Intendanz

Shermin Langhoffs erste Spielzeit am Gorki-Theater beginnt

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Eva Behrendt

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Die 44-jährige Shermin Langhoff übernimmt die Leitung des Berliner Gorki-Theaters. Ihr Spielplan ist grundsolide und lässt Raum zum Abheben. Dennoch sind keine wilden ästhetischen Sprünge zu erwarten.

Besuche in der Chefetage von Theatern beginnen in der Regel wartend an der Pforte. Zeit, sich etwas umzuschauen. Eine Tafel zeigt an, welche Schauspieler gerade anwesend sind: Neben einigen biodeutsch klingenden Namen wie Beykirch, Conrad, Reinecke stehen da jetzt auch Arslan, Atesci, Micas, Radenkovic, Sahintürk, Tafreshian, Terziyan, Yilmaz.

Sesede Terziyan, die wie die meisten Ensemblemitglieder mit fremd klingenden Namen in der Bundesrepublik geboren wurde, läuft gerade lauthals tirilierend an den Schaukästen vorbei, in denen auch das Tagesprogramm der Intendantin aushängt. Das Interview, das wir gleich führen werden, ist Shermin Langhoffs drittes Pressegespräch an diesem Nachmittag.

In rasantem Tempo hat die 44-Jährige die hermetische Hochkulturburg des deutschen Theaters gestürmt. Nicht einmal zehn Jahre brauchte sie dafür: 2003 kuratierte die Quereinsteigerin aus der Filmbranche erstmals am Berliner HAU die Reihe „Beyond Belonging“, 2008 wurde sie mit einem 100.000-Euro-Budget künstlerische Leiterin des Kieztheaters Ballhaus Naunynstraße, dessen Produktion „Verrücktes Blut“ (in Koproduktion mit der Ruhrtriennale) 2011 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Für postmigrantisches Theater

Dem „postmigrantischen“ Theater, für das Langhoff im Ballhaus vehement einstand, gelang es mit einer kalkuliert paradoxen Volte, die Themen Migration und Teilhabe ganz oben auf die Prioritätenliste des Theaterbetriebs zu setzen.

Noch im selben Jahr machte ihr die Stadt Wien mit der Schauspiel-Leitung der Wiener Festwochen (dem bestdotierten Festival im deutschsprachigen Raum) ein unwiderstehliches Angebot, das sie jedoch nach kurzer Zeit wieder ausschlug. Stattdessen übernahm Langhoff „aus familiären Gründen“ – sie hat mit ihrem Mann, dem Regisseur Lukas Langhoff, eine 15-jährige Tochter, die in Berlin zur Schule geht – lieber einen Job in ihrer Wahlheimatstadt. Nämlich gemeinsam mit dem ehemaligen Schaubühnen-Co-Leiter Jens Hillje die kleinste der Berliner Ensemble- und Repertoirebühnen, das Gorki Theater.

Damit ist Shermin Langhoff nicht nur die erste deutsche Intendantin mit türkischen Wurzeln – sondern auch, nach Helene Weigel, Ruth Berghaus und Andrea Breth, die erst vierte Frau an der Spitze einer der Berliner Sprechtheaterbühnen.

Sieben Mitarbeiter mussten am Gorki gehen

„Beides sehe ich als Herausforderung, und beides darf man nicht zu wichtig nehmen“, sagt Langhoff lächelnd am runden Tisch in ihrem neuen Büro. „Wenn das etwas beiträgt zu einem gesellschaftlichen heterogenen Wir, dann freut mich das. Ansonsten geht’s nicht so sehr um meine Person, sondern darum, was ich politisch und ästhetisch bewegen kann.“

Das sind wohl abgewogene und bescheidene Töne. Allerdings hat Langhoff bereits die Erfahrung gemacht, dass man sie extra genau beim Wort nimmt: Anfang des Jahres wurden ihr die bei Intendanzwechseln üblichen Kündigungen ungewohnt heftig angekreidet. 50 von 160 Mitarbeitern würden am Gorki nicht übernommen, und das, obwohl Langhoff bei einer Betriebsversammlung erklärte habe, dass sie sich über jeden freue, der bleibt, hieß es in einem Artikel der „Berliner Zeitung“.

Tatsächlich, stellt sie jetzt noch mal klar, habe sie letztlich nur sieben Mitarbeitern, Assistenten zumeist, gegen deren erklärten Willen gekündigt, viele hatten schon andere Verträge, einige habe sie doch noch verlängern können.

