Eine größere Bandbreite ist nicht möglich. Beim Deutschen Filmpreis, der Freitagabend im Friedrichstadtpalast verliehen wird, heißen die großen Favoirten „Cloud Atlas“ (neun Nominierungen) und „Oh Boy“ (acht Nominierungen). Hier der mit hundert Millionen Euro teuerste deutsche Filma ller Zeiten, da ein gerade mal 300.00 Euro teurer Independentfilm,. Hier eine internationale Koproduktion mit Hollywoodstars und aufwändigen Special Effects, da ein schöner, kleiner Berlin-Film in poetischem Schwarzweiß. Hier drei renommierte und vielfach ausgezeichnete Top-Regisseure, Tom Tykwer und die „Matrix“-Macher Lana und Andy Wachowski, da der Regiedebütant Jan Ole Gerster, der seinen Hochschul-Abschlussfilm präsentiert und dafür das erste Mal überhaupt nominiert ist. Das Verrückteste aber: Gerster hat einst als Praktikant bei Tykwer begonnen. Wir haben die beiden Berliner Regisseure exklusiv gesprochen.
Berliner Morgenpost: Wie haben Sie von der Nominierung zur Lola erfahren?
Jan Ole Gerster: Ich saß im Zug nach Frankreich. Ich bekam eine SMS: „Congrats...“ und bin dann für zehn Minuten im Tunnel verschwunden. Ich wusste schon mal, dass das nichts Schlechtes bedeutet. Aber ich konnte nichts rauskriegen, weil ich eben im Empfangsloch war.
Tom Tykwer: Ich habs vergessen, wirklich. Wir waren in Australien, also weit weg, auch kopfmäßig. Ich glaube, ich habe es selbst im Internet entdeckt. Nein, stimmt gar nicht: Ich bekam einen Newsletter vom Branchenblatt „Blickpunkt Film“. Der war schneller als unsere Firma.
Wie ist das für Sie, als die großen Favoriten des Abends gegeneinander anzutreten?
Gerster: Wer soll zuerst antworten?
Tykwer: Du!
Gerster: Es ist unwirklich, irgendwie. Ich empfinde das aber nicht als Rivalität. Für mich ist es das erste Mal, nominiert zu sein. Das ist erst mal spannend und aufregend. Aber ich versuche, ruhig zu bleiben, schon weil alle um mich herum verrückt werden. Einer muss ja einen klaren Kopf behalten, wenn alle anderen durchdrehen.
Tykwer: Ich habe keine wirkliche Beziehung zu dieser ganzen Konstruktion einer sogenannten Konkurrenz. Gerade in diesem Jahr sind die nominierten Filme so extrem unterschiedlich – die in irgendein Verhältnis zueinander zu setzen, ist eigentlich absurd. Weil sie alle Inseln für sich sind, und das ist ja gerade schön. Es gibt solche und solche, aber alle sind Kunstprodukte für sich. Das Ärgerliche an Preisen ist ja immer, neben dem Spaß, den sie machen können, dass man sie gegeneinander ausspielt. Manchmal gibt es Konkurrenzen, da wird wirklich etwas ausgetragen, da geht es um Ideen, die man fürs Kino verteidigen will. Das kann ich hier aber gar nicht sehen, ich finde alle Ideen, alle sechs Filme, die für den Besten Film nominiert sind, verteidigungswürdig. Die sind alle wichtig, die muss es alle geben. Und eigentlich ist es ärgerlich, dass man am Ende sagen soll, der eine ist aber besser als die anderen. Aber klar, so ist es eben mit solchen Shows. Und natürlich ist man nicht völlig locker dabei, weil in unserem Fall ja eben nicht nur ein Preis, sondern auch Fördergeld dranhängt.
Herr Gerster, Sie haben einst als Praktikant bei Tom Tykwer angefangen. Wie fühlt sich das an, jetzt neben ihm zu sitzen?
Gerster: In der Tat, das ist schon seltsam. Vielleicht schließt sich da aber auch ein Kreis. Ja, ich kam zu X Filme als Praktikant. Google gab’s noch nicht, aber als Videothekennarr habe ich damals überlegt, welche Filme der jüngeren Zeit ich gut fand, und das waren irgendwie alles Titel von X Filme. Also habe ich mich da als Praktikant beworben. Wie hundert andere Leute. Aber ich habe nie etwas gehört.
