Fast 40 Jahre lang lebte Heinrich Zille (1858–1929) an der Sophie-Charlotten-Straße 88 in Charlottenburg. Mit Schlapphut, Zigarre und Zeichenblock streifte er von dort durch sein „Milljöh“ in den Berliner Arbeiterbezirken und porträtierte das soziale Elend – schonungslos deutlich, aber auch mit Humor und Anteilnahme. Die Bilder kennt jeder. Kinderreiche Szenen in Hinterhöfen oder engen Wohnstuben, unverblümte Nacktheit. Das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf zeigt den bekannten und beliebten Künstler einmal anders. Ohne Nostalgie und Regionalpatriotismus. In einer Sonderaustellung wird in der Villa Oppenheim ein bislang eher unbekanntes Kapitel der Zille-Geschichte beleuchtet – wie die Nationalsozialisten mit seinem Werk umgegangen sind.

Bereits im ersten Jahr der Diktatur wurde die Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus des Zeichners entfernt. Sie war erst zwei Jahre zuvor dort angebracht worden. Doch den Nationalsozialisten gefiel nicht, wie Zille die Arbeiter gezeichnet hatte und dass er den Krieg ablehnte. Als die Hausbewohner und Nachbarn gegen die Abnahme protestierten, sollen die Arbeiter entgegnet haben: „Sie ham ja recht, aba unsa Zille wa doch nu mal een sozialistischer Volksschädling.“ So schrieb es 1948 der „Nacht-Express“ in einem Artikel. Zilles Bilder wurden von den Nationalsozialisten diffamiert, von 1936 an wurde Zille dann zu einem völkischen Künstler des Nationalsozialismus verfälscht und ideologisch vereinnahmt. Pay Matthis Karstens hat dies anhand von neuem Archivmaterial umfassend aufgearbeitet.

Nazis wagten nicht, Zilles Werk gänzlich zu verbieten

„Das in breiten Volksschichten beliebte Werk Zilles gänzlich zu verbieten haben die Nationalsozialisten wohl nicht gewagt“, sagt Karstens. Allerdings hätten sie seine proletarischen Zille-Typen verfälscht, indem sie daraus „deutsche Männer und Frauen, deutsche Mädels und Jungen“ geformt hätten. Hunderte Bilder Zilles „wurden von der NS-Kulturpolitik augenscheinlich geduldet und durch verfälschende Einleitungstexte in den Dienst der Diktatur genommen“, beschreibt Karstens das Vorgehen.

Ein Beispiel dafür ist auch die Grafik „Das Eiserne Kreuz“ aus dem Ersten Weltkrieg, die von den Nazis im Zweiten Weltkrieg propagandistisch umgedeutet wurde: Zille zeigt die Frau mit ihren vier Kindern ernst und tragisch, als sie erfährt, dass ihr Mann gefallen ist, nichts Heldenhaftes. Alle starren nur auf das Eiserne Kreuz, das vor ihnen auf dem Tisch liegt. Die Nazis deuteten die Szene 1941 um. In der neuen Bildbeschreibung verherrlichten sie den Tod des deutschen Soldaten, der an der Front fürs Vaterland seine Pflicht getan habe. „Vorher wurde die Zeichnung Zilles pazifistisch ausgelegt, gegen das sinnlose Sterben im Krieg, die Nazis hingegen glorifizierten das Sterben“, sagt Karstens. Anhand von zwei Büchern wird in der Ausstellung gezeigt, wie die Zensur im Nationalsozialismus Zilles Werk vereinnahmte.

Zilles Bücher nicht bei Bücherverbrennung vernichtet

Erstmals seit 45 Jahren werden in dieser Ausstellung aus der Sammlung Axel Springer zwei der Glasfenster von Heinrich Zille gezeigt. Sie befanden sich ursprünglich in der sogenannten „Zille-Klause“ an der Charlottenstraße 46 in Kreuzberg, wo Zille oft verkehrte und dem Wirt Arbeiten geschenkt hatte, die dort seit den 20er-Jahren ausgestellt wurden. Ergänzt wird die Ausstellung in der Villa Oppenheim durch Werke Zilles aus dem Bestand des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf.

Die Sonderausstellung „Zensur und Willkür“ zeigt an vielen Beispielen, welche Werke Zilles zensiert, beschlagnahmt oder verboten wurden. „Anders als zu vermuten wäre, wurden die Bücher Heinrich Zilles 1933 bei der Bücherverbrennung zwar nicht vernichtet oder seine Arbeiten auf den Feme-Ausstellungen mit der sogenannten „entarteten Kunst“ gezeigt. Zilles Werk, so Karstens, habe ja nicht in Museen und Galerien gehangen, er sei bekannt geworden durch seine Bücher und Abbildungen in Zeitschriften. Einige Bücher wurden dennoch verboten, andere zensiert und, ebenfalls überraschend, ,nur‘ eine Zeichnung wurde nachweislich aus einem Museum beschlagnahmt“, hat Karstens herausgefunden. Verbote und Vereinnahmungen hätten sich häufig sogar überschnitten, schreibt Pay Matthis Karstens in seinem Buch zur Ausstellung „Verboten und verfälscht – Heinrich Zille im Nationalsozialismus“ (Vergangenheitsverlag, 16,90 Euro).

Die Sonderaustellung in der Villa Oppenheim an der Schloßstraße 55 in Charlottenburg ist noch bis zum 13. Oktober zu sehen: dienstags bis freitags 10 bis 17 Uhr, sonnabends und sonntags 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.