Stadplanung

Philharmonie – Wunderwerk im falschen Umfeld

Der Architekt Hans Stimmann war lange Jahre Senatsbaudirektor von Berlin. In seinem Gastbeitrag beklagt er, dass Hans Scharouns spektakulärer Bau in einer „schwer lesbaren Stadtbrache“ steht.

Foto: Paul Zinken / dpa

50 Jahre sind für einen Bau in Berlin ein hohes Alter. Die Stadt entwirft sich in kurzen Abständen neu, wozu das gebaute Gestern beseitigt werden muss. Im Unterschied zu manchen Bauten Anfang der sechziger Jahre blieb der am 15. Oktober 1963 mit einer Sinfonie aus dem frühen 19. Jahrhundert eingeweihten Philharmonie von Hans Scharoun dieses Schicksal erspart. Anders als manche Gesamtschule oder Wohnmaschine dieser Aufbruchsjahre steigen Ansehen und Beliebtheit weiter. Die Philharmonie und die benachbarte Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe sind zweifellos zwei meisterhafte Architekturobjekte gegensätzlicher Architekturpositionen der Nachkriegsmoderne des geteilten Berlin.

Die Philharmonie ist überdies nicht nur ein Anker in der unübersichtlichen Stadtlandschaft, die sich Kulturforum nennt, sondern ein Jahrhundertbauwerk moderner Konzerthausarchitektur und Vorbild für zahlreiche neue Konzertstädte der letzten Jahrzehnte. Das neueste Kind mit erkennbaren Anleihen bei der Architektur Scharouns samt seiner äußeren Anmutung einer ‚Stadtkrone’ ist die bisher nur wegen der Kostenexplosion bekannt gewordene Hamburger Elbphilharmonie der Architekten J. Herzog und P. de Meuron.

Selbst wer hier nie ein Konzert erlebt hat, ahnt beim Anblick der markanten beschwingten Dachlandschaft, dass sich hinter der goldglänzenden Fassade wohl kein ‚klassischer’ Konzertsaal verbirgt. Normal war bis zum Bau der Berliner Philharmonie ein rechteckiger Saal ggf. mit seitlichen Rängen und einer Orchesterbühne am Kopfende. Solche Säle für die Aufführung großer sinfonischer Musik hatten ihren Ursprung in der räumlichen Organisation von Schauspielhäusern. Auf der Bühne das Orchester, ihm gegenüber das Publikum. Nicht dass diese Anordnung und die rechteckige Saalform etwa schlecht wären – im Gegenteil – , die wegen ihrer überragenden Akustik berühmtesten Säle in der Welt, aber auch die alte Philharmonie in der Bernburger Straße sind bzw. waren so gebaut. Und auch der 1949 bis 1954 von Paul Baumgarten auf den alten Fundamenten errichtete Konzertsaal der Hochschule für Musik bediente sich dieser räumlichen Anordnung.

>>>Das große Special zu 50 Jahre Philharmonie<<<

Dass die Musikrezeption auch klassischer sinfonischer Musik und natürlich erst recht die Musik des 20. Jahrhunderts und insbesondere die Jazzmusik inzwischen mehr denn je auch mit Sehen und mit der optischen Beziehung zwischen den Musikern und dem Publikum zu tun hat, lässt sich bei jedem Konzert in der Philharmonie beobachten. Scharoun rückte daher die Orchesterbühne zwar nicht in den Mittelpunkt des Saales, gab ihr aber eine der Mitte nahe Position. So entsteht im Konzertraum, aber auch im Foyer eine Art von Landschaft, die sich auch in dem zeltartig in langen Kurven zum Boden bewegendem Äußeren bis in die Gartenarchitektur von Hermann Matern fortsetzt. Die Architektur erinnert an die aufwühlende Sprache des Aufbruchs der jungen Generation unmittelbar vor und nach dem Ersten Weltkrieg mit Vorstellungen neuer Städte einer utopischen sozialistischen Gesellschaft, deren Mitte kristalline Kulturbauten markieren. Es ist die Zeit der 1920 von Bruno Taut ins Leben gerufenen Künstlergemeinschaft der ‚Gläsernen Kette’, an der sich Scharoun mit feurig lodernden Aquarellen expressionistischer Kulturbauten z. B. mit einem „Haus nächtlicher Freude“ beteiligt. Für die heutigen Betrachter seiner Zeichnungen ist auffallend, dass die kubischen Strukturen der Bauhaus-Moderne in den Bildvorstellungen Scharouns nicht vorhanden sind. Sie erinnern eher an die plastischen Formen des Katalanen A. Gaudi.

Seit der Beseitigung der anfangs auftretenden akustischen Mängel und der zunächst eingesparten und erst 1981 aufgebrachten goldglänzenden Aluminiumhaut erwarb sich das skulpturale Objekt der Philharmonie schnell den Ruf des Symbolbaues organischer Baukunst. Die Berliner Philharmoniker mit ihrem GMD Karajan berauschten hier kurz vor der Mauer, am Rande des Tiergartens in einer Art Niemandsland mit einer einsamen Ruine des Potsdamer Platzes ihr Publikum. Der Glanz des Orchesters und seiner großen Stardirigenten entfaltete sich hier bis zur glücklichen Wiedervereinigung 1989 kurz vor dem ‚Todesstreifen’.