Tykwer: Du hast aber immer wieder angerufen. Irgendwann kannte dich dann schon die halbe Belegschaft übers Telefon. Bis wir dich dann zur Bewerbung eingeladen haben.
Gerster: Ich habe dort alles aufgesaugt wie ein Schwamm. Stefan Arndt kam dann fast entschuldigend zu mir und sagte: Ich weiß, du willst eigentlich im Büro arbeiten. Aber wäre es ein Problem für dich, in die Toskana zu fahren und ein bisschen mithelfen, das Produktionsbüro von Toms „Heaven“ aufzulösen? Nein, damit hatte ich kein Problem.
Ragte Herr Gerster denn aus dem Gros der X-Praktikanten heraus?
Tykwer: Ja, klar, und wie. Er kam rein wie ein Star. Du hattest einfach eine gute Aura, das haben auch alle deutlich wahrgenommen. Es hat sich relativ bald der Draht zu Wolfgang Becker ergeben, der dann „Good Bye, Lenin!“ drehte. Da ist Jan Ole in Wolfgangs Reich eingedrungen und verschluckt worden.
Hat Tom Tykwer denn auch eine Vorbildfunktion für Sie?
Gerster: Es war sicher kein Zufall, dass ich zu X Filme wollte. Da bin ich schon bei den Richtigen gelandet. Ich freue mich heute noch darüber, dass ich nicht locker gelassen habe, bis die mich endlich genommen haben. Ich bin dafür nach Berlin gezogen und habe die ersten beiden Jahre, die ich bei X Filme gearbeitet habe, keinen Menschen außerhalb des Büros kennengelernt. Das war wie eine Familie, wir sind abends immer noch zusammen los. Das war schon so was wie Fügung.
Gibt es jetzt so etwas wie Vaterstolz, dieses Talent entdeckt, gefördert zu haben?
Tykwer: Natürlich. Es ist ja auch super, dass sein Film in unserem X Verleih herauskam. Alles andere hätte ich geradezu ärgerlich gefunden. Vor allem gemessen daran, dass ich ja weiß, wie lange Jan Ole mit seinem Film gerungen und gekämpft hat. Es wirkt wie ein Wurf, der hat eine solche Leichtigkeit. Und tatsächlich war es – wie so oft – auch hier ein wahnsinniger Kraftakt.
Jetzt decken Sie beide mit Ihren Filmen die ganze Spannbreite bei der diesjährigen Lola ab. Hier ein Mega-Film, da ein Abschlusswerk. Mit dem Budget von „Coud Atlas“ hätte man 33 „Oh Boys“ drehen können.
Gerster: Wie Tom schon gesagt hat, das zeigt eigentlich nur die Waghalsigkeit, so etwas wie einen „Besten Film“ auszuzeichnen. Ist doch schön, dass es dieses Spektrum gibt.
Tykwer: Und letztlich ist es doch auch wurscht, wie viel ein Film kostet. Dass „Cloud Atlas“ jetzt so teuer war, ist ein enorm ödes Fragment in der ständigen Auseinandersetzung mit diesem Film, mit dem man immer wieder konfrontiert wird. Deswegen geht doch keiner in den Film! Das ist ja der Witz: Wenn du ins Kino gehst, zahlst du denselben Preis für jeden Film. Egal wie teuer die waren. Da wird die ganze Budget-Ideologie einfach wegdemokratisiert. Am Ende sind an der Kinokasse alle Filme gleich. Das finde ich gut.
„Cloud Atlas“ hat in Deutschland rund eine Million Zuschauer gehabt. Ist das etwas enttäuschend, wenn man schon mit Stars wie Tom Hanks oder Halle Berry gedreht hat?
Tykwer: Aber das ist doch eine Superzahl, die habe ich schon lange nicht mehr gehabt. Und den Erfolg des Films kann man ja nicht nur an den deutschen Kinos abzählen. „Cloud Atlas“ ist bereits erfolgreicher als „Das Parfum“, er ist also jetzt schon mein bislang erfolgreichstes Werk. Weltweit haben den bald 30 Millionen Leute gesehen, das ist doch Wahnsinn. Ein Film von mir hat noch nie so viel Geld eingespielt.
Bei „Cloud Atlas“ geht jetzt auch die Diskussion los, ob er wirklich ein deutscher Film ist, ob er überhaupt die Statuten erfüllt, um für eine Lola nominiert zu werden.
