Ausstellung

Religiöse Rituale gegen das Vergessen im Jüdischen Museum

Das Jüdische Museum befasst sich in der Schau „Alles hat seine Zeit“ mit religiösen Ritualen. Zu den Judaica gehören Schriften, Kunsthandwerkliches, insbesondere aber rituelle oder sakrale Objekte.

Foto: Reto Klar

Energisch führt die New Yorker Fotografin Quintan Ana Wikswo zu ihrem Lieblingsbild in der Ausstellung. Dann steht sie davor und erklärt die Tücken, die Finessen des verwendeten Materials. Für ihre Fotos sind das Material wie auch die verwendeten Kameras wichtig: Die Fotoapparate waren von Zwangsarbeiterinnen für die AGFA in Dachau hergestellt worden.

Die Fotografin hat mit alten Apparaten das ehemalige KZ Dachau mehrfach besucht. Ihre Fotos zeigen etwa eine grüne Wiese mit gelben Blumen vorm Hauptgebäude oder Stacheldraht, es sind Überblendungen, Streifen und merkwürdige Schatten von Blumen zu erkennen. Neben ihrem Lieblingsbild steht als Bildtext: "Am 11. Juli 1943 wurden sechzehn weibliche Gefangene von vierundneunzig Männern vergewaltigt. Den Gewinn von einhunderteinundvierzig Reichsmark erhielt die Schutzstaffel." Die junge Fotografin will an die Leidensgeschichten von sexuell ausgebeuteten Frauen in Konzentrationslagern erinnern. Bordelle als Belohnungssystem für Häftlinge gab es in mehreren KZs.

95% der Juden wissen nicht viel über Judaica

"Alles hat seine Zeit. Rituale gegen das Vergessen" heißt die neue Sonderschau im Jüdischen Museum. Sie macht es dem Besucher diesmal nicht leicht. Das hat verschiedene Gründe. Programmdirektorin Cilly Kugelmann scherzt vorsorglich, dass 95 Prozent der Juden, die sie kenne, zu dem Gezeigten nicht viel sagen könnten. Es ist die erste große Judaica-Ausstellung im Berliner Haus.

Zu den Judaica gehören jüdische Schriften, Kunsthandwerkliches, insbesondere aber rituelle oder sakrale Objekte wie Chanukka-Leuchter oder verschiedene Accessoires für die Tora-Rolle. All das gehört eigentlich in jedes jüdische Museum. In Berlin haben die Macher bislang eher nach Themen, die ins Heute und ins Geistesgeschichtliche hinein führen, gesucht. Insofern ist diese Übernahme aus München auch die erste Ausstellung, die an die religiöse Herkunft und Identität von Juden erinnert.

Gleich am Eingang der Schau ist das berühmte Mosaik aus der spätantiken Synagoge von Bet Alpha in Israel auf den Boden projiziert. Die Synagoge steht für den Übergang vom Opfergottesdienst zum Wortgottesdienst. Seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels vor fast 2000 Jahren ist die Tora-Rolle das best gehütete "kleine Heiligtum" in jeder Synagoge. Mehrere der rund 60 gezeigten Objekte befassen sich mit der Schriftrolle und der Erinnerung an den Tempel. Die von Felicitas Heimann-Jelinek konzipierte Ausstellung verknüpft den Jahreszyklus jüdischer Feiertage mit Höhepunkten im Leben des Einzelnen wie Geburt, Mündigkeit, Eheschließung.

Im Judentum sind Rituale mit der Geschichte verknüpft

"Alles hat seine Zeit" ist dem Buch Kohelet 3, 1-8 entlehnt. In dem leicht depressiven Predigertext, so Museumschefin Kugelmann, muss sich der Mensch damit abfinden, nicht über die Zeit entscheiden zu können. Das Sakrale, das sich in einer unendlichen Kreisform darstellt, steht im Widerspruch zum Profanen, das linear gedacht ist. Demnach glaubt der Mensch, dass die Zeit geradlinig vorwärts läuft, es eine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt. Gerade im Judentum sind religiöse Rituale, die eigentlich eine Huldigung Gottes sind, mit der Erinnerung an vergangene historische Ereignisse verknüpft.

