„Jedermann“

Jeanette Biedermanns Buhlschaft ist eine emanzipierte Frau

Jeanette Biedermann wurde durch Popmusik und Telenovelas bekannt. Jetzt spielt sie erstmals die Buhlschaft im „Jedermann“ im Berliner Dom - und sorgt sich, wenn „ihr Geliebter so abhaut“.

Sie gilt als die kleinste große Rolle der Theatergeschichte. Und sie ist begehrt, besonders bei Film- und Fernsehschauspielern. Die Textmenge ist überschaubar, die Aufmerksamkeit garantiert, die Liste der Prominenten lang: Veronica Ferres und Marie Bäumer haben die Buhlschaft im Salzburger „Jedermann“ gespielt, in Berlin traten unter anderem Mariella Ahrens und Eva Habermann in dieser Rolle im Dom auf. Am Donnerstagabend gibt dort Jeanette Biedermann ihr Theaterdebüt.

Sie sitzt bei dem Gespräch in einem Seitenraum der Luisenkirche am Gierkeplatz, ein Großteil der sechswöchigen Proben fand hier in Charlottenburg statt, bevor der ganze Trupp zu den Endproben in den Dom zog. Die 33-Jährige wirkt noch recht entspannt, sie trinkt Tee aus der Thermosflasche, nascht einen Keks und sagt: „Ich bin Schauspielerin und Sängerin, da lag es nahe, dass ich irgendwann auch Theater spiele.“ Sie vergleicht die Arbeit am Set mit der auf der Bühne mit dem Unterschied zwischen einem Rock- und einem Jazzsong.

Brigitte Grothum wollte modernere Songs

Regisseurin Brigitte Grothum habe sich gewünscht, dass ein paar Songs moderner klingen sollen. Im neuen „Jedermann“ hört sich deshalb die vertraute Musik von Bach etwas anders an. Auch dank Jeanette Biedermann, die sich „aber nicht in den Vordergrund singen will.“ Schließlich sei sie als Schauspielerin engagiert und nicht als Sängerin. Klar, dass ihr ihre Rolle gefällt, niemand würde etwas anderes sagen im Vorfeld einer Premiere. Nur 40 Zeilen Text, fragt sie ungläubig nach. Es kam ihr mehr vor. Schließlich rede sie doch die ganze Zeit.

Jetzt muss die Gretchenfrage folgen, die zwar auf Goethe zurückgeht, aber „Jedermann“-Autor Hugo von Hofmannsthal war ja mit den Klassikern bestens vertraut. Also: Nun sag, wie hast du’s mit der Buhlschaft? Erotisch-unterkühlt, wild-aufreizend oder naiv? „Die Rolle hat viele Facetten“, antwortet Jeanette Biedermann, wobei sie sich nicht vorstellen kann, dass „starke Männer ernsthaft auf naive Frauen stehen.“ Ihre Buhlschaft weiß, was sie tut und wie sie Jedermann dahinkriegt, wo sie ihn hinhaben will. Eine selbstbewusste, emanzipierte Frau, die sich „ernsthaft sorgt, wenn ihr Geliebter so abbaut.“

Ein guter Mensch tut das nicht

Am Ende will er sie zum Sterben verführen. Der Moment, wenn Jedermann in den Tod geht und nach der Hand der Buhlschaft greift, hat für Jeanette Biedermann etwas „Teuflisches“. Das sei eigentlich „unfassbar egoistisch, ein guter Mensch würde das nicht tun.“

Um die grundsätzlichen Dinge geht es im „Jedermann“, das den Untertitel „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes trägt“. Hugo von Hofmannsthal ließ sich von mittelalterlichen Mysterienspielen anregen und neben Gott auch Teufel, Tod und Mammon auftreten. Das Stück wurde Ende 1911 im Berliner Zirkus Schumann von Max Reinhardt uraufgeführt. Seit 1920 wird es alljährlich in Salzburg gezeigt, in Berlin gibt es die Jedermann-Festspiele seit 1987.

Jeanette Biedermann schnappt sich noch einen Keks und gesteht, dass sie den „Jedermann“ noch nie gesehen hat. Die 33-Jährige hat kein Problem damit, sich als zurückhaltende Theatergängerin zu outen. Sie muss schon eine Weile nachdenken, bevor ihr Stücke, Bühnen oder Schauspieler einfallen. Also schlägt die 33-Jährige, die neben ihrer Karriere als Pop-Sängerin mit ihren Auftritten in der Fernsehsoap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und der Telenovela „Anna und die Liebe“ ziemlich populär wurde, einen eleganten Bogen, indem sie sagt: „Ich hab’ mich ins Theater neu verliebt.“

Als Kind war sie nämlich häufiger mit der Schule im Grips. Sie wurde 1980 im Ostteil Berlins geboren, kam aber kurz vor dem Mauerfall in den Westteil der Stadt, weil ihre Eltern „mit mir geflüchtet sind“. Sie durfte bei dem Wechsel auch gleich eine Grundschulklasse überspringen. „Ich war schon etwas weiter“, sagt sie fast entschuldigend, um dann von „Notentälern“ und „Notenbergen“ zu sprechen.

„Es kommt ein Bi-Ba-Butzemann“

Mit dem Singen hat sie schon früh begonnen, sie intoniert mit betont kindlicher Stimme „Es kommt ein Bi-Ba-Butzemann“. Der Berufswunsch Sängerin stieß bei ihren Eltern zwar durchaus auf Verständnis, allerdings verbunden mit der Bitte, sich doch parallel Gedanken über eine solide Ausbildung zu machen. Eine Einstellung, die sie übernommen hat. „Ein Plan B ist wichtig“, auch ihrem Kind würde sie empfehlen, sollte es eine künstlerische Karriere einschlagen wollen, über eine Alternative nachzudenken. Aber noch ist es nicht so weit. Zwar sorgte ihre Ankündigung des Babywunsches vor einigen Monaten für Schlagzeilen in den Boulevardmedien, aber ganz eilig hat es die 33-Jährige, die mit dem Gitarristen Jörg Weißelberg verheiratet ist, nicht: „Man ist nicht spät gebärend, wenn man mit 35 ein Kind bekommt.“

Künstlerische Neuorientierung

Jeanette Biedermann ist optimistisch, dass sich Nachwuchs und künstlerische Projekte verbinden lassen. „Meine Mutti sagt immer: Kinder braucht nicht viel außer der Liebe der Eltern.“ Die ebenfalls in Berlin wohnenden Großeltern scheinen einer Enkelkindbetreuung nicht abgeneigt zu sein. Und bei einer Tour könne man eine Nanny mitnehmen, die sich während des Auftritts um das Baby kümmere. Die steht wahrscheinlich im Herbst 2014 an, derzeit arbeitet Jeanette Biedermann an dem zweiten Album mit der Band Ewig, die sie zusammen mit ihrem Ehemann und dem Bassisten Christian Bömkes Anfang 2012 gegründet hat. Im Frühjahr soll ein neues Album erscheinen.

Ob sie künftig mehr auf der Bühne oder im Studio arbeiten wird, lässt Jeanette Biedermann, die einem weiteren Keks zögerlich widersteht, offen. Vielleicht steigt sie wieder in eine Fernsehserie ein, aber nicht unbedingt in eine Soap: „Daily ist schon hart.“ Möglicherweise markiert der „Jedermann“ auch eine künstlerische Neuorientierung: „Theater ist ein ganz tolles Genre. Vielleicht gefällt das jemand und ich spiele künftig ein bisschen öfter.“