Literatur

Deutscher Buchpreis - Vieles spricht für Berliner Gewinner

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Elmar Krekeler

Foto: Uwe Anspach / dpa

Vier Kandidaten kommen aus Berlin: Terézia Mora, Marion Poschmann, Monika Zeiner und Reinhard Jirgl. Favoritin ist Mora, aber auch Außenseiter haben Chancen. Ein Treffen mit den Schriftstellerinnen.

Terézia Mora ist da. Das schreibt sich jetzt so einfach hin, ist es aber nicht. Es ist ein Phänomen. Wie sie nicht geht, sondern ausschreitet, ist sie nicht einfach da, sondern macht irgendwas mit dem Raum, den sie betritt. Es gibt solche Menschen. Ihre Präsenz, ihren Blick muss man erst einmal aushalten. Kaum jemand kann trotziger stehen. Und festgewurzelter auf der Erde. Da ist etwas vom „Stolz der Männer meiner Heimat und der Zähigkeit der Frauen“, das sie mit sich herumträgt. Das hat sie sich gewünscht im Kindergedicht, aus dem das mit dem Stolz und der Zähigkeit ein Zitat ist. Mit Gedichten hat sie früh angefangen (und findet sie schrecklich, diese Kinderlyrik). War deswegen früh eine Fremde in ihrer Heimat.

Also Terézia Mora. Wir kennen uns ziemlich lang. Seit 14 Jahren. Da hatte sie, in Klagenfurt zum Bachmann-Wettbewerb, den sie dann gewann, einen Text gelesen, der mit dem auch schon prophetischen Satz begann: „Ich schwimme fünfzigmal quer.“ Von einem Mädchen erzählte „Der Fall Ophelia“, das in den 70ern in einem kleinen ungarischen Dorf groß wurde, durch einen rostfreien Eisernen Vorhang von Wien getrennt: 500 Seelen, Melassefabrik, Kneipe, Fußballverein, Schwimmbad, Sozialismus, Katholizismus, Hass auf die Deutschen und das Deutsche. Ein Mädchen, das Schwimmen lernte und mit dem Schwimmen die Freiheit, wie Terézia Mora das Schreiben.

Was eigentlich ein durchaus größeres Wunder war, als Schwimmen zu lernen, und schon ziemlich von Stolz und Zähigkeit zeugt. Es wurde nämlich nicht gelesen in ihrem Dorf (ferngesehen übrigens auch nicht). Gedichte geschrieben wurden dementsprechend noch weniger. Dass Terézia (1971 geboren), die Junglyrikerin, zur deutschsprachigen Minderheit gehörte, machte sie erst recht verdächtig bei den Kleinbürgern vom Land. Wobei das Kleinbürgerhafte prinzipiell nichts Schlimmes ist, es legt eine Perspektive fest, wenn man unter ihm aufwächst. Eine Perspektive, die man nutzen kann, wie Terézia Mora.

Ins Herz der Gegenwart geschaut

Unter anderem auch deswegen (und wegen ihrer migrantischen Herkunft) hat Terézia Mora lange Geschichten vom Rand geschrieben, von dem aus man vielleicht besser ins Herz der Gegenwart schauen kann als von mittendrin. Irgendwann, sagt sie, hat sie sich gewundert, als sie 2010 den Chamisso-Preis bekam. Der geht an deutschsprachige Migrantenliteraten. Als solche fühlte sie sich gar nicht mehr. Und ausgerechnet mit dem „Ungeheuer“, ihrem dritten Roman, der jetzt auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht und der von einer Reise um das tote, ausgebrannte Zentrum im Leben eines Fachverkäufers für drahtlose Kommunikation namens Darius Kopp handelt, ist sie jetzt endgültig in der Mitte angekommen. Was allerdings den Blick auf das Herz der Gegenwart eher geschärft hat. Das war jetzt ein Vorgriff.