Durch „marxistische Tante“ früh politisiert

Geboren wurde Shermin Langhoff 1969 als Sermin Özel in Bursa. Mit neun Jahren folgte sie ihrer Mutter, Gastarbeiterin bei der Nürnberger AEG, nach Deutschland, zuvor hatte sie bei ihren Großeltern gelebt. Durch ihre „marxistische Tante“ früh politisiert, trat sie bereits im zarten Altern von 14 Jahren der KPD bei – natürlich inoffziell, verordnete sich mit 18 einen „Kapital“-Lesekreis und absolvierte nach der Schule eine Lehre als Verlagskauffrau.

„Ich wuchs mit Büchner, Brecht und Nazim Hikmet auf“, erzählt sie, „und mit dem marxistisch-humanistischen Ethos der türkischen Intellektuellen im Exil.“ Sie war Mitbegründerin der Deutsch-Türkischen Filmtage in Nürnberg und lud Jungfilmer wie Ayse Polat, Miraz Bezar und Fatih Akin ein, mit dem sie auch später zusammenarbeitete.

Das kämpferische Glühen, das charmante Fabulieren und Jonglieren mit Fremdworten, polemischen Seitenhieben und unzähligen Nebensätzen ist Shermin Langhoff vermutlich aus dieser Zeit geblieben. An manchen Tagen hat sie, meist ganz in Schwarz gekleidet, mit ihren Pelzkappen und Cowboyhüten etwas von einer exzentrischen Undergroundpunkdiva.

Spielplan bietet eine Mischung, die Raum zum Abheben lässt

Und wenn sie von den Projekten schwärmt, die etwa die israelische Regisseurin Yael Ronen mit Berliner Exjugoslawen plant („Common Ground“), von der Bildungsutopie des bildenden Künstlers Ahmet Ögüt („Silent University“) oder dem vom dem Künstlerkollektiv Conflict Zone Arts Asylum bespielte Studio, gerät sie erst richtig in Fahrt.

Dabei ist Langhoff alles andere als eine unberechenbare Fantastin. Ihre wichtigsten Personalentscheidungen – ob auf der Leitungsebene mit Jens Hillje und dem geschäftsführenden Direktor Jürgen Maier oder im künstlerischen Bereich mit den Hausregisseuren Nurkan Erpulat, Yael Ronen und Sebastian Nübling – hat sie klug und pragmatisch getroffen; ihr Spielplan bietet eine Mischung, die sich zumindest auf dem Papier grundsolide liest, und die doch Spielraum zum Abheben lässt.

Sogar ihre Geschichtshausaufgaben haben Langhoff und Hillje ordentlich gemacht, wenn Sie das Publikum im Spielzeitheft mit einem Zitat des preußischen Aufklärers Carl Friedrich Zelter begrüßen und die legendäre 89er-Inszenierung von Langhoffs Schwiegervater Thomas, Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“, jetzt neu vom Sohn und Gatten Lukas interpretieren lassen.

Wilde ästhetische Sprünge sind am Gorki nicht zu erwarten

Wilde ästhetische Sprünge sind am Gorki dennoch nicht zu erwarten. Zum einen bleibt das Haus vorerst unterfinanziert; von den 9,6 Millionen Euro Subvention bleiben ab nächster Spielzeit nur 600.000 Euro Produktionsmittel (für zehn Premieren sind eine Million Euro nötig), weshalb Langhoff vor allem die Abteilungen Bildung und Fundraising/Öffentlichkeitsarbeit aufgerüstet hat.

Zum anderen stand das Kreuzberger Ballhaus unter ihrer Ägide durchaus für „emotionales klassisches Theater, bei dem sich auch ein Publikum wohlfühlte, das mit der Diversifizierung von Theater nicht mehr klar kam“, wie sie es formuliert.

„Sie wird sich zwischendurch auch mal auf die Schnauze legen“

Nach künstlerischen Experimenten klingt das nicht gerade. In politischer Hinsicht ist das heterogene Gorki-Wir jedoch jetzt schon Avantgarde: Es ist leider immer noch etwas Ungewöhnliches, wenn ein türkischer Regisseur Tschechows „Kirschgarten“ inszeniert – wie Nurkan Erpulat zum Auftakt am Gorki.

„Sie wird sich zwischendurch auch mal auf die Schnauze legen, aber die Gesamtatmosphäre wird stimmen“, prophezeit Langhoffs ehemaliger Chef Matthias Lilienthal. „Sie ist eine grandiose Netzwerkerin und Präsentatorin.“ Das Gorki hat allerdings auch aus einem anderen Grund ziemlich gute Karten: Weil den vier Konkurrenzbühnen, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, schon seit geraumer Zeit der zündende Funke fehlt, ist das Berliner Publikum zumindest theoretisch sehr leicht entflammbar. Kaum anzunehmen, dass Shermin Langhoff diese Chance verstreichen lässt.