Theater

Schwochow will nicht auf DDR-Filme reduziert werden

Der TV-Zweiteiler „Der Turm“ machte Filmemacher Christian Schwochow bekannt. Jetzt inszeniert er „Gift“ am Deutschen Theater. Eine Chance für den Regisseur, sich von seinem „DDR-Image“ zu lösen.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER / JöRG KRAUTHöFER

Wer als 35-Jähriger mehrere Filme dreht, die etwas mit dem Leben in der DDR zu tun haben und die auf den entsprechenden Fernseh-Gedenksendeplätzen zwischen dem 3. Oktober und dem 9. November landen, hat schnell ein entsprechendes Etikett weg. Christian Schwochow, der für seinen TV-Zweiteiler „Der Turm“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, möchte aber nicht darauf reduziert werden. Obwohl, das räumt er dann am Ende des Gesprächs doch ein, er bei diesem Thema mittlerweile schon ein bisschen „missionarisch“ geworden ist.

Das hängt sicherlich mit seiner eigenen Geschichte zusammen: 1978 auf Rügen geboren, aufgewachsen in Leipzig und Ost-Berlin, dann 1990 der Umzug nach Hannover, nach dem Abitur im Westen die Rückkehr ins wiedervereinigte Berlin. Heute wohnt er mit seiner Familie in dem Haus an der Schönhauser Allee, in dem schon seine Großeltern wohnten. Und geht mit seiner zweieinhalbjährigen Tochter den Weg zum Kindergarten, der einst sein Schulweg war.

Wiedersehen auf dem Friedhof

Die Vergangenheit, sie ist gegenwärtig. Auch in dem Stück „Gift“, das Christian Schwochow gerade am Deutschen Theater inszeniert. Sein Bühnendebüt. Und vielleicht eine Chance, sich des Etiketts zu entledigen. Denn „Gift“ von Lot Vekemans hat nichts mit der DDR zu tun. In dem Zweipersonenstück der niederländischen Autorin treffen sich „ER“ und „SIE“ das erste Mal sechs Jahre nach der Scheidung wieder.

Auf einem Friedhof. An dem Ort, wo ihr einziges Kind begraben ist. Er wohnt in Frankreich und hat dort ein neues Leben aufgebaut, sie ist in ihrem gemeinsamen Haus wohnen geblieben und kann den Gedanken an ein neues Leben nicht ertragen. Der Grund für ihr Treffen ist ein Brief, in dem die Umbettung ihres Kindes angekündigt wird, weil man Gift im Boden gefunden hat. Während der paar Stunden, die sie gemeinsam verbringen, versuchen sie, ihre Geschichte wieder zusammen zu bringen.

Geprobt wurde in den Theaterferien

Beim Interview kommen wir schnell auf das DDR-Thema zurück. Das liegt an der Besetzung, die Schwochow als „großes Geschenk“ bezeichnet. Nicht jeder Theaterdebütant bekommt gleich Stars wie Dagmar Manzel und Ulrich Matthes, und nicht jeder fängt gleich am Deutschen Theater (DT) an. Der Regisseur weiß das zu schätzen; mit beiden hat er schon Filme gemacht.

Die Proben fanden bereits im Sommer statt im „tiefen, dunklen Keller“, gemeint ist die Probebühne an der Reinhardtstraße, denn es gab ein logistisches Problem. Der 9. November stand als Premierentermin schon lange fest, aber die Dreharbeiten für „Bornholmer Straße“, ein Film über den Abend der Grenzöffnung, der zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im kommenden Jahr ausgestrahlt werden soll, liefen noch bis Mitte Oktober. Also schlug DT-Intendant Ulrich Khuon vor, in den Theaterferien zu proben.

Matthes spielte Hauptrolle in „Novemberkind“

„Wir sind relativ weit gekommen im Sommer“, sagt Christian Schwochow, der jetzt in die Endproben geht. Es gibt Regisseure, die dann noch einmal alles umwerfen. Er scheint nicht zu denen zu gehören, aber es sind ja auch noch zwei Schauspieler beteiligt. Schwochow, der die Worte wägt und auch mal eine Denkpause mitten im Satz einlegt, hat die Abwechslung vom Drehen, das mit einem starren Terminkorsett verbunden ist, genossen. Den großen Freiraum, „morgens zu einer Probe zu kommen, ohne zu wissen, was dabei herauskommt in den nächsten Stunden“.

Das Stück sei sehr „klar und emotional“ und „beide Schauspieler gehören zu denen, mit denen ich die intensivsten Erlebnisse beim Film hatte“. So etwas erleichtert die Arbeit. Er habe „nie das Gefühl gehabt, jetzt läuft die Zeit davon.“ Dabei hatte er sich vorher „für mich“ eine Art Plan gemacht, denn warum „soll ich alles aufgeben, was mir im anderen Arbeitsbereich Sicherheit gibt?“

Schwochow ist ein leidenschaftlicher Theatergänger. „Es gibt Zeiten, da gehe ich mehr ins Theater als ins Kino.“ Ulrich Matthes, der neben Anna Maria Mühe eine Hauptrolle in Schwochows gefeierten Film-Erstling und Hochschulabschlusswerk „Novemberkind“ spielte, hatte er zuvor mehrfach auf der Bühne erlebt. Das ersetzte gewissermaßen das Casting. „Den musst du fragen“, hat er sich gesagt, und Matthes das Drehbuch und einen Brief geschickt. Der Rest ist Filmgeschichte.

Die Anarchie des Jahres 1990

Bei der Aufnahmeprüfung für die Filmakademie Baden-Württemberg wurde er gefragt, welche großen Stoff er gern mal erzählen wolle. Etwas über die Anarchie des Jahres 1990, das „lässt mich bis heute nicht los“, sagt Schwochow, der bei seiner Rückkehr nach Berlin Ende der 90er Jahre gemerkt hat, dass Heimat für ihn „eine ganz große Rolle spielt.“

In „Westen“, der Film basiert auf Julia Francks Roman „Lagerfeuer“ und erzählt die Geschichte einer Ausreise vom einen Deutschland ins andere und der Ankunft in einem Notaufnahmelager. Es „geht es um die Schwierigkeiten, in einer neuen Welt anzukommen“. Diese Schwierigkeiten hat Schwochow auch erlebt, er wollte in seiner Zeit in Hannover „ein Westdeutscher werden“, und hat dann doch immer wieder das Land, aus dem er kommt, verteidigt.

Mittlerweile lebt er wieder an der Schönhauser Allee, „in dem Haus, in dem die Familie Schwochow in unterschiedlichen Konstellationen seit 1950 wohnt“. Sein Opa hatte im Vorderhaus eine Praxis, er war „der letzte private Tierarzt der DDR“. Schwochow, verheiratet, ein Kind, trägt sich allerdings mit Abwanderungsgedanken: Aufs Land will er nicht ziehen („Die Ruhe würde mich unruhig machen“), aber in einen anderen Bezirk. „Der Ort inspiriert mich nicht mehr. In Prenzlauer Berg habe ich das Gefühl, ich begegne mir nur noch selbst. Wir sind alle so gleich, führen die gleichen Leben hier.“

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