Wer Thomas Ruff einmal in seinem großen Düsseldorfer Atelier besucht hat, wird vielleicht überrascht gewesen sein, dass das Künstlerrefugium dort viel eher wirkte wie ein Start-up-Unternehmen, so viele Computer stehen da überall rum. Ruff braucht sie, er gilt als einer der experimentierfreudigsten Fotografen seiner Generation, ein technischer Tüftler vor dem Herren, der die Fotografie regelmäßig neu erfindet. Vorbei also die Zeiten, wo einer wie er mit der Kamera im Rucksack durch die Stadt zog, auf der Jagd nach Motiven. Längst ist der Computer Ruffs allerbester Freund.
Er ist ein Künstler, der in Serien denkt, und jede Serie ist dann bei ihm auch irgendwie eine Neuerfindung. Langweile herrscht nie, sondern Vielfalt. Sein neuester Streich sind Fotogramme, allerdings nicht solche, wie man sie vom Fotopionier Laszlo Moholy-Nagy oder Man Ray kennt. Zu sehen ist diese neue Serie in Berlin erstmals in der Galerie Johnen in Mitte.
Ruff, Jahrgang 1958, hat über Jahre mit einem Spezialisten zusammen an einer, ja, virtuellen Dunkelkammer gebastelt. Hier entwirft er Objekte in 3D, lauter fröhliche Spiralen, Kästchen, Kugeln, Kegeln und Küchenrequisiten, dann streut er sie in verschiedenen Variationen auf digitales „Papier“ und illuminiert sie mit wechselndem, farbigen Licht. Sie leben vom Spiel mit dem Schatten. Das sieht dann bald so aus wie schöne Kristalle in einem alten Kaleidoskop, das wir aus der Kindheit kennen. Doch Ruff übersetzt diese Formen in monumentale Bilder, die – zumindest von Weitem – wie abstrakte Malerei auf Leinwand wirken. Über zwei Meter groß sind sie. Man fragt sich, wie lange der Rechner braucht, um Datenmengen dieser Größe überhaupt zu verarbeiten.
Pornobilder aus dem Internet als moderne Aktmalerei
In seinen „Nudes“ verfremdet er Internet-Pornobilder mit Weichzeichnern, Unschärfen und Vergrößerungen, für ihn ist das wohl eine Form der modernen Aktmalerei. In seinen „jpeg“ hat er Pixelbilder von Ereignissen aus dem Web gezogen, sie aufgeblasen, Kontraste und Ausschnitte manipuliert, so erinnern sie in ihrer „Tupfentechnik“ an den Pointilismus. In seinem „ma.r.s.“-Zyklus wiederum verarbeitete er Nasa-Bilder. Das Material fand er ebenfalls im Internet auf der Webseite der Behörde. Diese Schwarz-Weiß-Aufnahmen kolorierte er, bearbeitete die Perspektive. Das sieht dann so aus, als sei der Betrachter im weiten Landeflug auf eine Wüstenlandschaft.
Man muss sich vorstellen, als Ruff anfing, das war in den späten Siebzigern, war alles noch analog. Er studierte damals bei Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie Düsseldorf. Und heute ist für ihn das Digitale nicht nur Werkzeug, sondern Produktionstechnik.
Übrigens: Galerie Johnen zieht um, ins denkmalgeschützte Gartenhäuschen gleich unten im Hof des klassizistischen Bürgerhauses. Sieben Meter Höhe hat die Halle, die zum White Cube umgestaltet wird. Die jetzige Etage wird dann zum Show-Room, es gibt also mehr Ausstellungsfläche. „Man muss sich immer mal wieder verändern“, sagt Galerist Jörg Johnen, „auch die Künstler suchen neue Herausforderungen.“ Mut zum Wechsel gehört quasi zur Qualifikation eines Galeristen, zumal in Berlin, wo der Markt mit rund 400 Galerien heiß umkämpft ist.
Die Eröffnung im Gartenhaus soll im März sein, das trifft sich gut. Johnen feiert im nächsten Jahr ohnehin – sein 30. Galeriejubiläum.
Galerie Johnen, Marienstr. 10, Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 25. Januar





