250. Geburtstag

Berliner Ausstellung entdeckt den Dichter Jean Paul neu

| Lesedauer: 4 Minuten
Lucy Fricke

Foto: dpa Picture-Alliance / Bifab / picture-alliance / dpa

Im Jubiläumsjahr wird im Max Liebermann Haus Jean Pauls Universum aus Akribie, Besessenheit und Humor gezeigt - und macht Lust, die Werke des oberfränkischen Dichters wieder zu entdecken.

Jean Paul war der Dichter für Dichter, ein strategischer Trinker und manischer Archivar. Zu seinem 250. Geburtstag gibt es in diesem Jahr allerorten Jubiläumsveranstaltungen, zahlreiche Biografien, sogar einen nach ihm benannten Wanderweg durch Oberfranken. Das ist nicht nur ein Jubiläum, sondern der groß angelegte Versuch Jean Paul populärer zu machen.

Ein Versuch, der, das lässt inzwischen sagen, mit Erfolg geführt wird. Eigentlich ist es eine Sensation, war doch Jean Paul in seinem Schreibverfahren so revolutionär und derart modern, dass seine Texte einem heute noch den Kopf verdrehen. Manche nennen das sperrig. Andere sagen, Jean Paul sei etwas für Feinschmecker. Dieser Schriftsteller wird nun nicht wieder entdeckt, er wird vielmehr neu entdeckt.

Das Jubiläumsjahr findet seinen Abschluss jetzt in einer großartigen, überraschenden Ausstellung im Max Liebermann Haus am Pariser Platz. „Dintenuniversum“ (oberfränkisch für: Tintenuniversum) heißt sie und im Untertitel „Schreiben ist Wirklichkeit“.

Jean Paul war ein striktes Familienunternehmen

Jean Paul war ein Schriftsteller, der sich das Leben erschrieben hat, Realität entstand für ihn erst durch das Schreiben. Er schrieb immer und alles. 40.000 Seiten lagern im Magazin der Staatsbibliothek zu Berlin, ein winziger Teil davon ist in der Ausstellung zu sehen. Dicht beschriebene Papiere, Hefte, umfangreiche Anmerkungen zu gelesenen Werken. Er schuf seine Literatur aus der Literatur, aus seiner Wirklichkeit.

Akribie, Besessenheit, Humor, das alles ist zu sehen in den Schaukästen. Jean Paul pflegte eine große Liebe zu Registern, er schien abhängig davon zu sein. Manches wirkt wie die Karikatur einer heutigen To-do-list. „Register dessen, was ich zu thun habe – 1. Dieses Register jetzt zu machen.“ Schließlich gab es dann noch Register zu den Registern, eine unbeschreiblich komplexe Ablagesystematik.

Dazu Notizen an seine Ehefrau Caroline, die er ihr vor seinen, wenn auch wenigen Reisen, hinterließ: Wenn es brennt, rette die Papiere. Danach die Kinder. Seine Familie zog er zu Kopierarbeiten heran, Jean Paul als striktes Familienunternehmen. Er schrieb Anweisungen, ein bestimmtes Pensum am Tag zu erledigen.

Späte Schreibwerkstatt außerhalb von Bayreuth

Es ist nicht verwunderlich, dass Jean Paul auch zu den ersten Schriftstellern gehörte, der mit einem Zettelkasten arbeitete. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach stellt dem einige Zettelkästen der Moderne zur Seite, allen voran natürlich Exponate von Arno Schmidt.

Wann immer von Jean Paul die Rede ist, spricht man auch vom Meister der zweiten Welt. Träume, Illusionen, Fantasien. Er erschrieb sich ein ganzes, eigenes Universum. Andererseits gab es diese zweite Welt auch in einem ganz praktischen Sinne, seine späte Schreibwerkstatt im Gasthaus Rollwenzelei, ein paar Kilometer außerhalb von seinem Wohnort Bayreuth.

Der Dichter trank sich „in Spannung“

Hier hatte ihm die Wirtin das Dachzimmer zur Verfügung gestellt, ihn versorgt mit gekochten Kartoffeln und vor allem Bier. Er trank sich „in Spannung“, ist zu erfahren. In seinen eigenen Worten heißt es: „Alles ist bei mir Tönen, nicht Schauen, wenn ich stark getrunken; – ich höre mich oder das Innere ewig; und denke klar darüber.“

Betrachtet man seine Arbeit und vor allem seine pedantische Arbeitsweise, weiß man, dass Jean Paul kein gewöhnlicher Trinker war. Seine Kontrolle ging so weit, dass er seine Tinte bzw. Dinte selbst herstellte, denn nur sich traute er das zu. Das entsprechende Rezept notierte er im Jahr 1809 auf das Deckblatt eines Fibel-Heftes. Auch schrieb er grundsätzlich nur mit Federn vom linken Flügel der Gans.

Eines ist klar: Spätestens nach dieser Ausstellung möchte man Jean Paul lesen.

Ausstellung Jean Paul – Dintenuniversum, bis 29.12. 2013, Mittwoch bis Montag 11 bis 18 Uhr, Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7