Premierenkritik

Jeanette Biedermann wird im „Jedermann“ auf Händen getragen

Die Rolle von Jeanette Biedermann ist kurz - und die Buhlschaft wirkt gar nicht nervös. Das so oft aufgeführte Werk wirkt im Berliner Dom so frisch wie am ersten Tag.

Der Ort ist schon mal ein Ereignis: Wenn man dann noch in der Kaiserloge sitzt, die im Berliner Dom Kaiser Empore heißt, darf man sich als etwas Besonderes fühlen. Denn der Aufgang, so steht es auf dem Schild, ist vorgesehen „für den Hofstaat, für Diplomaten, Mitglieder des Bundesrats, Reichstags, Herrenhauses, Landtags und für höhere Beamte“. Wie hoch die Zahl der Vertreter aus diesen Kreisen tatsächlich ist, darüber kann man allerdings an diesem Donnerstagabend, dem Premierenabend des neuen „Jedermann“, keine verlässlichen Aussagen machen. Gefühlt war die Zahl eher gering.

Auch auf der Empore wird gespannt auf den Auftritt gewartet, der in jeder „Jedermann“-Inszenierung erwartungsvoll herbeigesehnt wird: den der Buhlschaft. Es ist die kleinste große Rolle, die das Theater zu bieten hat, und sie wird gern prominent besetzt. Die Sängerin und langjährige „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“-Darstellerin Jeanette Biedermann gibt im Dom ihr Theaterdebüt – und wirkt kein bisschen nervös. Auf Händen wird sie auf die Bühne getragen. Die Buhlschaft hat stückbedingt wenig Zeit sich zu verlieben. Jeanette Biedermann umgarnt ihren Liebsten, haucht verführerisch die entscheidenden Worte, rafft das knallrote Kleid und tanzt mit Jedermann einen Liebes-Tango. Sie sorgt sich um Jedermann, aber aufopfern für ihn, das geht er zu weit.

Jedermann (Francis Fulton-Smith) ist glücklich, aber nicht viel länger als einen Augenblick. Er hat Visionen, sieht seine Gäste im Totenhemd an der Tafel sitzen. Aber der Tod kommt nur für ihn. Reiner Schönes Auftritt ist ein Keulenschlag. Auf einmal steht er da, Arme und Beine unter einem schwarzen Umhang verborgen, mit rauer, schneidiger Stimme fordert er Jedermann auf, ihn zu begleiten. Der bittet um Aufschub, zeigt Reue, die raumgreifenden Gesten vom Anfang sind verschwunden, jetzt liegt Jedermann auf dem Boden.

Nicht mal sein Geld, das ihm so viel Freude bereitet hat, will ihm folgen. André Eisermann spielt den Mammon, er entsteigt einem schrankgroßen Tresor und sieht aus wie ein goldglänzender Ringer. Der Teufel (Peter Sattmann) geht zum Schluss leer aus, das Ende in Brigitte Grothums kostümprächtiger Inszenierung hat ein bisschen was vom „Faust I“-Finale. Zum 27. Mal hat sie den „Jedermann“ auf die Bühne gebracht, aber das von mittelalterlichen Mysterienspielen inspirierte Stück von Hugo von Hofmannsthal wirkt im Dom zu Berlin so frisch wie am ersten Tag.

Dom zu Berlin, Am Lustgarten, Mitte. Termine: Bis 27. Oktober. {telvoll} 312 70 41