Deutsches Theater

Andreas Kriegenburg gönnt sich einen Ausflug ins Vergnügen

Regisseur Andreas Kriegenburg über seine neue Inszenierung „Sklaven“ am Deutschen Theater, die Einladungen zum Theatertreffen und die schwierigen Bedingungen in Berlin

Foto: Arno Declair

Andreas Kriegenburg gönnt sich einen Ausflug ins Vergnügen, auch wenn der Titel nicht danach klingt: Der 49-jährige Hausregisseur des Deutschen Theaters inszeniert mit „Sklaven“ fünf Einakter des französischen Boulevard-Autors Georges Courteline. Über lustvolle Proben, unangenehme Berliner Premieren und die Intendanz von Ulrich Khuon, mit dem Kriegenburg seit 1996 an verschiedenen Theatern zusammenarbeitet, sprach Stefan Kirschner mit dem Regisseur.

Berliner Morgenpost: Herr Kriegenburg, Georges Courteline gehört zu den selten gespielten Autoren. Eine Entdeckung?

Andreas Kriegenburg: Das habe ich gar nicht so empfunden, weil Courteline ein Autor ist, den ich mit 20 zum ersten Mal gelesen habe. Und immer wieder tauchte der bei mir so aus dem Regal auf und sagte: Mach mich doch mal! Aber es hat relativ lange gedauert bis Intendant Ulrich Khuon gesagt hat: Wir gönnen uns jetzt mal eine Auszeit fürs Vergnügen.

Abendfüllend sind die Stücke aber nicht.

Wir spielen fünf Einakter. Es ist französischer Boulevard auf sehr hohem Niveau. Diese Einakter sind in der Tradition des französischen Dialogs geschrieben, sehr pointiert, sehr vergnüglich. Es gibt Texte von Courteline, die nur eineinhalb bis zwei Seiten umfassen, die fast Sketche sind, aber es gibt auch welche, die eine Situation haben und diese dann sehr genüsslich auswalzen: Ein Mann kommt zu einem Ehepaar, bei dem der Hausfrieden zu Hause sein soll und dann streiten die beiden ganze Zeit. Der Gast wird zerrieben und man weiß lange nicht, ob sich das Ehepaar nur einen Spaß macht oder es ernst meint.

Nach welchen Kriterien haben Sie die fünf Einakter ausgesucht?

Nach Lustigkeit, aber die Werke sollten auch zu unserem Konzeptansatz passen. Wir erzählen von einer Gesellschaft des Ich-Kults, der Ich-Inszenierung. Die Figuren machen sich selbst zu einem Kunstobjekt. Sie behaupten, im Denken oder Geschmack sehr frei, auch sehr exklusiv zu sein. Aber dann reproduzieren sie ganz stereotypische Verhaltensweisen, wenn es ins Private geht. Wenn sich Ehefrau und Ehemann treffen, dann kann in der Gesellschaft die Behauptung der bürgerlichen Freiheit unglaublich groß sein, aber da will der Mann, dass die Frau gehorcht und versucht erzieherisch einzugreifen. Das ist, was uns interessiert: Wo gibt es in der Fülle dieser vielen Texten Szenen und Stücke, die Spaß machen und in Bezug auf das Bürgerliche auch die Verlogenheit zeigen.

Wie sind Sie auf den Titel „Sklaven“ gekommen?

Wir hatten zu Beginn einen anderen, aber da gab es Probleme mit dem Verlag wegen der Übersetzung. Aus einem Motiv des Abends ist dann der neue Titel entstanden. Die Figuren reklamieren für sich eine Freiheit des Denkens, eine Freiheit der Selbstgestaltung, von der sie letztlich versklavt werden. Sie haben keine Chance, ihrem Freiheitsbegriff zu entgehen.

Sind Proben zu einem unterhaltsamen Stück eigentlich entspannter und lockerer als solche für ein großes Drama?

Schon. Es ist sehr lustvoll, Komödie zu proben. Man gönnt sich ja nicht oft die Gelegenheit, mutwillig auch Unsinn zu betreiben und die Schauspieler sind erlöst von den großen Bögen.

Sie haben für diese Inszenierung auch das Bühnenbild entworfen.

Bühnenbild und Kostüme sind eine ästhetische Einheit. Eine sehr überzogene Flitter- und Glitterwelt. Dahinter ist quasi der Müllberg. Die Figuren müssen sehen, dass der Trash von draußen nicht ihre Hochkultur überschwemmt. Sie wehren sich dagegen. Bezeichnen sich als Widerstandskämpfer der Ästhetik, als Terroristen der Individualität.

Vielleicht gelingt es Ihnen mit dieser Arbeit, mal wieder zum Theatertreffen eingeladen zu werden. Auch in diesem Jahr weder Sie noch das Deutsche Theater mit einer Inszenierung vertreten.

Ich kann mich ja nicht beklagen, ich glaube, ich war neun Mal dabei. Das klingt jetzt merkwürdig, aber für mich ist es immer eine wichtige Kategorie, ob ich mich selbst eingeladen hätte. Es gab sicherlich die eine oder andere Inszenierung, wo ich überlegt hätte, wie „Am Schwarzen See“, das ist für mich schauspielerisch eine außergewöhnliche Arbeit, über das Stück kann man sicherlich streiten. Aber grundsätzlich bin ich nicht sicher, ob ich mich in diesem Jahr eingeladen hätte. Ob das Deutsche Theater eine Aufführung hat, die unbedingt hätte eingeladen werden müssen, weiß ich gar nicht, weil ich längere Zeit außerhalb Berlins gearbeitet und einiges noch nicht gesehen habe,

An die Intendanz von Ulrich Khuon waren sehr hohe Erwartungen geknüpft worden, das ist einer gewissen Ernüchterung gewichen.

Ich habe schon in der Vorbereitungsphase immer gesagt, bereit euch auf etwas vor, Berlin ist kompliziert für Theatermacher. Es ist schwierig, eine Stadt über einen Kamm zu scheren, aber Berlin ist im Denken nicht wirklich komplex. Die Verwunderung, dass Ulrich Khuon das als Programm macht, wofür er geholt worden ist, diese Verwunderung ist schon verwunderlich. Jetzt macht er das und es wird gesagt, das reicht doch für Berlin nicht. Man gewöhnt sich ja an eine gewisse Gespaltenheit: Auf der einen Seite gibt es das Publikum, das die Aufführungen mag und dann gibt es die Premieren. Die sind normalerweise Zielpunkt und Kraftquell des Hauses. In Berlin sagen sich die Theater eher: Die Premiere müssen wir erst mal überstehen. Das entzieht dem Theater den Moment, wo es sich mit Euphorie und Kraft aufpumpt. Das ist auf Dauer zermürbend, aber sehr berlinspezifisch.

Haben Sie bei Ihrem ersten Berlin-Engagement vor 20 Jahren an der Volksbühne ähnliche Erfahrungen gemacht?

Es hat sich tatsächlich fast gar nichts verändert. Es ist sogar noch ein wenig harscher geworden. Vielleicht, weil die Zeiten nicht mehr so wild sind wie nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung. (Kriegenburg holt noch ein bisschen weiter aus, bremst sich dann aber selbst) Nee, den Gedanken kriege ich jetzt nicht zu Ende. Aber mir geht’s gut hier.