>>>30 Fakten, die Sie noch nicht über die Philharmonie wussten<<<

Diese isolierte Position in einer politischen und stadtplanerischen Brache hat sich seit der Wiedervereinigung und der Wiederbebauung des Grenzgebiets zwischen Potsdamer Platz und Philharmonie völlig geändert. Die Philharmonie, inzwischen ergänzt um den Kammermusiksaal und das Musikinstrumentenmuseum, befindet sich seitdem im Schatten der überwiegend kommerziellen Bauten des Potsdamer Platzes. Dessen Planung klammerte das Kulturforum ausdrücklich aus und die Bebauung folgte zudem traditionellen Stadtvorstellungen. An den Rückseiten der Philharmonie und Staatsbibliothek stoßen so zwei ein halbes Jahrhundert auseinanderliegende architektonische und urbanistische Auffassungen zusammen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Die Folgen dieser theoretisch gewagten Begegnung sind für den Schlüsselbau organischer Baukunst fatal. Die als freistehende Skulptur in einer fließenden Stadtlandschaft gedachte Philharmonie befindet sich heute in einer schwer lesbaren Stadtbrache.

Werden die Besucher schon beim Betreten des künstlerisch gestalteten Foyers und erst recht mit den ersten Eindrücken des Saales auf das Konzert eingestimmt, so deprimierend ist der Weg bis zu den beiden Eingängen. Der inzwischen obligatorische Eingang in Richtung Potsdamer Platz stimmt die Besucher nicht etwa auf die Musik ein, sondern konfrontiert sie mit einer ruppigen Mischung aus Tiefgaragen- und Stadtautobahnzufahrt und Parkplatz. Wer (vielleicht) annimmt, dies sei die gebaute Rache der kommerziellen Architektur des Potsdamer Platzes an den Kulturbauten West-Berlins, irrt. Im ursprünglichen Masterplan von Hans Scharoun aus dem Jahr 1964 befanden sich hier als Teil der Stadtlandschaft die unüberquerbare Stadtautobahn Westtangente und ein riesiger Parkplatz.

Das Scheitern einer Utopie

Der Zugang erzählt so auch noch in der abgemilderten Version unserer Tage etwas von der gescheiterten Utopie einer gänzlichen anderen Stadtidee. Dabei sollte sich die Stadt den Bewohnern nicht mehr aus Straßenräumen und Häusern, sondern „wie Berg und Tag, wie Wald und Wiese, wie Wasser und Fels“ darbieten. Am ehesten lässt sich diese Idee mit einiger Phantasie noch bei der Annäherung von der Neuen Potsdamer Brücke kommend erahnen. Hier markiert die ebenfalls von Scharoun gebaute neue Staatsbibliothek die Ostseite der als „Tal“ gedachten Neuen Potsdamer Straße mit Blick in Richtung Philharmonie. Was man hinter der Currywurst-Bude (Alibar) sieht, ist allerdings nicht die Philharmonie, sondern der viel zu groß geratene Kammermusiksaal.

Um diesem Widerspruch zwischen dem Geniestreich der Philharmonie und den erbärmlichen Zustand seiner Umgebung zu begreifen, muss man sich die Geschichte des Hauses, seines Standortes und der politischen Umstände in der Mitte der fünfziger Jahre in Erinnerung rufen. Berlin war nicht nur zerstört, sondern zusätzlich politisch und kulturell geteilt, Ost- und West-Berlin vertraten im Kalten Krieg in jeder Beziehung, auch städtebaulich und architektonisch, gegensätzliche Positionen. Architektur war Instrument des ideologischen Kulturkampfes.

Der Kulturkampf der Ideologien war prägend

Die innerstädtischen Sektorengrenzen waren zwar noch bis zum 13. August 1961 passierbar, aber die Planer in den Ost- bzw. Westsektoren folgten mit ihren Vorstellungen des Neuen Berlin gegensätzlichen architektonischen Leitbildern. Der sowjetisch besetzte Ostsektor wurde seit 1949 von der SED zur Hauptstadt der DDR mit prachtvollen Magistralen und riesigen Aufmarschplätzen ausgebaut. In den drei Westsektoren regierte seit 1955 Otto Suhr (SPD), dem am 03. 10.1957 Willy Brandt (SPD) als Regierender Bürgermeister mit Sitz im Rathaus Schöneberg folgte. Er blieb in dieser Position bis 1966. Sein Bausenator war der Stadtautobahnfan Rolf Schwedler. Unter seiner Regie wurde nach langem Vorlauf am 28. August 1956 ein Wettbewerb für ein Konzerthaus des Philharmonischen Orchesters durchgeführt. Da die alte Philharmonie in der Bernburger Straße zerstört war, konzertierten die Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler im umgebauten Steglitzer (Kino-) Titania-Palast aus den berühmten zwanziger Jahren.

