Über die krude Handlung von Verdis „Il trovatore“ zu lästern, gehört unter Opernkennern seit jeher zum guten Ton. Letztlich macht auch der Berliner Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl im Schiller-Theater nichts anderes. Seine am Ende bejubelte, aber auch ausgebuhte Inszenierung ist ein comicartiges Märchen mit Darstellern in historisch schrägen Kostümen. Aber das Entscheidende bleibt in dieser grandiosen Sängeroper immer, wer in den Kostümen steckt. Eine Handvoll wirklich guter Sänger braucht das Stück. In einem der lustigen Kostüme steckt die russische Soprandiva Anna Netrebko. Natürlich ist sie ein gefeierter Star des Abends, wird auf offener Szene bejubelt. Überhaupt ist der Staatsoper ein exklusives Opernprojekt gelungen.
Auf den Leib geschneidert
Dabei war die Inszenierung bereits bei den Wiener Festwochen mit anderen Sängern zu sehen. „Ich liebe sie“, sagte Anna Netrebko seinerzeit als Zuschauerin, „aber man wird die Konzeption deshalb ein wenig ändern müssen, weil ich viel größer als die in Wien engagierte Kollegin bin. Das Kostüm ist in Ordnung und erinnert mich an Alice im Wunderland.“ Tatsächlich ist Stölzl etwas Überraschendes gelungen: Er hat die Partie der Leonora der Netrebko auf den Leib geschneidert. Eigentlich müsste sich die Sängerin, die inzwischen in die mütterliche Bodenständigkeit gereift ist, neu erfinden. Stölzl lässt sie aber sein, was sie am besten kann: ein verspieltes Mädchen, das sich vom Leben verführen lässt. Netrebko ist ein bezauberndes Püppchen namens Leonora. Und natürlich liegen ihr die Kerle zu Füßen, auf der Bühne sind es Manrico (Gaston Rivera) und Graf Luna (Plácido Domingo).
Der Netrebko-Faktor
Mit seiner Inszenierung bedient Stölzl geschickt den Netrebko-Faktor, der in Berlin bereits 2007, als sie die Manon an der Lindenoper verkörperte, alles überstrahlte. Zuletzt allerdings war einiges schief gelaufen: Netrebko hatte die Donna Anna im „Don Giovanni“ kurzfristig abgesagt, angeblich, weil sie ein hartes Jahr hinter sich hatte und sich um Sohn Tiago kümmern wollte. Merkwürdigerweise sang dann ihr Lebenspartner Erwin Schrott in Berlin mit, sie tauchte woanders singend auf. Beiläufig sagte der Latin-Lover-Bassbariton öffentlich, dass er kein weiteres Kind haben wolle. Dann brodelte die Gerüchteküche. Kurz vor der Berliner Premiere gestand Anna Netrebko im Schiller-Theater ein, dass sie wieder Single ist.
Ein künstlicher Charakter
„Ich glaube nicht, dass ein Mensch so sehr lieben kann“, sagte sie gerade in einem Interview über ihre Opernfigur Leonora: „dass er dafür in den Tod geht. Für mich ist das Bullshit.“ Sie sei eine Frau des 21. Jahrhunderts, komme aus Russland und glaube ganz pragmatisch ans Überleben. Und überhaupt: Die Leonora ist ein künstlicher Charakter, dem sie nichts glaube. Sagt sie. Und dann tritt die Leonora im vierten Akt für ihre große Liebesarie an die Rampe und jeder im Saal spürt, dass die berühmteste Sopranistin unserer Tage einen atemberaubenden Auftritt vorbereitet. Netrebkos Stimme ist makellos, zärtlich, die Koloraturen freizügig girrend, aufblühend. Dieses letzte Aufbäumen zwischen Leben und Tod wird zum Triumph, mit Ovationen wird die Netrebko an der Rampe festgehalten. Sie verharrt reglos, in sich gesunken.
Das Geheimnis der Diva
Der Genuss des Augenblicks ist wohl ihr größtes Geheimnis. Während andere Primadonnen ihre Leonora mit Bedeutung füllen wollen, vergangene und künftige Töne im Belcanto mitschwingen lassen, macht die Netrebko nichts anderes, als den Ist-Zustand mit ihrem dunkel-fülligen Sopran vorzuführen. Das wirkt so frisch, so lebendig – und so gar nicht abgeklärt. Und natürlich kann sie auf der Bühne zauberhaft dahinsinken, sich kokett drehen. Ihre Darstellungslust gehört mit zur Aura.
Da fragt keiner nach Logik der Handlung. Die Netrebko vergiftet sich nicht, wie bei Verdi vorgesehen, sondern ersticht sich. Großflächig tropft das Blut über die weiße Wand. Das Bühnenbild zeigt einen schräg gestellten Würfel, alle bewegen sich auf einer schiefen Fläche, was immer etwas komisch aussieht. Stölzl meidet das Statuarische. Die beiden Seitenwände sind Projektionsflächen und können zugleich Türen, Klappen und Fenster freigeben.
Putzig wie in einer Puppenstube
Es geht putzig wie in einer Puppenstube zu, wo gerade Szenarien von Alice im Wunderland, dem Grafen von Monte Christo oder Fantasiefilme durchgespielt werden. Am Ende schlurft Graf Luna als Henker, das riesige Beil hinter sich herschleifend, auf die Bühne. Plácido Domingo ist so überhaupt kein Bösewicht. Der Altmeister debütiert mit dieser Bariton-Partie und tritt an, den Kavalierbariton auf elegante Weise neu zu definieren. Zwischendurch verfällt er in frühere Tenor-Druckmuster zurück, was die Kurzatmigkeit verstärkt.
Raffinierte Videosequenzen
Immer wieder sind raffinierte Videosequenzen zu sehen, Kanonenkugeln schlagen in die Wände ein, Manrico eilt herbei, die Zigeuner tanzen in freier Natur. Der Zigeunerchor auf der Bühne ist eine schrille Gauklertruppe mitsamt Bärenführer. Es bleibt Stölzls stärkste Idee, Azucena als eine gedemütigte Außenseiterin einzuführen, die als Traumatisierte ihre Erzählung vom Flammentod der Mutter loswerden muss und dabei belästigt wird. Marina Prudenskaya singt ihre Partie voll lodernder Düsternis und verleiht ihr ein neues Format. Leider können Mezzosopranisten, so gut sie auch sind, keine Primadonnen sein. Am Ende wird sie aber wie die Netrebko bejubelt. Ebenso wie Daniel Barenboim und seine Staatskapelle, die Verdi im Dienste der Sänger auf Hochtouren laufen lassen.
Schiller-Theater Alle weiteren Vorstellungen sind ausverkauft.




