Neuer Kreativcampus

Warum der C/O-Gründer das Risiko am Stadtrand sucht

Vor Jahren gründete Ingo Pott die Fotogalerie C/O Berlin. 2013 musste diese Mitte verlassen. Nun entwickelt er einen Kunstcampus in einer alten Fabrik - und hat sich bewusst für Spandau entschieden.

Foto: Pott Architects

Die riesigen Buchstaben des britischen Künstlers Robert Montgomery am C/O Berlin hatten Symbolcharakter. „All Palaces are temporary Palaces“ – „Alle Paläste sind Paläste auf Zeit“, so leuchtete es von der Fassade des Postfuhramtes in Berlin-Mitte. Wenige Wochen später, im März 2013, musste die renommierte Fotogalerie selbst ihren „Palast“ räumen und nach Charlottenburg umziehen. Der neue Eigentümer hatte 2010 den Mietvertrag gekündigt.

Für Ingo Pott, den Mitbegründer von C/O Berlin, war das ein Moment der Wehmut. Für Ingo Pott, den Gestalter, Architekten und Kulturfreund, war es aber wie eine Bestätigung für eines seiner jüngsten Projekte. Weit abseits der Berliner Mitte entwickelt er in Spandau seit fast zwei Jahren einen Kreativcampus für jene, die den Mut für einen Sprung an den Westrand der Stadt aufbringen.

Anfang 2012 hatte Pott gemeinsam mit dem Kunstmäzen und Sammler Thomas Olbricht die frühere königliche Pulverfabrik im Ortsteil Haselhorst gekauft und später um eine angrenzende Brachfläche erweitert. 60.000 Quadratmeter, auf denen Inspirationen wachsen und Ideen zu Produkten geformt werden sollen. Ateliers, Werkstätten und Kulturdepots entstehen dort Stück für Stück unter dem Label Havelwerke. Einen „Ort für Originale“ nennt es Pott.

Angesichts des vernachlässigten Gewerbeareals klingt das etwas großspurig. Jahrelang gab es auf dem Grundstück, das schon Mannesmann und Thyssen-Krupp gehörte und das versteckt zwischen Havel, BMW-Motorradwerken sowie Industrie- und Logistikmittelständlern liegt, eher Getränkelager und Autoschrauber. Man muss Episoden wie jene um C/O Berlin im Kopf haben, um zu begreifen, dass Potts Vision so pompös trotzdem nicht ist.

C/O-Gründer auf der Suche nach unentdeckten Orten für Kreativität

Über zehn Jahre hinweg hatte dieser miterlebt, wie im Zentrum ein kulturelles In-Quartier nach dem anderen entstand und von der Dynamik der Metropole wieder überrollt wurde. Wie Investoren kamen, Immobilien kauften und zu Lofts, teuren Büros oder Hotels stilisierten. Ein Prozess der Häutung und Dezentralisierung, sagt Pott. „Wo sind in Mitte noch unentdeckte Orte, die bezahlbaren Raum bieten für Kreativität?“ Angesichts der Verdrängungseffekte witterte der umtriebige Architekt Bedarf für neue Konzepte und schaute sich am Rande Berlins um.

Die Pulverfabrik, sagt Pott, habe genau die Identität, die er und Olbricht sich wünschten. „Individualisten, wie wir sie ansprechen wollen, suchen Orte mit Schichten und Brüchen, wie sie Berlin kennzeichnen und wo man noch mitmachen und etwas entstehen lassen kann.“ Zusätzlichen Reiz liefere die Geschichte des Areals, wo ab den 1830er-Jahren Schießpulver für die preußische Armee und später Kriegsgerät für Hitlers Soldaten hergestellt wurde, weshalb am Schluss die Bomben besonders zahlreich fielen. Von der Pulverfabrik steht nur noch das denkmalgeschützte Verkohlungsgebäude mit Klinkerfries und Rundbogenfenstern. Begrenzt wird das Gelände durch die Havel, die ebenfalls einbezogen wird: „Wie viele Gewerbeflächen kennen sie, die einen Hafen mit Bootssteg für Paddler und einen eigenen Strand haben?“, fragt Pott verschmitzt.

Zwei Drittel der Gebäude bereits vermietet

Tatsächlich könnten er und sein Partner einen Nerv getroffen haben. Zwei Drittel des Gebäudebestands auf dem Gelände der Pulverwerke sind bereits vergeben. Und das, obwohl erst eines der Häuser fertig saniert ist. Gelborangefarbene Ziegel haben aus der ehemals mit Metallverkleidungen verunstalteten Halle aus den 1920er-Jahren einen schmucken Mehrzweckbau gemacht. Minimum, ein Berliner Unternehmen für Einrichtungsdesign, hat dort bereits bunte Sitzmöbel und elegante Regalsysteme gestapelt und wird vom Telegrafenweg 21 aus künftig sein Onlinegeschäft abwickeln.

Daneben will ab März 2014 eine Berliner Lebensmittelmanufaktur firmieren und auch ein Café eröffnen. Bereits seit 2011 produziert die Rev-House Living Spaces GmbH am Telegrafenweg schwimmende Penthouses. Zwei der Hausboote sind im Hafen der Havelwerke zu besichtigen. Die gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft Goldnetz plant ebenfalls für das Frühjahr 2014 ihren Einzug. „Das hier wird keine Hochglanz-Welt, es soll eine breite Mischung geben“, sagt Pott. Auch von den Autowerkstätten, so hofft er, werde die eine oder andere bleiben: „Wir wollen keinen der Nutzer vertreiben und damit das machen, was wir selbst in Mitte erleben“. Erweitert wird der 10.000 Quadratmeter Nutzfläche umfassende Gebäudebestand mit der Entwicklung auch des zweiten Grundstücks um etwas das Doppelte. So entsteht 2014 eine Halle, in die ein Depot für alte Boote sowie Gastronomie einziehen soll. Auch Oldtimer auf vier Rädern werden in einer der Hallen stehen, dazu kommen Kunstdepots für Privatleute oder Galerien sowie Werkstätten für Designer.

„Ein halbes Jahr, nachdem wir hier gekauft hatten, kam das Meilenwerk mit seinem Konzept für die Insel Eiswerder“, sagt Pott. Das Eiland liegt gegenüber in der Havel und soll ebenfalls zu einer Enklave für Oldtimer, Kultur und Werkstätten werden. Die Konkurrenz fürchte er nicht, sagt Ingo Pott. Was an Neubau geplant ist, wird mit den künftigen Nutzern zusammen entwickelt. Für die sieben Atelierhäuser nah am Wasser hofft er auf Künstler, die steigende Mieten im Zentrum gegen Freiraum mit Freizeitwert tauschen wollen. Dass der Schritt groß ist, dessen ist er sich bewusst. „Niemand kennt die Havelwerke“, weiß Pott. Bisher.

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