Schnell (mit zehn) wollte sie weg aus ihrem Dorf, schnell (mit 17) war sie weg, schnell (mit 19) war sie in Berlin. Sie hatte ihren Lebenspartner gefunden (einen durchaus Kopp ähnlichen Internetfex, mit dem sie immer noch verheiratet ist und eine Tochter hat), studierte Theaterwissenschaft, Drehbuchschreiben an der Berliner Hochschule für Film und Fernsehen. Arbeitete ihre Kindheit und Jugend ab in einem Erzählband, in dem dann auch „Ophelia“ erschien, und der „Seltsame Materie“ hieß. Was wiederum ganz schön als Ordnertitel über allem taugt, was die 42-Jährige schreibt.

Kein Buch wie das vorherige

Seltsam ist das, seltsam ansatzlos und unvergleichbar, quecksilbrig veränderbar. Kein Buch ist wie das vorherige, die Sprache, der Ton wird zu jeder Geschichte neu erfunden. Drei Romane hat sie inzwischen geschrieben, dreimal hat sie sich komplett gehäutet. „Die Funktion“, sagt sie, „bestimmt die Form.“

Womit wir beim „Ungeheuer“ wären. Dessen Gestalt folgt auch einer Funktion. Sie wollte die Geschichte von Darius Kopp und Flora Meier weiterschreiben. Geliebte Helden ihres zweiten Romans „Der einzige Mann auf dem Kontinent“. Er, dickleibiger Ostdeutscher, der für eine amerikanische Computerfirma drahtlose Netzwerke verkauft, sie Übersetzerin aus dem Ungarischen (wie Terézia Mora). Der schlechthin Angestelltenroman war „Der einzige Mann“ und eine Liebesgeschichte, eine Entliebensgeschichte. Zu Beginn vom „Ungeheuer“ ist Flora tot. Sie hat sich umgebracht.

Es bleibt ein Rätsel am Ende

So gern sie Darius, arbeitslos inzwischen, verkommen, vereinsamt, auch hat, ihn allein die Geschichte der beiden weiterspinnen zu lassen war ihr nicht genug. So teilte sie die Seite mit einer feinen Linie. In eine Darius-Hälfte und eine Flora-Hälfte. In zwei literarische Parallelwelten, Himmel und Hölle. Lässt in der Oberwelt Darius erzählen, wie er als neuer Orpheus mit Floras Asche im Gepäck auf ihren Spuren nach Ungarn und immer weiter nach Osten fährt (sie hat das alles auch abgefahren, die lustigsten Episoden kommen im Buch aber nicht vor). In der Unterwelt zitiert sie Krankenakten, Lexikaeinträge, Beipackzettel von Medikamenten, Tagebuchaufzeichnungen von Missbrauch und Ausschweifung und Trauer, Dateien eines schiefgehenden Lebens – des Lebens mit rezidivierender, depressiver Störung.

Sie hat wie Darius verstehen wollen, warum man sich umbringt. Hat viel gelesen. Aber man kann es nicht verstehen. Es bleibt ein Rätsel am Ende. Es bleibt viel offen am Ende. Sie könnte weitergehen, die Legende von Flora und Darius. Nur noch nicht jetzt. Sie schreibt an einem Erzählungsband. Sie wird das hier übrigens nicht lesen. Sie liest überhaupt keine Kritiken. Aus Selbstschutz (und obwohl sie sich nun wirklich nicht über Verrisse beklagen muss). Jedenfalls jetzt noch nicht. Sie lässt es sich zu Nikolaus schicken. Ist wahrscheinlich ein Scherz. Glauben wir jetzt nicht so, wollen nochmals nachfragen. Terézia Mora ist weg.

Treffen mit den anderen Nominierten:

>> Marion Poschmann: Plötzlich wieder allein

>> Monika Zeiner: Über das Leben schreiben – über Liebe, Freunde, Musik

Reinhard Jirgl, der vierte Berliner, mochte vor der Verleihung kein Interview geben