Um diesen unbefriedigenden Zustand zu beenden, forderte die 1949 gegründete Gesellschaft der Freunde der Berliner Philharmonie einen Neubau. Als Standort wurde schließlich das Areal hinter dem „Joachimstalsches Gymnasium“ an der Bundesallee in Wilmersdorf ausgewählt. Gewinner des unter 12 Architekten durchgeführten Wettbewerbs für einen Neubau wurde Hans Scharoun. Er entwarf einen vom Altbau des Gymnasiums abgesetzten Konzertsaal mit allen strukturellen Elementen des später am Kemper-Platz realisierten Projektes. Der geplante Standort befand sich in etwa auf dem Areal der hier später gebauten Freien Volksbühne Die genehmigten Baukosten von 7 Mio. DM wurden laut Vorprüfung mit dem Entwurf um 1,3 Mio. DM überschritten. Auf den Wettbewerb folgte nicht der Bau, sondern eine weitere Debatte über die Eignung des Standortes am Rande der City-West.

Die Entscheidung fiel unter Willy Brandt

Einen Hintergrund dafür bildeten die sich zuspitzenden politisch/ideologischen Auseinandersetzungen über die Gestaltung des Zentrums Berlins als deutsche Hauptstadt. Der Streit zwischen Ost und West kumulierte in der Form von zwei städtebaulichen Wettbewerben: dem „Hauptstadtwettbewerb“ von 1957/58 der Bundesregierung und des Senats und den 1958 durchgeführten „Wettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der Hauptstadt der DDR“ des Ost-Berliner Magistrats. Vor dem Hintergrund dieser Wettbewerbe , die die zukünftige Struktur der Gesamtstadt im Auge hatten, plädierten u. a. die (West-) Berliner SPD, Bausenator Schwedler und die Tagespresse für einen neuen Standort in der Nähe der Sektorengrenze. Die Entscheidung fiel durch den neugewählten Senat mit Willy Brandt an der Spitze am 5. Februar 1959 für den Standort am nördlichen Rand des durch die Matthäikirchstraße, Tiergartenstraße, Victoriastraße und Margaretenstraße gebildeten Blocks am Tiergartenrand. An der für eine ganz andere Lage entworfenen Architektur wurde festgehalten. Nach weiteren Debatten stimmte auch das Abgeordnetenhaus am 29. November 1959 zu.

Die Beschlüsse für den Standort unmittelbar an der Sektorengrenze waren Bekenntnisse zur bedrohten Einheit der Stadt, signalisierten aber auch Zustimmung zu einer gänzlich anderen Idee von Stadt und Architektur, wie sie Hans Scharoun u. a. in seinem Wettbewerbsbeitrag zur Neugestaltung Berlins als Hauptstadt formuliert hatte. Der Senat, die Architektenschaft, die Akademie der Künste und nicht zuletzt Hans Scharoun hatten sich von traditionellen Stadtvorstellungen mit Straßen, Plätzen und privaten Häusern verabschiedet. Sie erträumten sich eine erinnerungslose Stadtlandschaft mit Bauten in grüner Umgebung und großzügigen Verkehrsstraßen ohne Rücksicht auf die Stadtgeschichte, die hier u. a. mit der Achsenplanung von Albert Speer verbunden war.

Die Philharmonie wendet der Stadt ihren Rücken zu

Bei dieser Sicht auf die jüngste Geschichte wurde „übersehen“, dass hier vor 1933 prominente Berliner ihren Wohnsitz hatten. Für die besondere Eignung des Standortes gehörte die Tatsache der freien Verfügbarkeit über die in der NS-Zeit ‚arisierten’ Grundstücke und die Lage an der Stadtautobahn Westtangente. Die politisch gewollte Beziehung zur Stadtmitte existierte also nur auf dem Plan. Tatsächlich wendet sich die Philharmonie mit dem Rücken beziehungsweise mit den Parkplätzen zur Stadt. Der Eingang befindet sich an der Westseite. Die weitere des Senats Einzelentscheidung für den Bau der Neuen Nationalgalerie durch Mies van der Rohe bildete schließlich die Grundlage für das Kulturforumskonzept von Scharoun im Jahre 1964.

All dies ist Geschichte. Die Stadt ist wieder vereint, die trennende Stadtautobahn wurde 1981 von Jochen Vogel verworfen. Der Potsdamer Platz ist ein urbaner Ort geworden. Höchste Zeit also, endlich auf den geänderten Kontext zu reagieren. Anfangen könnte man mit einem angemessenen Stadteingang zur Philharmonie. Wenn man auf die oberirdischen Parkplätze verzichtete, wäre zudem Platz für einen angemessen dimensionierten Kammermusiksaal als architektonische Brücke zur Neuen Potsdamer Straße.

Die Architektur der Philharmonie ist mit Goethe gesprochen, auf den sich Scharoun gerne bezog, „verstummte Tonkunst“. Die Umgebung dieser Weltarchitektur ist dagegen ein Beispiel „einer schlecht gebauten Stadt, wo der Zufall mit leidigem Besen die Häuser zusammenkehrte“ (Goethe). Wäre das nicht eine Aufgabe für den Senat, hier endlich schöne Stadträume zu schaffen, die zum Verweilen vor oder nach einem Konzert animieren?