„Die Liebe“, denkt Tom eines Morgens beim Aufwachen, „ist ein Scheinwerfer. Sie leuchtet denjenigen an, der geliebt wird, setzt ihn in strahlendes vorteilhaftes Licht, und alles um ihn herum wird dunkel, unkenntlich, uninteressant.“ Aber die Sache mit dem Licht, so erfahren wir knapp zweihundert Seiten später, ist eine zwiespältige Angelegenheit, wenn nämlich der „Liebesscheinwerfer“ seine gütige Beleuchtung auf den Anderen herunterdimmt. In diesem Fall ist es Hedda, die Gattin, die Tom, den Gatten, in einem weniger vorteilhaften Licht sieht. „Seine vermeintliche Tiefe: Trägheit. Sein vermeintlicher Witz: Zynismus. Seine Philosophie: Destruktivität. Seine Kreativität: Schlampigkeit. Seine Musik: Langeweile. Seine dunklen Haare: Ungekämmt. Seine schönen braunen Augen: Ein trauriger Anblick.“
So einer grundlegenden Neudefinition des Charakters folgt in der Regel der Scheidung, und so ist es auch bei diesem Paar, und Tom, eher aus Verdruss am Leben im Allgemeinen als aus Liebeschmerz, überlegt, all dem mit einem beherzten Zug aus einem tödlichen Cocktail ein Ende zu bereiten, aber das ist nicht so sein Ding, sowohl das Beherzte wie auch überhaupt, klare Entscheidungen zu treffen.
Alles zog sich bei ihrem Roman in die Länge
Monika Zeiner hat Tom erschaffen, mit einer nahezu beängstigenden Empathie für Männer. Sie ist aus vielerlei Gründen die erstaunlichste Vorauswahl der Jury für den Deutschen Buchpreis, zog sich doch alles bei ihrem Roman „Die Ordnung der Sterne über Como“ (Blumenbar, 607 Seiten, 19,99 Euro) in die Länge: das Schreiben, das Veröffentlichen, die Kenntnisnahme ihres Romans. 2008 war der Roman der 42-Jährigen erstmals fertig, dann brachte sie zwei Kinder auf die Welt, den Roman überarbeitete sie noch einmal, ihre Literaturagentin überzeugte den Aufbau-Verlag, die wollten das Buch 2012 zur Herbstmesse herausbringen, oder vielleicht doch lieber später? Im März 2013 war das Geduldsspiel vorbei, der Roman erschien, sie las in der Kantine im Berghain, zusammen mit zwei anderen Autoren, und dann passierte – erst einmal nichts. Lediglich einige wohlwollende Rezensionen in kleineren Publikationen und eine schlecht gelaunte Besprechung in der „FAZ“ erschienen.
Was ist hier eigentlich das Thema?
Und überhaupt, was ist das eigentlich hier für ein Thema? Liebe und Melancholie?! Monika Zeiner erzählt nicht eine der handelsüblichen Geschichten über Alzheimer oder andere interessante Krankheiten, die Aufarbeitung einer verdrängten Nazi-Vergangenheit, die Finanzkrise oder was sonst noch nach den Regeln des Literaturbetriebes Chancen auf eine Auszeichnung hat. Kurzum, man hätte bedenkenlos darauf wetten können, dass ihr 600-Seiten-Buch in wenigen Monaten im Antiquariat um die Ecke für 4,50 Euro zu erwerben ist. Nur, die Wette hätte man verloren. Eher überraschend kam Monika Zeiners Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreis, für die 20 Titel ausgewählt sind, aber doch sehr überraschend war es, als ihr Name unter den letzten Kandidaten auftauchte. Seitdem geht der Verkauf ordentlich nach oben, die dritte Auflage ist im Verkauf, die vierte im Druck. „Für mich ist das ein Riesenglück, aber es ist schon krass, was für eine Riesenverantwortung eine Jury hat“, sagt sie.
