„Die Nächte unterscheiden sich durch die Träume“, meint der Ich-Erzähler auf Seite 11: „Die Tage sind gleich.“ Es gibt Sätze, die einen als Leser erst einmal in der Luft hängen lassen. Weil sie den Abgleich mit der eigenen Wahrheit fordern. Und die Frage aufwerfen, ob wirklich ein tieferer Sinn darin steckt. Der große Tolstoi hat einen ähnlichen Satz an den Anfang seines Romans „Anna Karenina“ gestellt: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Aber die Berliner Schriftstellerin Marion Poschmann will sich auf nichts Vergleichendes einlassen. „Träume sind nicht per se etwas Unglückliches“, sagt sie. Punkt.
Voller Symbolik und bildungsgesättigter Sätze
Aber man darf sich nicht täuschen lassen, ihr für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman steckt voller Symbolik, Doppeldeutigkeiten und bildungsgesättigter Sätze. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine flüssig wie spannend auserzählte Dreiecksgeschichte zwischen dem Psychiater Altfried, seiner Schwester Mila und dem seltsamen Jugendfreund Odilo. Die Fallgeschichten aus der Psychiatrie führen schließlich das Unheimliche im Alltäglichen vor. „Mich fasziniert vor allem die Verhüllung und die Täuschung“, sagt sie. Und sie will hinter den schönen Schein der Welt schauen. Der Erzählstil der 1969 in Essen geborenen Schriftstellerin verrät, dass sie eine ungewöhnliche Grenzgängerin ins Lyrische ist.
Vier Jahre Arbeit an „Die Sonnenposition“
Und wunderbar schweigen kann die Autorin, beispielsweise auf die Frage, wie viel Autobiografisches in ihrem Roman „Die Sonnenposition“ stecke. 30 oder gar 60 Prozent? Aber Marion Poschmann lächelt die griffigen Prozentzahlen einfach weg. Erst viel später kommen wir auf das Thema zurück. Immerhin vier Jahre hat sie an dem Roman gearbeitet. „Das ist eine lange Lebenszeit“, sagt sie, „und man macht mit seinen Romanfiguren zusammen neue Erfahrungen.“ Dass Schriftsteller sich irgendwie in all ihren Figuren wieder finden, ist ja immer wieder zu hören. Sie meint, diesmal haben die Protagonisten tatsächlich auch ein Eigenleben geführt und sie beim Schreiben gefordert. Als das Buch fertig war, stand sie „plötzlich ganz alleine da“.
Das Schreiben kann ein einsamer Beruf sein. In einem Szenecafé mitten in Prenzlauer Berg findet unser Treffen statt. Sie wohnt gleich um die Ecke. In das Café gehe sie aber sehr selten, sagt sie, eigentlich nur zu Interviews. Als Autor im Prenzlauer Berg hat man heutzutage wohl bestimmte Klischees zu erfüllen. Sie arbeitet tagsüber zu Hause, allein am Schreibtisch. Sie brauche die Stille beim Schreiben. Als sie 1992 zum Studium in Berlin ankam, wohnte sie in Friedrichshain. „Das war eine Art Brache“, sagt sie, „eine gute Ausgangslage für künstlerische Prozesse.“
Vergangene Mentalität Ostdeutschlands beschrieben
Sie beschreibt es am Beispiel der einzigen Telefonzelle, die es in ihrer Straße damals gab. Sie erinnert sich an die lange Schlange, die sich an bestimmten Abenden davor bildete, und an das Klopfen ungeduldig Wartender an die Fensterscheibe. Für sie, aus dem Westen kommend, gab „es ein soziales Ritual, das ich nicht gewohnt war: Freunde kamen einfach vorbei, um einen zu besuchen. Es wurde einfach angeklopft.“ Im Westen unüblich. Beiläufig hat Marion Poschmann damit ein Stück der vergangenen Mentalität im Osten Deutschlands beschrieben. Ihr Roman lebt auch von solchen Beobachtungen.
