Sensationsfund

Die erste Frau im „Fall Gurlitt“ soll Kunstfund aufarbeiten

Ingeborg Berggreen-Merkel leitet die sogenannte Task-Force „Schwabinger Kunstfund“, zehn Experten aus verschiedenen Ländern sind dabei. Die Gruppe soll in Berlin die Herkunft der Bilder klären.

Foto: Marion Hunger

„Ich habe auch ein Leben vor Gurlitt“, ruft Ingeborg Berggreen-Merkel, sie telefoniert gerade noch und ruft das lachend zu uns herüber. Der spektakuläre Kunstkrimi um rund 1400 Kunstwerke des Kunsthändlersohnes Cornelius Gurlitt sorgt fast täglich weltweit für neue Schlagzeilen. Ingeborg Berggreen-Merkel leitet die sogenannte Task-Force „Schwabinger Kunstfund“, zehn Experten aus verschiedenen Ländern sind dabei, auch über Jewish Claims kommen zwei Vertreter. Der erste „Round Table“ soll nächste Woche beginnen. Die von Bund und bayerischer Staatsregierung eingerichtete Expertengruppe soll die Herkunft der Bilder klären, die im Februar 2012 von der Augsburger Staatsanwaltschaft in München beschlagnahmt wurden. Wie das gehen soll, darüber sprach Gabriela Walde mit Ingeborg Berggreen-Merkel.

Berliner Morgenpost: Haben Sie mittlerweile Herrn Gurlitt persönlich gesprochen? Er hält sich ja in seiner Wohnung auf.

Ingeborg Berggreen-Merkel: Ja, ich habe vor einigen Tagen mit Gurlitt telefoniert.

Und? Was werden Sie ihm sagen, wenn Sie ihn treffen?

Bitte geben Sie mir die Möglichkeit, zunächst mit Herrn Cornelius Gurlitt das persönliche Gespräch zu vertiefen.

Wie sieht die Arbeit der Task Force nun eigentlich konkret aus?

Wir sind dabei, die Kunstwerke wissenschaftlich zu dokumentieren. Dazu gehört, dass die Vorder- und Rückseiten exakt fotografiert werden. Im Rahmen der Provenienzrecherche werden dann rund zehn Experten in einem geschützten digitalen Arbeitsraum weiter recherchieren. So ist es für alle Mitarbeiter möglich, gleichzeitig auf alle Quellen zugreifen zu können. Es ist spielt dabei keine Rolle, wo sich die einzelnen Mitarbeiter räumlich befinden, ob in Deutschland, den USA, Israel oder auch Frankreich.

Wie kamen Sie eigentlich zu diesem Job als Task-Force-Chefin?

Als ich gefragt wurde, habe ich spontan zugesagt. Ich war fünfeinhalb Jahre Amtschefin beim Kulturstaatsminister und habe vorher viele Jahre in der Bayerischen Staatsverwaltung gearbeitet. Mit vielen Persönlichkeiten in Berlin und Bayern bin ich also vertraut. Für mich als frischgebackene Pensionärin ist das eine große Aufgabe, aber auch eine persönliche Verpflichtung: Durch meine Arbeit kann ich einen Beitrag dazu leisten, die notwendige Provenienzforschung bei den Werken des „Schwabinger Kunstfundes“ durch nachhaltige Aufklärung und Transparenz zu bewältigen.

Es hagelt von allen Seiten Kritik an der Staatsanwaltschaft Augsburg. Wie stehen Sie zu der Kritik, dass die zuständigen Stellen eine schnellere Aufklärung hätten betreiben sollen. Und vor allem: dass der Fall öffentlich wird.

Der Bayerische Justizminister hat sich im Landtag zu dieser Thematik ausführlich geäußert. Dass die Sicht des Bestandes hätte schneller gehen können, wurde von allen Seiten betont. Nicht zuletzt ist es jetzt Aufgabe der Taskforce, der Staatsanwaltschaft in dem Verfahren durch die Klärung des Bestandes zuzuarbeiten.

Haben Sie die Bilder im Original gesehen?

Jetzt steht erst einmal der weitere Aufbau der Taskforce und die wissenschaftliche Dokumentation im Vordergrund, natürlich auch das Einstellen der Bilder, bei denen ein Verdacht auf verfolgungsbedingtem Entzug besteht, in die Datenbank www.lostart.de. Ich möchte an dieser Stelle betonen: die Koordinationsstelle wurde bereits 1994 eingerichtet und die Datenbank wird mit wachsender Akzeptanz seit 2000 betrieben. Demnächst werde ich mir aber auch persönlich vor Ort einen Eindruck verschaffen.

Alle Welt schaut auf Ihre Arbeit, der Druck ist dementsprechend groß. Gibt es ein Zeitlimit?

