Unsere Vorstellung von den Indianern haben die Irokesen maßgeblich geprägt. Da entstehen eine Reihe Bilder im Kopf: das vom grausamen Krieger in Coopers „Lederstrumpf“ oder vom Erfinder des Punker-Haarschnittes. Weniger bekannt ist, dass sie als Stahlarbeiter mit an der New Yorker Skyline gebaut haben, weil sie den Schwindel nicht kannten. Und ihr Nationenverbund gilt als frühe Föderation. Erstmals überhaupt wird in einer Ausstellung, so die Kuratoren, die Kulturgeschichte der Irokesen über vier Jahrhunderte derart breit gefächert mit etwa 500 Exponaten präsentiert.

Zu allererst in Bonn sind die „Erbstücke“ dieser indigenen Bevölkerung nun im Gropius-Bau aufbereitet. Die Liste der Leihgeber ist international, USA, Kanada, Großbritannien. Es geht um das Selbst- und das Fremdbild: Der Blick des Weißen auf die Irokesen ist immer mitgedacht. Die zum Klischee gewordene Figur aus dem Karl-May-Museum in Radebeul darf da freilich nicht fehlen – der wilde Irokese mit Kugelkopfkeule rüstet sich zur Attacke.

G. Peter Jemison als hochrangiger Irokese ist angereist, mit lila Basecap, kariertem Hemd und beachtlich großem Flamingo-Anhänger um den Hals, wirkt er sehr amerikanisch, zeigt aber gleich seinen Irokesenpass, der ihn täglich an seine Identität erinnert. Für die Ein- und Ausreise in die USA freilich braucht er einen US-Pass, also hat er zwei. „Wir sind immer noch in der Situation, dass wir schauen müssen, um unser Recht zu bekommen“, sagt er.

Das typische Langhaus fehlt in Berlin

Es gibt Verträge mit der USA, die Selbstverwaltung der über ganz Amerika verteilten indigenen Nationen läuft offenbar relativ unabhängig. Zum Zeitpunkt der europäischen Besiedlung gab es rund 20.000 Angehörige der Sprachfamilie, schätzt Kuratorin Silvia Kasprycki. Heute geht sie von 80.000 bis 85.000 aus, die im Staat New York und Kanada leben. Es gibt stammeseigene Schulen, doch wer den Aufstieg im höheren Bildungssystem schaffen will, muss an staatliche Institutionen.

Leider fehlt in Berlin das typische Langhaus, Zentrum der irokesischen Zivilisation, das in Bonn auf dem Museumsplatz eindrucksvoll nachgebaut wurde. 1000 Ahornstämme wurden dafür gebraucht, und wer schält heute noch Baumrinde? Haudenosaunee: Völker des Langhauses, so beschreiben sich die Irokesen heute noch selbst.

So weit haben sich die Irokesen an die Gegenwart angepasst

Der Rundgang beginnt mit den Ursprüngen. Ein moderner, bestickter Quilt zeigt die Herkunft aus dem Leib der „Himmelsfrau“. Der Weg führt direkt ins Alltagsleben, zu Töpfen, Pfannen und geflochtenen Schlafmatten aus Mais. Die Rührlöffel werden gekrönt durch ein geschnitztes Tierchen. Wir lernen, dass die Frauen („Matronen“) viel Macht hatten, nicht nur im Haus, sondern auch im Dorf eine herausragende Rolle einnahmen. Die Kolonisten aus Europa müssen über so viel Frauenpower nur den Kopf geschüttelt haben.

Am Ende der Ausstellung sieht man, wie weit sich die Irokesen an die Gegenwart angepasst haben. Elisabeth Doxtater entwarf schwarze Stiefel, die exakt wie Converse aussehen, eben nur bis zum Knie und mit tollen Ledersenkeln versehen. Das Paar hat sie mit feinsten Perlchen und Pailletten bestickt, in den Shops von Manhattan wären sie sicher der letzte Schrei. Für Doxtater ist es Kunst. Diese scharfe Trennung zwischen Kunst- und Handwerk aber kennen die Irokesen nicht. In den USA und Kanada gibt es längst einen Markt dafür, in Europa allerdings ist es schwer für diese Künstler, Fuß zu fassen.

Martin-Gropius-Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg. Mi-Mo 10-19 Uhr. Bis 6. Januar. Katalog: 32 Euro