Ein ganz, ganz weißer Mond leuchtet uns von Unter den Linden entgegen, so, als wolle das Gorki-Theater seine Märchen den Passanten schon hier auf der Straße anfangen zu erzählen. Im Garten des Gorkis dagegen schwebt schwarz und metergroß eine Hasskappe hoch über unseren Köpfen. Passt exakt auf die New Yorker Freiheitsstatue. Welche Hasskappe hat schon so einen Strahlenkranz?
Irgendwo bewegt sich ein gigantischer grauer Kopf aus Pappmache auf dem Boden, „uns geht es gut“, „gut geht es uns“, wiederholt die Stimme aus dem Mund. Mantramäßig im Vortrag. So lange, bis man es nicht mehr glaubt.
„Alles ist anders im Gorki-Theater“, fand Klaus Wowereit, als er das Haus zum Saisonstart besuchte. Recht hat er, die Bühne eröffnet mit einem ungewöhnlichen Prolog, dem „Herbstsalon“. Ein offener Parcours, drinnen und draußen, bestückt von 32 Künstlern. Auch das benachbarte Palais am Festungsgraben und die Neue Wache werden Teil dieser begehbaren, lebendigen Installation, die Geschichten erzählt wie das Theater selbst.
Die neue Chefin, Shermin Langhoff geht an diesem zentralen Ort in Berlins Mitte bewusst auf historische Spurensuche. Und diese Auflösung der Grenzen zwischen Bühne, Kunst und Performance gehört zu ihrem Programm. Der Titel ist eine Anspielung auf Herwart Waldens „Herbstsalon“ von 1913, wo sich avantgardistische Künstler versammelten. Wer durch die labyrinthischen Gänge streift, befindet sich in einem spielerischen Polit-Seminar. Die Themen Nationen, Grenzen, Identität, Migration sind genau jene Themen, die Langhoff auch in ihren Bühnenstücken behandelt wissen will.
GW.