Sie wissen, Provenienzrecherche ist schon aufgrund der schwierigen Quellenlage eine komplexe Angelegenheit. Bei unserer Arbeit muss Sorgfalt vor Schnelligkeit gehen. Wenn über 60 Jahre nach Kriegsende ein solches Konvolut aufgefunden wird, ist das spektakulär. Natürlich habe ich ein persönliches Zeitfenster im Kopf – aber dies jetzt öffentlich zu machen, würde uns bei der Arbeit nicht helfen.

Können Sie sagen, wie viele mögliche Besitzer sich inzwischen gemeldet haben?

Wir haben bereits viele Anfragen bekommen und erwarten, dass noch sehr viel mehr kommen werden. Manche Schreiben sind jedoch recht vage. Ich bin sicher, wenn wir bei www.lostart.de alle Kunstwerke eingestellt haben, bei denen ein NS-verfolgungsbedingter Entzug vorliegen könnte, lassen sich einzelne Anfragen gezielter bearbeiten.

Mittlerweile steht fest, dass es ein Konvolut bei Gurlitt gibt, dass definitiv sein Eigentum ist. Nach 1933 ist nicht alles unrechtmäßig gewesen, was Gurlitt umgesetzt hat. Die damaligen Verkaufspraktiken allerdings sind schwer zu durchschauen.

Anhand von Geschäftsbüchern, Briefen und Auktionskatalogen muss die Provenienz jedes einzelnen Objektes geklärt werden, bei denen ein verfolgungsbedingter Entzug in Frage kommt. Manche Kunstwerke geben aber auch selbst Hinweise: Auf der Rückseite der Bilder finden sich mitunter Aufkleber und Beschriftungen als wichtige Quellen. Es wird mitunter schwierig werden, die verschlungenen Wege der Kunstwerke individuell nachzuvollziehen. Im gesamten Konvolut gibt es einen Bestand von ca. 340 Werken, die damals als sogenannte „entartete Kunst“ vom NS-Regime aus den öffentlichen Institutionen und Museen entfernt worden sind. Es bleiben 590 Werke, bei denen jedenfalls derzeit nicht auszuschließen ist, dass sie verfolgungsbedingt entzogen wurden. Durch die Transparenz, die wir mit dem Einstellen in die Datenbank www.lostart.de erzielen, hoffen wir auf wichtige zusätzliche Informationen.

Wie arbeitet Ihre Task-Force mit der Staatsanwaltschaft Augsburg zusammen? Sind Sie weisungsbefugt?

Die Staatsanwaltschaft Augsburg ist nach wie vor Herrin des Verfahrens. Die Aufgabe meiner Taskforce ist es, durch die Arbeit der Experten Fakten für eine Bewertung der Kunstwerke zu erarbeiten. Die Ergebnisse unserer Arbeit übermitteln wir dann der Staatsanwaltschaft.

Wie läuft der Informationsfluss zwischen Task-Force und den bayerischen Behörden?

Das läuft gut,. Wir haben in unserem Taskforce-Team auch einen Staatsanwalt aus München, der den direkten Kontakt zur Staatsanwaltshaft Augsburg hält.

Die Task-Force hat durch den Fall Gurlitt eine Vorreiterrolle bekommen und die Debatte über den Umgang mit NS-Raubkunst neu entfacht. Bewirkt das noch einmal einen Rechercheschub an deutschen Museen?

Seit 2008 gibt es die Arbeitsstelle für Provenienzforschung (AfP), die hier in Berlin angesiedelt ist. Der Bund unterstützte das Institut von Beginn an mit einer Million, seit 2012 mit zwei Millionen Euro jährlich. Die Personalkosten werden von der Kulturstiftung der Länder getragen. Seit es die Arbeitsstelle gibt, sind so über 14,5 Millionen Euro in die Provenienzrecherche geflossen. Die Aufgabe der AfP ist es, Projekte zur Provenienzrecherche zu fördern, die dann von den Museen in der Bundesrepublik durchgeführt werden. Die Museen wissen heute sehr wohl, wie wichtig es ist, Provenienzrecherche zu betreiben und die Bestände zu erforschen. Ich bin aber sicher, dass dieser Fall dazu beitragen wird, dass man noch aufmerksamer wird. Auch im gerade vorliegenden Koalitionsvertrag ist von einer Stärkung der Provenienzforschung die Rede.

Ihr Wunsch für diesen Fall?

Dass wir bei den Kunstwerken schnell und möglichst umfassende Klarheit schaffen. Das ist mein tiefster persönlicher Wunsch. Das ist gerade in diesem Jahr auch eine symbolische Herausforderung: 80 Jahre nach der Machtübertragung Hitlers, 75 Jahre nach dem Brand der Synagogen.