Vorliebe für russische Literatur
Wenige Tage zuvor hatte Marion Poschmann bei einer Lesung im Buchhändlerkeller an der Carmerstraße mit sonorer, eher leiser Stimme aus ihrem neuen Roman vorgelesen. Sie hat eine ungemein aufmerksame, uneitle Leserschaft. Statt großer Diskussionen waren im Anschluss eher Zwiegespräche mit der Schriftstellerin zu beobachten. Dabei wirkt sie ebenso offen wie still. Marion Poschmann hat nach dem Abitur Germanistik, Philosophie und Slawistik studiert. Sie sagt, sie habe die russische Literatur schon immer geliebt. Als Kind hat sie Russisch-AGs, später Kurse besucht. Sie hat an der Russisch-Olympiade teilgenommen. Sie war früh in Moskau und Sotschi unterwegs. Nach dem Studium hat sie 1997 im deutsch-polnischen Grenzprojekt „Spotkanie“ als Lehrerin begonnen. In ihrem „Schwarzweißroman“ (2005) reist eine Studentin zu ihrem Vater nach Magnitogorsk im Ural, wo er eine Industrieanlage mit aufbaut. Schon ihr Debüt „Baden bei Gewitter“ (2002) spielt in einem Krankenhaus, wo eine junge Frau auf einen wesentlich älteren Mann trifft.
„Die Sonne bröckelt“ heißt ihr erster Satz im neuen Roman. Ganz konkret bröckelt der Putz, quasi die Vergangenheit, im einst gräflichen Schloss. Das liegt heute in der brandenburgischen Provinz, wo es kein Investor habe wollte und schließlich das Land eine Heil- und Pflegeanstalt einrichtete. Dorthin wird Altfried Janich, der junge Nervenarzt aus dem Westen, verpflichtet. Er ist eine Art Sonnenkönig in einem Schattenreich. Dann stirbt sein Jugendfreund Odilo, und nach der Beerdigung stellt sich heraus, dass seine Schwester Mila eine Affäre mit ihm hatte. Jener Odilo ist eine fabulöse Gestalt, so jagt er in seiner Freizeit Erlkönige. Auf einer Jagd verstirbt er.
Falsche Fähren gelegt
Das gehört zu Marion Poschmanns falschen Fährten, die sie als Rechercheurin voller Bildung auslegt. Vordergründig geht es um die Erlkönig genannten Prototypen der Autofirmen, die verschleiert auf bestimmte Strecken in Deutschland getestet werden. Der Name entstand in den bigotten Fünfzigerjahren, als die Autofachzeitschrift „autor motor und sport“ ihre Indiskretionen mit Goethe verbrämte: „Wer fährt da so rasch durch Regen und Wind?“ Dazu ein Bild von Daimlers jüngstem Kind.
„Aber es geht klar um Goethe“, sagt die Schriftstellerin, „es ist doppeldeutig“. Sie spricht von Haltung und Barmherzigkeit. Ganze Generationen von Auswendiglernern wissen, dass es in der Ballade auch um anderes geht: Etwa um den Erlkönig als symbolischen Tod. „Mein Roman kreist um den Tod in seiner existenziellen Bedeutung, in seiner Ungreifbarkeit“, sagt Marion Poschmann, „aber auch konkret um den Tod Odilos und den Tod der Großeltern im Krieg als familiäres Trauma.“ Ein wenig hat sie es doch überrascht, sagt sie, dass ein Rezensent herausfand, dass der Name Altfried eigentlich Elfenkönig sprich Erlkönig bedeutet.
„Die Tage sind gleich“, sagt Ich-Erzähler Altfried auf Seite 11: „Nichts hat sich verändert, schon ist wieder Nacht.“
Treffen mit den anderen Nominierten:
Reinhard Jirgl, der vierte Berliner, mochte vor der Verleihung kein Interview geben