Tykwer: Auch darüber mache ich mir keinen Kopf. Dafür gibt’s ja nun mal dieses Ursprungszeugnis mit sehr genauen Kategorien, die ein Film erfüllen muss, um als deutscher Film anerkannt zu werden. Aber vor allem ist es der unmöglichste Film, den ich je gemacht habe, der mit Abstand bekloppteste Versuch, etwas auf die Beine zu stellen, das jeder für unmöglich gehalten hat. Wir haben das trotzdem verwirklicht und zwar so, wie wir ihn machen wollten. Und dass das aufgegangen ist, ist für mich ein überwältigender Glückszustand.
Herr Gerster, „Oh Boy“ war Ihr Abschlussfilm. Er war nicht nur der Überraschungshit des vergangenen Jahres, er lief auf mehreren Festivals, jetzt ist er für acht Lolas nominiert – müssen Sie sich manchmal zwicken, um das auch alles zu glauben?
Gerster: Eine Pause würde mal helfen. Seit fast einem Jahr überschlagen sich die Ereignisse, was jetzt in diesen Nominierungen gipfelt. Ich versuche mir nicht zu viele Gedanken darüber zu machen. Ich lass mich jetzt einfach drauf ein. Und bin gespannt, was passiert. Das hätte sich keiner vorstellen können, als wir gestartet sind vor einem Jahr. Da wollte ich noch einen Versicherungsfall draus machen und unseren Schneideraum in Brand stecken, weil ich so deprimiert war.
Tykwer: Das kann ich bestätigen. Wir haben uns immer mal wieder in der Kastanienallee getroffen, und oft war er total fertig. Gefühlt habe ich zwei Filme gemacht in der Zeit, in der du den einen geschnitten hast. Das war ein echtes, langes Ringen.
Gerster: Da gab es tiefe Täler. Ich war schon froh, als der Film dann mal fertig war. Und als das erste Festival zugesagt hat, dachte ich: Na, hat sich doch gelohnt. Dass sich das so entwickeln würde, daran hätte ich nicht im Traum gedacht. Ich glaube, Realitätsverlust werde ich keinen erleiden. Dafür stecken doch zu viele Schmerzen drin.
Tykwer: Ich hatte das auch einmal, bei „Heaven“. Ein Film, der sich nicht finden will und am Ende doch irgendwie die Kurve kriegt. Diese ganzen Zweifel, die einen wieder zurückwerfen. Wir haben den bestimmt 25 Mal umkonzipiert und dann noch mal komplett neu erfunden. Da bin ich fast wahnsinnig geworden. Vielleicht muss man auch mal durch so eine Hölle gegangen sein. Das ist mir nachher nie wieder passiert – weil ich mich daran erinnerte.
Gerster: Ja, ich brauchs auch nicht noch mal.
Bereiten Sie sich jetzt eine kleine Rede vor für die Lola-Verleihung, für den Fall, dass...?
Gerster: Das wäre wahrscheinlich schlau! (beide lachen) Damit man nicht so rumstammelt. Aber die Vorstellung, eine Rede vorzubereiten, die nie zum Einsatz kommt, ist auch wieder deprimierend. Nee, da nehme ich lieber das Gestammel in Kauf. Wie machst du denn das, so als Profi?
Tykwer: Ich entscheide das spontan. Das ist immer eine Frage der Tagesform. Wenn ich fit und entspannt bin, dann improvisiere ich. Wenn ich das Gefühl habe, ich bin nicht so drauf, dann bastle ich mir vielleicht eine kleine Strategie.
Können Sie sich noch an Ihre erste Lola erinnern?
Tykwer: Das ist lange her. Da hieß die noch nicht Lola, sondern noch Filmband in Gold. Und das wurde vom Innenminister übergeben, was war das für eine steife Veranstaltung! Wer immer über die heutige Lola-Verleihung meckert, der soll sich mal an damals erinnern.
Gerster: Das erste Mal, als ich eine Lola- Verleihung mitgemacht habe, da habe ich mich noch reingeschlichen. Da warst du nominiert, Tom. Das ganze Büro war da, nur der Praktikant war nicht eingeladen. Das war damals in der Staatsoper, da bin ich über ’nen Zaun geklettert.





