Der Fan will ein Autogramm. Aber bitte mit Datum. Wieso das denn, fragt Niki Lauda. „Es könnte ja das letzte sein.“ Es ist der 1. August 1976 auf dem Nürburgring. Der Tag, an dem Niki Lauda mit seinem Ferrari verunglückt und schwerste Verbrennungen erleidet, die ihn ein Leben lang zeichnen werden.

„Rush - Alles für den Sieg“, das sei nur gleich gesagt, ist kein Niki-Lauda-Film. Es ist auch kein Film über James Hunt. Oder gar einer über die Formel-1-Saison 1976.

„Rush“, der an diesem Donnerstag (3. Oktober 2013) in den Kinos startet, ist die Geschichte einer Konkurrenz, einer Rivalität zweier im Grunde ganz ähnlicher und doch grundverschiedener Männer: Hunt und Lauda. „Rush“ drückt gleich aufs Gas und schaltet sofort hoch. Indem er mit jenem 1. August 1976 beginnt. Dann aber legt er erst einmal den Rückwärtsgang ein. Und erzählt von den sechs Jahren zuvor. Der Nürburgring wird die Geschichte, wird den Film in zwei Hälften teilen, mit dem Unfall im Zentrum.

Geschichte als Duell zweier Persönlichkeiten

Wir müssen an dieser Stelle offen bekennen, dass wir uns nicht sonderlich für Autorennen interessieren. Schon bei dem Geräusch im Fernsehen schalten wir sofort ab. „Rush“ aber, und das ist wohl das größte Kompliment, dass man dieser Produktion machen kann, ist ein Formel-1-Film auch für alle, die mit diesem Sport, mit dieser Welt eigentlich nichts anfangen können.

Der Oscar-gestählte Kameramann Anthony Dod Mantle findet zwar immer wieder dynamische Bilder, wie er die Rennen rasant in Szene setzt, wenn er etwa wiederholt auf das Gras an der Rennbahn schwenkt, das vom Fahrtwind geradezu weggerissen wird, oder sich die Kamera bis in die Achsen der Wagen, die Schrauben der Räder hineinzuwinden scheint. Aber der Thrill, die Spannung, sie findet nicht auf der Rennbahn statt. Sondern zwischen den beiden Fahrern.

Beide, Lauda wie Hunt, wollten unbedingt Rennfahrer werden und überwarfen sich darüber mit ihren Vätern. Beide wollten ganz nach oben kommen, koste es, was es wolle. Und doch: Hier war der attraktive Brite, dem die Sympathien nur so zuflogen und der sich stets mit einem Tross von Freunden umgab. Und da war der eher unattraktive Österreicher, mit Überbiss und schlimmer Frisur, der sich ständig mit allen überwarf und weithin unbeliebt machte. Hunt, ein Sieger-Typ, Lauda, der Unbeliebte. Der Playboy und der Technokrat.

Rennen gucken noch auf dem OP-Tisch

Oder ist die Siegergeschichte andersherum? Lauda war nicht nur ein exzellenter Fahrer, sondern auch ein findiger Geschäftsmann, der sich dreist in die Formel 1 einkaufte. Und ein ebenso findiger Mechaniker, der wusste, wie er seine Rennwagen noch leichter und noch schneller machen konnte. Und auch was das Private anging, hatte Lauda letztlich die Nase vorn. Hunt verlor seine Frau an einen Filmstar, Richard Burton; Niki Lauda heiratete die Ex eines Filmstars, Curd Jürgens.

Diese so ungleichen Biografien, man hätte sie für ein Filmdrehbuch geradezu erfinden müssen. So wurden sie nur noch zugespitzt. Drehbuchautor Peter Morgan, zweifach Oscar-nominiert, geht eigentlich bei all seinen Filmen so vor: „Der letzte König von Schottland“ war letztlich ein Duell zwischen dem ugandischen Diktator Idi Amin und seinem Leibarzt, „The Queen“eines zwischen Elizabeth II. und dem Premier Tony Blair und „Frost/Nixon“ war dann tatsächlich ein Fernsehduell zwischen dem US-Präsidenten und einem TV-Interviewer. So macht Morgan Geschichte anschaulich: als persönlichen Konflikt zweier Antipoden.

Good-Bye, Schublade!

So groß war ihre Feindschaft zwischen Lauda und Hunt in Wirklichkeit gar nicht. Als sie noch in der Formel 3 fuhren, haben sich die beiden sogar mal eine WG geteilt. Und Niki Lauda musste dem Schauspieler, der ihn darstellt, gleich zu Beginn klarstellen, dass auch er durchaus mehr Sex hatte, als der Film es suggeriert. Aber das sind dramaturgische Zuspitzungen, die Lauda letztlich verstand und auch guthieß (Hunt starb bereits 1993 mit nur 45 Jahren). Sie gipfeln in der Szene, in der Niki Lauda im Krankenhaus die Lunge abgesaugt wird und er währenddessen im Fernsehen verfolgt, wie sein Konkurrent das Rennen gewinnt. Das, so sagt uns der Film und so sagt es uns der Film-Lauda, habe ihn in seinem Überlebenskampf vorangetrieben. Das habe ihm die Kraft gegeben, nur 42 Tage nach seinem Unfall wieder in einen Rennwagen zu steigen.

Die Oscar-Credits, sie zählen hier mindestens so viel wie die Pferdestärken. Regisseur Ron Howard, noch so ein Oscar-Gestählter, tut klug daran, diesen Konflikt, diese Fehde von der Rennbahn in die Rennställe zu verlegen. Das Rennen ist ein schauspielerisches Duell. Und er hat mit seinem Cast dafür ein Glückslos gezogen. Als Hunt startet Chris Hemsworth, der amtierende „Thor“-Superheld aus dem Blockbuster-Kino, und als Niki Lauda der deutsche Daniel Brühl, der seit zehn Jahren gegen seinen größten Erfolg „Good Bye, Lenin!“ und die damit verbundene Schubladisierung auf den Typ Schwiegermuttis Liebling ankämpft.

Brühls Start in den US-Mainstream

Ein ungleiches Rennen: Hemsworth hat es erst natürlich erst mal leichter, die Sympathien auf seine Seite zu bringen. Der Strahlemann ist einfacher zu spielen. Aber auch schauspielerisch unterliegt Hunt letztlich Lauda. Denn Brühl spielt sich den Wolf und verwandelt sich bis zur eigenen Unkenntlichkeit in den Wiener, bis in seine Sprache, seinen Akzent, seine Körpersprache hinein. Keine bloße Anverwandlung, sondern geradezu ein Morphing-Prozess. Dies ist Brühls beste schauspielerische Leistung seit dem viel zu unbekannten Film „Das weiße Rauschen“, ach was: seine beste Leistung überhaupt, mit der er sich nun seinerseits dem großen amerikanischen Mainstream empfiehlt.

„Rush“ ist der großartigste Formel-1-Film, der je für Formel-1-Abstinenzler gedreht wurde. Formel-1-Fans werden ihn ohnehin lieben. Und wenn Daniel Brühl dafür nicht für den Oscar nominiert wird, ist die Welt nicht länger gerecht. Rush, rush ins Kino.