Filmpreis

Jetzt muss Regisseur Jan Ole Gerster wieder zittern

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Peter Zander

Beim Deutschen Filmpreis war Jan Ole Gersters kleiner Berlin-Film „Oh Boy“ der große Gewinner. Jetzt ist er auch beim Europäischen Filmpreis, der am Abend verliehen wird, gleich vier Mal nominiert.

„Wie, ist das Schnee?“ Jan Ole Gerster kann es nicht fassen. Die letzten drei Monate hat der Filmregisseur in Los Angeles verbracht. Jetzt ist er zurück in Berlin. Gejetlagt. Und auf der Straße wütet Xaver. Von 30 Grad auf Null runtergefahren. Willkommen in der Heimat! Gerster hatte ein Stipendium in der berühmten Villa Aurora. Und hat das sehr genossen. Um Abstand zu kriegen.

Sein Debütfilm „Oh Boy“, der schönste Berlin-Film der Dekade, hat, nach langen Querelen in der Entstehungszeit, eine unglaubliche Erfolgsstrecke zurückgelegt. Mit zahllosen Preisen von München und Oldenburg bis Bratislava und Tallinn, gekrönt von gleich sechs Lolas beim Deutschen Filmpreis. Wo der 35-Jährige gleich mehrfach Tom Tykwer ausgestochen hat, bei dem er mal als Regieassistent angefangen hat.

Es wird mal Zeit für etwas Neues

Doch mit der Ruhe in der Ferne ist es schon wieder vorbei. Denn an diesem Sonnabend wird hier in Berlin, im Haus der Festspiele, der Europäische Filmpreis verliehen. Für „Hannah Arendt“ ist Barbara Sukowa als beste Schauspielerin nominiert, alle anderen Nominierungen für einen deutschen Film aber, vier an der Zahl, gehen an „Oh Boy“: für den besten Schauspieler (Tom Schilling), das beste Debütwerk, den Publikumspreis und die Königskategorie Bester Film. Da tritt er unter anderem gegen den Berlinale-Liebling „Broken Circle“ an, den spanischen Stummfilm „Biancanieves“, der auch einen beispiellose Preisstrecke hinter sich hat, und den Cannes-Gewinner „Blau ist eine warme Farbe“.

Schon im März, April hatte Gerster das Gefühl, dass das einmal ein Ende haben müsste mit „Oh Boy“, „dass ich mal was Neues machen muss.“ Zu dem Stipendium kam er wie die Jungfrau zum Kinde – jemand hatte kurzfristig abgesagt. Das kam aber wie gerufen: „Eine prima Gelegenheit, um dieses Jahr sacken zu lassen.“ Und an einem neuen Film zu basteln. Über den er allerdings noch nichts verraten möchte.

Pro Europa, contra Hollywood

Der zweite Film, das sagen ja alle, ist immer der schwierigste. Wenn der erste ein solcher Preiserfolg war, traut man sich da überhaupt noch? Gerster lacht. Er habe total Lust, wieder zu schreiben. „Der Druck kommt wohl erst, wenn es konkreter wird.“ Und wenn man dann in der Villa Aurora in Pacific Pallisades sitzt, so nah an der Wiege Hollywoods, schüchtert das nicht auch ein? Nein, da wird Gerster ganz energisch.

„Hollywood ist ja bis auf wenige Ausnahmen kreativ völlig am Ende.“ Die seien da ganz ehrlich und sprächen immer von Industrie. „Die müssen Geld verdienen, um Kultur geht es eher weniger.“ Das führe aber eben dazu, dass „der fünfte Spider-Man, der sechste Superman und der neunte Hobbit gedreht werden.“ Und dass, Gersters Gesichtsausdruck spricht da Bände, ist nicht sein Kino.

Tom Schilling soll sich mit Jude Law prügeln

Versteht er sich denn als europäischer Filmemacher? Gibt es überhaupt so etwas wie einen europäischen Film? „Ja, trotz seiner Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit glaube ich schon, dass es einen gemeinsamen europäischen Spirit gibt. Geprägt durch den Autorenfilm, durch ein künstlerischeres Kino.“ Und wie fühlt man sich da, als Newcomer mit gleich vier Nominierungen? Gerster winkt ab. „Ich kenne einige Kandidaten und gehe in erster Linie als Fan dieser Filme da hin. Die Tragweite des Abends habe ich überhaupt erst kapiert, als ich gesehen habe, wer noch so nominiert ist.“ Er sei versucht, sich Autogramme geben zu lassen. „Wir machen uns in erster Linie ein schönes Wochenende.“

Dass der Europäische Filmpreis im Gegensatz zur deutschen Lola, dem französischen César oder dem spanischen Goya immer noch nicht so recht anerkannt ist, das hört er auch immer wieder, kann es aber nicht nachvollziehen. Dann huscht plötzlich ein bübisches Grinsen über sein Gesicht. „Vielleicht müssen Tom und ich ein paar kleine Skandälchen machen“, frotzelt Gerster, „und uns mit Jude Law hauen.“ Dann würde wohl überall zu lesen sein, dass dies der wildeste Filmpreis ist.