Verliebt in dieselbe Frau
Getroffen hat man sich in der Knaackstraße in Prenzlauer Berg, in dem Haus Nummer 7, direkt am Wasserturm, dort habe sie gewohnt, und das sei ja eines der wenigen unrenovierten Häuser in der Gegend, hatte sie noch zuvor am Telefon gesagt. Dort angekommen, muss sie feststellen, dass auch dieses Haus erneuert wird; Eigentumswohnungen werden auf einem großen Plakat angeboten, und die Zeit Mitte der Neunziger, als sie dort zu viert in einer Zweizimmer-Wohnung lebten, verschiebt sich noch ein wenig weiter in die Vergangenheit.
Hier spielt der eine Teil der Romans: Tom Holler und sein bester Freund Marc, ein Seelenverwandter, wohl der einzige in Toms Leben, wohnen hier – und dass Marc sterben wird, erfährt der Leser recht früh. Sie lieben beide dieselbe Frau, Betty Morgenthal; der eine, Marc, ist mit ihr zusammen, der andere, Tom, vergöttert sie, und sie fühlt sich auch zu ihm hingezogen, zumindest ein wenig, exakt so viel, um ihn in den Wahnsinn zu treiben. Marc nimmt sich auf ausgefallene Art das Leben, Betty zieht nach Italien, heiratet dort, und auch Tom Holler heiratet, wenngleich nicht sonderlich erfolgreich: „Er würde komplett aus Heddas Leben verschwinden wie ein Sack alter Kleider, den man endlich zum Roten Kreuz gibt.“ Irgendwann später, der Roman spielt zwischen 1995 und 2007, 2008, werden sich Tom und Betty wiedersehen, aufgekratzt und ungewiss, was sie tun oder lieber lassen sollten.
Gemein ist den drei Melancholikern standesgemäß die Liebe zum Meer
Es passiert nicht wahnsinnig viel, und das Buch lebt auch nicht über die Handlung, sondern über die Sprache, über die Innensicht, über die feine Anschauung des Lebens- und Liebesgewirrs in der Gegenwart. Da ist der selbstbewusste Marc, hochbegabter Komponist, der Frauen anspricht, „mit einer Selbstverständlichkeit (...), mit der Tom nicht einmal Brötchen einkaufte“. Da ist Tom, Klavierspieler, zögerlich, gern auch mal selbstmitleidig, in sich gekehrt, für die Außenstehenden ein wenig muffig und introvertiert („Er war kein dankbarer Gesprächspartner, zugegeben. Hatte er aber auch nie behauptet.“) und Betty, erst Sängerin, später Anästhesistin in Neapel, impulsiv und immer ein wenig unentschlossen, ob ihr Mann der Richtige ist oder irgendwo da draußen ein besseres Leben auf sie wartet. Gemein ist den drei Melancholikern standesgemäß die Liebe zum Meer, der Blick ins Blaue: „Man könnte immer so sitzen“, sagt Marc, „ich könnte alt werden und hier sitzen und aufs Meer hinausschauen dabei. Es ist, als ob alles aufhört. Alles hört plötzlich auf, wenn man am Meer ist. Ich glaube, es würde keine Verbrechen geben, wenn die Leute immer am Meer säßen.“
Liebesmelancholie als Krankheit
Monika Zeiner kennt sich da aus: Über „Melancholie im Mittelalter“ hat sie ihre Dissertation geschrieben, Liebesmelancholie galt im Mittelalter als Krankheit, erzählt sie, an der man sterben konnte. Liebe und Heirat waren zwei verschiedene Sachen; war man verheiratet, war es keine Liebe mehr, Liebe sei immer mit einer unerfüllten Sehnsucht verbunden: „Das Konzept der fantastischen Liebe, die sich überhaupt nicht verbraucht, weil sie als Utopie ja immer präsent ist im Kopf“, wollte sie in einen Gegenwartsroman übertragen, sagt sie. Man kann ihren Roman auch direkter lesen, als ein Buch über das Leben in diesen Zeiten und über das, was es lebenswert macht: Liebe, Freundschaft, Musik.
Treffen mit den anderen Nominierten:
Reinhard Jirgl, der vierte Berliner, mochte vor der Verleihung kein Interview geben


