Kino

„Oh Boy“ ist der Berlin-Film des Jahres 2012

Was Manhattan für Woody Allen ist, ist Berlin-Mitte für Tom Schilling: Ein Traumwandeln durch die Stadt in schönsten Schwarz-Weiß-Bildern.

In der Kulturbrauerei fand die Filmpremiere von „Oh Boy“ statt. Der Schwarz-Weiß-Film spielt in Berlin und hat sowohl komische, melancholische wie auch absurde Momente.

Video: BMO
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Woody Allen hat Manhattan. Tom Schilling hat Mitte. Es ist eigentlich ein kleiner unspektakulärer Kunstgriff. Aber einfach mal die sattsam bekannten Ecken nicht in ihren Alltagsfarben, sondern in Schwarz-Weiß zeigen, und schon bekommen die Bilder eine ganz neue, ganz eigene, ganz eigenartige Atmosphäre. Unvergessen, wie Woody Allen damals vor der Brooklyn Bridge saß. So ähnlich wandelt Tom Schilling jetzt unter den S-Bahnbrücken von Prenzlauer Berg. Und schon kommt Jan Ole Gersters Regiedebüt ganz in die Nähe des Meisterwerks von jenem anderen Großstadtneurotiker.

Eigentlich will der verkrachte Student Niko Fischer ja nur einen Kaffee. Den bestellt er sich auch immer wieder. Aber aus unterschiedlichen Gründen kriegt er erst keinen – oder kommt dann doch nicht dazu, ihn zu trinken. Ein Running Gag. Es ist ganz eindeutig nicht sein Tag. Wobei das fehlende Koffein noch das kleinste Problem ist.

Liebe weg, Führerschein weg, Geldkarte weg

„Oh Boy“, der an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos startet, ist eines langen Tages Reise in die Nacht. 24 Stunden aus dem Leben eines verkrachten Studenten, der nur mal so in den Tag lebt, aber dem ihn finanzierenden Papa natürlich nicht steckt, dass er schon lange in keiner Vorlesung mehr war. Aber es ist nicht ein x-beliebiger Tag. Gleich am Morgen macht die Freundin Schluss, dann wird Niko Fischer der Führerschein entzogen. Prompt wird er beim Schwarzfahren in der S-Bahn erwischt. Danach versagt die Bankkarte, schließlich streicht ihm der Vater dann jede weitere finanzielle Unterstützung. Und da schreiben wir erst Nachmittag, und die Katastrophen sind noch lange nicht zu Ende.

Jan Ole Gerster kam vor 12 Jahren nach Berlin. Und hegt, wie so viele, wie eigentlich alle Neuzugängler, eine gepflegte Hassliebe zu seiner neuen Stadt. Allerdings haben ihm alle anfangs gesagt, dass er zu spät käme, dass die „Party schon vorbei“ sei. Das sagt er heute übrigens selbst schon zu Leuten, die nach ihm hergezogen sind. „Oh Boy“ ist vielleicht auch der Ausdruck dieser Agonie: dass die Party ausgetanzt ist.

Porträt der Generation Unschlüssig

Gerster versteht sein Debüt nicht vorrangig als Berlin-Film. Mit dem Genre weiß er nichts anzufangen. Einen Großstadt-, einen Metropolenfilm wollte er drehen, als Ausdruck einer Generation der Unschlüssigen. Aber so wie der Held sich hier treiben lässt, wie er in einer leeren Wohnung haust, die Nacht zum Tag macht und sich nicht um das Morgen kümmert – das kann man wohl wirklich nur in Berlin erleben. London, Paris oder New York sind längst zu teuer für solche Überlebenskünstler. Berlin ist übrigens auch gerade dabei, diesen Status zu verlieren. Vielleicht wird „Oh Boy“ in diesem Sinne auch mal als Dokument zu sehen sein: Seht nur, so easy konnte man damals leben.

Bis es so weit ist, darf man den Film einfach so genießen. Als schönsten Berlin-Film des Jahres. Mit wunderschönen Bildern. Mit brillanten Kabinettstückchen hochkarätiger Schauspieler noch in Kleinstrollen. Und mit einem Tom Schilling, der nie besser war. Am Ende kriegt er übrigens seinen Kaffee. Aber der schmeckt dann echt bitter.