Honecker-Enkel

Der letzte Bürger der DDR zeigt in Berlin seine Kunst

Seinen Namen kennt in Deutschland kaum jemand: Roberto Yanez. Dabei ist er Erich Honeckers Enkel. Jetzt stellt der Deutsch-Chilene erstmals seine Kunst in Berlin vor. Er hat seine Albträume gemalt.

Foto: JOHANNES EISELE / AFP

Am 9. November 1989 fällt die Mauer. Roberto Yanez, Sohn eines Exil-Chilenen und einer Deutschen, ist gerade 15 Jahre alt geworden. Er erfährt die Nachricht aus dem Fernsehen. Dann geht er los, alleine, rüber in den Westen zum Kurfürstendamm. Heute weiß er nicht mehr genau, was er an dem Abend erlebt hat. Vielleicht will er es auch nur einfach nicht erzählen. „Ich fand es kapitalistisch“, sagt er. Das muss reichen. Ach, ja, da gab es noch eine West-Berlinerin, in die er sich verliebt hat, aber die wollte nicht. Kurz darauf geht die DDR unter, aber da ist Roberto schon weg.

Am 5. Dezember 1989 wird ein Ermittlungsverfahren gegen seinen Großvater eingleitet. Er wird verhaftet, der Rest der Familie flieht nach Chile. In Deutschland halten sie es nicht mehr aus. Roberto Yanez ist nämlich nicht nur der Sohn eines Chilenen, er ist auch der Enkel von Erich Honecker. Das wiedervereinigte Deutschland kennt Roberto Yanez nur aus den Medien. Er hat Filme gesehen über das Leben in der DDR, wie er es nie kennen gelernt hatte. „Das Leben der Anderen“ oder „Good, Bye, Lenin!“, den er witzig fand. Er hat Kontakt zu ein paar deutschen Freunden. Er selbst war seit über 23 Jahren nicht mehr hier.

Yanez hat sich lange mit Drogen betäubt

Roberto Yanez ist heute 39. Er ist ein fülliger Mann. Scheu, aber offen. Er hat viele Journalisten getroffen, in diesen Tagen, immer wieder stellen sie ihm dieselben Fragen. Seine Familie hat versucht ihm beizubringen, dass man jedem misstraut, auch einander. Vater, Mutter, Schwester, die Großmutter – man redet nicht miteinander und schon gar nicht mit der Presse. Davon hat sich Yanez befreit. Es war ein langer, zäher Kampf, von dem er sich immer noch nicht ganz erholt hat.

Er hat sich lange mit Drogen betäubt, ist abgehauen, lebte auf der Straße. Dann aber beschloss er, sich seiner Geschichte zu stellen. Über die Eltern spricht er weiter nicht, über sich aber kann er mittlerweile reden. „Ich bin froh mit meiner Existenz“, sagt Yanez. „Mein Leben hat mich dazu gezwungen, gegen mich selber zu kämpfen.“

Die Problematik, sich abzunabeln

Dass Roberto Yanez jetzt, im Herbst 2013, erstmals wieder in Berlin ist, liegt daran, dass er eben nicht nur als Enkel kommt. In den Büroräumen der Galerie Kornfeld in Charlottenburg gibt es am Dienstag eine Vernissage mit seinen Bildern. An dem Abend wird Yanez auch aus seinem gerade bei Insel erschienenen Gedichtband „Frühlingsregen“ lesen.

Er kommt als Künstler. Seine Traum-Bilder mit kosmischen Figuren erinnern an die chilenischen Surrealisten der Gegenwart, genauso wie an Max Ernst, etwas später Sozialismus ist auch zu erkennen. Auch seine Gedichte sind Traumsequenzen, expressionistische Verse mit viel Nacht, Natur und Tod.

Dass das Erscheinen seines Buches und die Vernissage so gut zusammenpassen, ist das Werk von Thomas Grimm. Der Dokumentarfilmer arbeitet an einem ambitionierten Filmarchiv von Zeitzeugen. Er hat Filme über Inge und Walter Jens, Stefan Heym und die de Maizières gemacht. 2002 beim Dreh zu „Honeckers Flucht“ lernte er im Haus von Margot Honecker in Santiago den dort lebenden Enkel kennen.

Hot Dogs mit Sauerkraut

Grimm war fasziniert von Yanez’ Biografie. „diese Problematik, sich abzunabeln.“ Aber Roberto Yanez hat sich lange gewehrt gegen diesen Film, der nun am Sonntag Abend im MDR ausgestrahlt wird: „Honeckers Enkel Roberto“.

Grimms Film zeigt die Geschichte eines Lebens. Aber welches Leben? Das des chilenisch-deutschen Künstlers Roberto Yanez? Oder das des Zeitzeugens Roberto Yanez Betancourt y Honecker, Lieblingsenkel des langjährigen DDR-Staatschefs und seiner dritten Frau Margot, einst Bildungsminister im Realsozialismus. Und kann man sie trennen?

Der Film beginnt mit Roberto Yanez in Chile. Die Kamera folgt ihm dicht. Wie er Hot Dogs mit Sauerkraut isst, wie er in seiner neuen Wohnung in Valparaiso seine Bilder zeigt. Immer wieder kreisen die Fragen um dasselbe Thema. Der Großvater. „Ich sehe ihn als Don Quijote“, sagt Yanez. „Er hat sich in der Wirklichkeit geirrt.“ Sein Großvater habe es gut gemeint. „Aber in Chile sagt man, gutes Vorhaben ist der Weg zur Hölle.“

Ein Leben in der Zeitmaschine

Man sieht im Film auch, wie Yanez gegen die Blicke der anderen ankämpft. In einer Szene steht das Filmteam vor seiner alten Schule. Sie sind unangemeldet, es ist Sonntag, man lässt sie nicht rein. Yanez reicht es. „Ich stehe nur da und schon ist das Auge auf mir drauf“, sagt er genervt. „Haben deine Mitschüler gewusst, dass du der Enkel von Honecker bist?“, kommt die Frage.

Yanez steckt sich eine Zigarette an. „Der Enkel von Honecker macht alles“, sagt er. „Der lebt bescheiden, der malt, der geht aufs Klo.“ Er nimmt einen Zug. „Natürlich haben sie es gewusst“, sagt er dann. Zum Schulabschluss schrieben die Mitschüler über ihn: „Ein idealistischer Dichter, der mit einer Zeitmaschine hier her gekommen ist.“ Das Bild passt noch immer.

Yanez hat wirklich viel Leben in einer Zeitmaschine verbracht. Bis vor wenigen Monaten noch hat er bei Großmutter Margot gelebt, die weiter an der DDR festhält. Ihr Haus ist ein Archiv, erklärt der Enkel. Deswegen sagt Yanez von sich: „Ich bin der letzte Bürger der DDR.“

Der Film „Honeckers Enkel Roberto“: MDR, 10.11., 20.15 Uhr

Die Ausstellung „Metamorphosen“: Galerie Kornfeld, Fasanenstr. 23, 12. November bis 15. Februar