Ausstellung

Familie sucht noch immer Liebermanns verlorene Kunstschätze

Die Villa Liebermann rekonstruiert die von den Nazis zerstörte Sammlung des Berliner Malerfürsten. Führt eine Spur zum Sensationsfund des Münchner Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt?

Foto: © MLG

Fast täglich erreicht uns eine neue Nachricht zum Fall Gurlitt, der immer verwickelter scheint. Behörden schieben sich den schwarzen Peter zu, die Bundesrepublik hat eingegriffen und Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt selbst, bei dem 1400 Kunstwerke sichergestellt wurden, sieht „alles falsch dargestellt“.

Eine Spur führt nun auch nach Berlin, im Schwabinger Sensationsfund befindet sich ein Max Liebermann, jene „Reiter am Strand“ (1901), die es in zweifacher Ausführung gibt. Ein brisantes Gemälde: Bis zu dessen Enteignung 1939 gehörte es dem jüdischen Sammler und Unternehmer David Friedmann in Breslau.

Der Fall Gurlitt lenkt verstärkt den Fokus darauf, wie die Nationalsozialisten in den 30er- und 40er-Jahren mit den Sammlungen jüdischer Familien umgingen, auf welche Weise die Werke beschlagnahmt wurden und wie einige deutsche Kunsthändler davon profitierten.

Kaum aktueller also könnte die neue dokumentarische Ausstellung in der Villa Liebermann in Berlin-Wannsee sein – sie konzentriert sich auf die „Verlorenen Schätze“, die reiche Kunstsammlung des Berliner Malerfürsten. Sie wird anhand einzelner Werke am historischen Ort rekonstruiert.

Familie hat Anfrage eingereicht

Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft hatte sich mit der Machtübernahme der Nazis auch das Leben der prominenten Familie schlagartig verändert. Bis dahin war der Künstler mit seinem Domizil am Pariser Platz und dem herrlichen Sommerhaus am Wannsee eine hochgeschätzte Persönlichkeit in der Berliner Gesellschaft. Seine Kollektion wurde übel zerschlagen, die eigenen Werke beschlagnahmt. Sie sind heute in der ganzen Welt verstreut, die Familie sucht immer noch.

Fest steht, dass von den vorerst 25 in der Datenbank „Lost Art“ veröffentlichten Gurlitt-Werken keines „aus der Sammlung Liebermann“ stammt, erklärt Monika Tatzkow, Berliner Provenienzforscherin, die im Auftrag der Familie Liebermann seit Jahren nach Kunstwerken forscht, die bislang noch nicht identifiziert und restituiert sind.

Mittlerweile hat die Familie, so Tatzkow, über ihren Anwalt bei der Staatsanwaltschaft Augsburg eine Anfrage eingereicht. Schließlich gehören noch einige hundert Werke zum Gurlitt-Fund, bei denen der begründete Verdacht auf NS-verfolgungsbedingten Entzug besteht.

Es gibt Hinweise darauf, dass der ebenfalls mit den Nazis verbändelte Cousin von Hildebrand Gurlitt, der Berliner Galerist und Kunsthändler Wolfgang Gurlitt, noch vor Martha Liebermanns Suizid im Jahr 1943 Zugriff auf Liebermanns Nachlass hatte. Sogenannte Nachlassstempel, von der Witwe nach 1935 aufgebracht, weiß Monika Tatzkow, könnten Aufschluss geben.

Liebermann war ein passionierter Sammler

Die Basis für die aufschlussreiche Dokumentation in der Villa Liebermann legt die gleichnamige und erweiterte Publikation, die Martin Faass, Direktor des Museums, herausgegeben hat. Die langjährigen Forschungsergebnisse von Monika Tatzkow sind in das Sammlungsverzeichnis eingeflossen. Mit den Liebermann-Erben, so Faass, sei man „in sehr losem Kontakt“. Wichtige Informationen zum Verbleib einzelner Werke stammen von Urenkelin Katharine Whild, sie schrieb auch das Grußwort im Ausstellungskatalog.

Liebermann war ein passionierter Sammler, damals der bedeutendste in Berlin, allerdings sammelte er anders als Künstler seiner Generation. Während Franz von Lenbach oder Anton von Werner Alte Meister favorisierten, Rembrandt und Rubens als „historische Gewährsleute“ verehrten, war der Berliner modern, begeisterte sich für junge, frische Kunst aus Paris.

Die Leute, die ihn am Pariser Platz besuchten, dürften nicht schlecht gestaunt haben über allein 16 Manets, die an den Wänden hingen. Auf einem Grundriss des Wohnzimmers von 1934 sieht man Manets „Junges Mädchen im Garten“ neben Degas wunderschönen „Tänzerinnenfries“ und gleich darunter Claude Monets „Manet malt im Garten Monets in Argenteuil“. Auch das Musikzimmer war für die Impressionisten reserviert. Liebermanns erster junger Franzosen kam übrigens 1892 nach Berlin – Manets „Klatschrosen“. Manet hängte er schon mal in sein Atelier, um sich inspirieren zu lassen, dessen Skizzenhaftigkeit und malerische Qualität interessierten ihn, erzählte Faass. „Daran arbeite er sich ab.“

Um dem Zugriff der Nazis zuvorzukommen, ließ Liebermann 14 dieser französischen Hauptwerke 1934 im Kunsthaus Zürich im Depot unterstellen. „Das war ein Freundschaftsdienst, Liebermann hatte in Zürich Freunde“, erläutert Faass. Diese Werke gingen später an die Familie zurück, wurden in Ausstellungen gezeigt, einige verkauft, wie etwa an das Metropolitan Museum in New York.

Die Recherchen gehen weiter

Wie groß war die Kunstsammlung? „Schwierig, es gibt eine große Dunkelziffer, vieles ist nicht identifiziert“, sagt Faass. Im Sammlungsverzeichnis sind 254 Werke, Gemälde, Zeichnungen, Lithografien und Skulpturen verzeichnet. Nicht aufgeführt sind allerdings die kunsthandwerklich wertvollen Objekte, Gobelins und chinesische Möbel, die Liebermanns Räume schmückten. Auch die Druckgrafik, Liebermann besaß allein rund 3000 Blätter von Honore Daumier, fanden keine Berücksichtigung.

Nach Liebermanns Tod erbte seine Witwe die Kollektion. Durch die zunehmenden Schikanen der Nazis sah sie sich gezwungen, Werke ihres Mannes zu veräußern. Wertvoll für die wissenschaftliche Recherche ist in diesem Zusammenhang das Beschlagnahmungsinventar der Gestapo. Dort ist gelistet, was sich nach Martha Liebermanns Selbstmord noch in der Wohnung befand. „Gemälde Landschaft, Manet“, so heißt es da, oder „Gerahmte Bilder, Drucke, Menzel“. Diese beiden Zuschreibungen etwa sind unsicher.

„Schwer zu sagen, um was genau und um wie viele Werke es sich handelt“, so Monika Tatzkow. Damit beschreibt sie das komplizierte Arbeitsterrain eines Provenienzforschers. Die Suche geht weiter. „Das Buch liegt auf dem Tisch, in Kürze wird es überholt sein.“ Klingt bald so, als hätte sie eine heiße Spur.

Villa Liebermann am Wannsee, Berlin, Colomierstr. 3. Tgl. außer Di, 11-17 Uhr. Bis 3. März 2013. Katalog: 39,95 Euro

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