Berg.

Lange Geschichte des „Medicus“

Es lohnt sich, Stölzl zuzuhören. Auch wenn man schon ziemlich die Ohren spitzen muss, um alle Details mitzubekommen, die der Filmemacher vor sich ausbreitet. Insiderinformationen zu seinen Filmen, zu seinen Operninszenierungen, auch über seinen persönlichen Umgang mit gnadenlosen Kritikern.

Doch zunächst „Der Medicus“ – ein Projekt, das schon durch so viele Hände gewandert ist. In den 90ern war es der Bruder von Herbert Grönemeyer, der sich die Rechte gesichert hatte. Der dann aber, nach Jahren des Wartens, doch nichts daraus machte. Dann kam Bernd Eichinger. Dann kam Senator Film. Dann interessierte sich Produzent Nico Hofmann, wollte es zunächst mit Roland Suso Richter stemmen. Doch die Finanzierung scheiterte. Denn auch wenn „Der Medicus“ heute als Weltbestseller geadelt wird – richtig überragenden Erfolg hatte das Buch nur in Deutschland und Spanien. Ein Risiko also, wenn der Film teuer wird und man darauf angewiesen ist, ihn in die ganze Welt zu verkaufen.

Geschrumpftes Budget und neues Konzept

Erst als der bekanntere Stölzl ans Ruder kommt, nimmt das Nico-Hofmann-Projekt wieder Fahrt auf. Mit etwas geschrumpftem Budget und neuem Konzept. Als Strandbuch hatte Stölzl den „Medicus“ in den 80ern kennengelernt, fand es damals ziemlich unterhaltsam. „Trivialliteratur mit ganz tollen Themen“ nennt er es.

Die Medizin- und Religionsgeschichte des Mittelalters, die Idee von Orient und Okzident, die jüdischen Lebenswelten, die Islamisierung der Religionen, verbunden mit all ihren Kämpfen – Stölzl schwärmt von der Dichte, mit der diese Dinge im Buch verpackt sind. Weist aber auch auf die Probleme hin: „Ein 900-Seiten-Wälzer ist das, eine Vorlage, die genau genommen aus vier Büchern besteht. Mit Personen, die nicht gerade in die Tiefe gehen wie bei Leo Tolstoi.“

Mit anderen Worten – es war nicht einfach, daraus eine geeignete Kinofilmstruktur zu basteln. Stölzl hat es trotzdem geschafft. Die Dreharbeiten starteten im Sommer 2012. Mit dabei so renommierte Top-Schauspieler wie Sir Ben Kingsley und Stellan Skarsgård. 65 proppenvolle Drehtage werden es, das Budget liegt bei etwa 25 Millionen Euro. Gefilmt wird – man höre und staune – unter anderem in Sachsen-Anhalt. „Das ist eine lustige Story“, erinnert sich Stölzl.

Sachsen-Anhalt als mittelalterliches England

Er brauchte für den Film unbedingt romanische Straßen und Architektur, um das vorgotische England des 11. Jahrhunderts darzustellen. Und das gibt es, laut Stölzl, in Sachsen-Anhalt nun mal reichlicher als an den englischen Originalschauplätzen. „Mit viel Geduld, Spucke und Computertricks“ hat seine Crew Sachsen-Anhalt schließlich so präpariert, dass es als mittelalterliches England durchgeht.

Einen Teil der Drehzeit verbringt Stölzl auch in Köln, in den riesigen MMC-Studios, die für ihre persischen Paläste bekannt sind. Und ganz wichtig: Sein wochenlanger Aufenthalt in der legendären marokkanischen Filmstadt Quarzazate am Rande der Sahara. In jener Stadt, wo seit „Lawrence von Arabien“ quasi alle Welt Abenteuerfilme und biblische Streifen dreht. „Da sind schon mindestens 30 Film-Jesusse gestorben“, schmunzelt Stölzl. „Wir haben die zum Teil ziemlich heruntergekommenen Bibelfilmkulissen neu hergerichtet und auf Persien getrimmt.“

Gemeinsam die Erfolgsleiter empor

Die Nachproduktionen laufen gerade noch auf Hochtouren. Die aufreibende Schneidearbeit ist beendet. In diesen Tagen spielt das Filmorchester Babelsberg den Soundtrack ein. Stölzl steht mit dem Berliner Komponisten Ingo Frenzel daher gerade in intensivem Kontakt. Gemeinsam wachen sie über die Aufnahmen. Frenzel ist jederzeit vor Ort. Stölzl kommt dazu, wenn er Zeit dafür findet.

Ansonsten vertraut er voll und ganz auf Frenzel. Schließlich arbeiten sie beide schon erfolgreich zusammen, seit Stölzl das Filmedrehen angefangen hat. Mit Ausnahme von „Nordwand“ stammte bisher jeder Soundtrack aus Frenzels Feder. Gemeinsam sind sie an den Projekten gewachsen, gemeinsam auf der Erfolgsleiter emporgeklettert.

Fünf Filme in elf Jahren

Fünf Filme in elf Jahren – das sieht eigentlich nach einem ganz guten Schnitt für Stölzl aus. Doch nach seinem Debüt „Baby“ im Jahre 2002 beginnt erst Mal eine lange Durststrecke. Zahlreiche Projekte fahren gegen die Wand. Stölzls großer Traum, in den USA Filme zu drehen, zerplatzt vorerst. Und dann: Schleicht sich die Oper in sein Leben. Sein Freund Stefan Baumgarten bietet ihm an, in Meinigen den „Freischütz“ zu inszenieren.

Für Stölzl tut sich eine neue Welt auf. Er ist Bühnenbildner von Beruf, hat mit Armin Petras längere Zeit ein festes Schauspiel-Duo gebildet. Mit Oper hatte Stölzl bis dato allerdings eher wenig anfangen können. Dachte er jedenfalls. „Es klingt absurd, aber meine Erfahrungen mit Musikvideos für Rammstein und Madonna haben mir dabei geholfen, Opern zu inszenieren“, erinnert sich Stölzl. Er hat ungeahnten Erfolg.

Keine Oper, nur Film

Die nächsten Operninszenierungen schließen sich nahtlos an. „Ich höre mir die Musik immer wieder an und schaue, was in mir an emotionalen Farben entsteht“, beschreibt Stölzl. „Dann fange ich an, Räume zu diesen Farben zu entwerfen. Frage mich: Was wird überhaupt erzählt?“ Große Teile des Publikums lieben ihn für diesen visuellen Ansatz und seine konservative Art, die Opernhandlung mit großem Schwung auf die Bühne zu wuchten. Von Kritikern dagegen wird er regelmäßig verrissen. „Ich hab mir angewöhnt, Rezensionen erst ein paar Wochen später zu lesen“, verrät Stölzl.

Nächstes Jahr möchte Stölzl mal kürzer treten. Keine Oper machen, nur Film. Und endlich Zeit finden für ein neues, altes Hobby, das er als 16-Jähriger zuletzt praktiziert hat – das Klavierspielen.