Das siebentägige Laubhüttenfest Sukkot erinnert etwa an die 40-jährige Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten. In Erinnerung an die provisorischen Unterstände in der Wüste werden bis heute für das Fest geschmückte Laubhütten errichtet. Im Museum ist jetzt die "Baisinger Laubhütte" zu sehen.

Sie gehörte in den Zwanzigerjahren der Metzgerfamilie Giedeon. Später, als die Baisinger Juden deportiert wurden, nutzten die nichtjüdischen Nachbesitzer die hölzerne Laubhütte als Hühnerstall. Bernhard Purin, der Direktor des Jüdischen Museums München, entdeckte die Laubhütte im Jahr 2000 bei einem Rundgang durch das Dorf Baisingen.

Casablancas Juden dankten den Alliierten mit "Hitler-Purim"

Im Kapitel "Erinnerung an das Wort" werden erstmals drei Tafeln aus Köln gezeigt. Die mehr oder weniger Splitter von Schiefertafeln sind ein Highlight der Schau. Cilly Kugelmann nennt sie das "Schmierpapier des frühen Mittelalters". Sie sind ein Zeugnis dafür, wie Kinder und Jugendliche im schulischen Alltag bereits das Schreiben auf Hebräisch lernten.

Die Tafeln sind genau genommen ein Überbleibsel des Pestpogroms vom August 1349. In mehreren Gruben innerhalb des mittelalterlichen jüdischen Viertels in Köln, auch unterhalb der alten Frauen-Synagoge, wurden in den letzten Jahren über 230.000 Schieferfragmente gehoben. Gut 200 davon sind hebräisch beschriftet und werden jetzt wissenschaftlich aufgearbeitet.

Wie schnell Lebensumstände ins Rituelle überführt werden konnten, zeigt die "Hitler-Rolle" aus Casablanca. Die anrückenden Alliierten bewahrten die nordafrikanischen Juden vor der Deportation. Die Juden Casablancas bedankten sich 1942 mit einem "Hitler-Purim". Traditionell erinnert das Purimfest an die Errettung des jüdischen Volkes in der persischen Diaspora. Nach dem Buch Esther versuchte Haman, der höchste Regierungsbeamte des Königs, die gesamten Juden im Perserreich an einem Tag zu ermorden. Beim "Hitler-Purim" wurden nun Hitler, Mussolini oder Himmler verflucht, dagegen Roosevelt, Churchill, Stalin oder Chang-Kai-Shek gepriesen. In der Vitrine liegt eigentlich nur ein Zettelchen, aber eines mit vielschichtigem Hintergrund. Wer das alles verstehen will, muss sich in den Katalog einlesen.

Angst vor Verachtung

Ein neues künstlerisches Ritual gegen das Vergessen will die Fotografin Quintan Ana Wikswo schaffen. Es soll ein Tabu brechen. Die klingt schon etwas reißerisch. Richtig ist, dass die Bordelle schnell aus den KZ-Gedenkstätten verschwanden, die Täter schwiegen und auch die verschiedenen Opferverbände scheuten sich vor Diskussionen.

Es ist eine moralisch komplizierte Diskussion, warum sich Opfer auf die Seite der Nazi-Täter ziehen ließen und anderen Opfern Gewalt antaten. Es ist auch eine Frage nach Überlebensstrategien. Die Fotografin hat mit einigen Frauen gesprochen. Die waren verheiratet, hatten Kinder. Und waren voller Scham und Angst, dass keiner ihre Vergangenheit verstehen, sie gar verachten könnte. "Ihr Körper als Tatsache sagt, sie hat überlebt" steht in einem Bildtext.

Die 20 großformatigen Fotos sind sehr lyrisch im Ton. Sie sind ein Kontrapunkt zu den lebenszugewandten Judaica. Ein bisschen zerfallen wirkt die Ausstellung. Die Zwangsprostitution in KZs ist eigentlich kein jüdisches Aufarbeitungsthema. Juden war der Bordellbesuch verboten. Und arbeiten durften dort nur "Arierinnen". Auch das gehörte zum Rassenwahn.

Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, Kreuzberg. Bis zum 9. Februar. Kostenloser Audioguide, Katalog: 36 Euro

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