Berliner Schätze

Heinrich Zille - Immer auf der Suche nach dem wahren Leben

Politisch – aber in Maßen: Heinrich Zilles Zeichnungen prangern das Elend in der Gründerzeit an, sind aber auch voller Witz und Sarkasmus. Abend traf man ihn in den Kneipen der Hauptstadt.

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Über zwei Jahrzehnte ist Heinrich Zille schon tot, da soll er wiederauferstehen – mitten in den 50er-Jahren. „Wie gern würde wohl heute jeder von uns Zille, unseren guten Vater Zille, an die Hand nehmen – wenn er lebte, versteht sich – um ihm mit Stolz unseren ,neuen’ Stadtbezirk Friedrichshain zu zeigen.“ Die Rede ist von den Arbeiterpalästen an der Stalinallee, erbaut im Nachkriegs-Ost-Berlin.

Ob man mit solchen Wohnungen auch „Menschen erschlagen“ könne, will der Reporter aus der „Hauptstadt der DDR“ Heinrich Zille fragen, denn so harsch hatte der Maler früher über die dunklen, feuchten, überbelegten Mietskasernen der Gründerzeit gesprochen. Nicht nur einen Hinterhof hatten sie, sondern fünf oder sechs, die nie einen Lichtstrahl sahen, selbst Ratten verendeten dort.

Übertrieben? Auf einer berühmten Zille-Zeichnung treffen sich zwei kleine Jungs, der eine zieht eine tote Ratte auf einem Wägelchen hinter sich her. „Von wat is se denn jestorben?“, fragt der andere. „Unsere Wohnung is zu naß“, antwortet der erste. Doch nun ist eine neue Zeit angebrochen, die DDR baut Arbeiterpaläste im Zuckerbäckerstil. Und was, malt der Reporter sich aus, würde Zille antworten? „Er würde lächeln, uns wahrscheinlich auf die Schulter klopfen und antworten: ‚Ihr seid tüchtige Kerle, ihr habt die Zeit genutzt, die durch den Sieg der Sowjetarmee eingeleitet worden ist.’“ So hätte Zille gesprochen – und wäre mit sozialistischem Gruß wieder ab ins Grab.

Nach einem Schlaganfall mit 71 Jahren gestorben

Der DDR-Reporter kannte Zille schlecht. Es ist ziemlich sicher, dass der – er war 1929 nach einem Schlaganfall mit 71 Jahren gestorben – nicht wie erwünscht geantwortet hätte. Dafür war er viel zu knorzig, zu geerdet und als Ideologe völlig ungeeignet. Es gibt eine Anekdote, wie er es wortreich ablehnt, den „Proletarier-Roman“ eines bürgerlichen Autors zu illustrieren: „Nee – und wenn Se mir fürs Blatt 500 Mark geben: Det tu ich nich. Der is nich echt. So sind die Proletarier nich. Det ist Mache.“

Immer wieder taucht bei Zille die Suche nach dem „Wahren“ auf. Ja, er lese auch viel, lasse sich von anderen Malern inspirieren. „Aber mein ‚Milljöh’, meine Anregung zur Arbeit, such ich mir doch im großen ‚Stadttheater’ – unter der Bevölkerung“, sagt er 1912 dem „Berliner Tageblatt“. Das „Wahre“, es ist für ihn eine fast heilige Kategorie. Doch wie viel wahrer Zille steckt in der Privatperson Heinrich Zille? War der „Witzblattzeichner“, wie er sich selber nannte, ein humorvoller Mann? War er wirklich Sozialist?

„Lieber Hermann Frey!“, schreibt er im revolutionären November 1918 seinem engen Freund, dem Schlagertexter. „Freue mich über Deinen Brief und erwidere Dir u. Gattin unsere Grüsse. Wollt auch schon schreiben, es wäre jetzt auch geschehen. Mein Leben ist wieder der Winterzustand, kalte Hände, griesgrämig, die kurzen Tage. Da du fragst wie’s mir geht – bin krank gewesen, aber wieder auferstanden.“ Die Berliner Winter machen Zille jedes Jahr zu schaffen, sie sind hart, lang, lichtlos. Dann packt ihn die Melancholie, auch die Zukunftsangst. Deutschland hat gerade den Krieg verloren, die Zeiten sind schwer. „Am Donnerstag + Freitag bin ich jedenfalls gegen Abend weg, auf der Jagd nach Butter.“ Wird er seine Familie noch ernähren können?

Arbeiterräte übernehmen die Macht

„Wenn ich auch mein ganzes Leben für den Sozialismus war und jetzt mich freue, dass die Brut weg ist, so gibt es doch in Zukunft Sorgen und Ungemach, denen alte Leute wie ich vielleicht nicht mehr gewachsen sind. Na hoffen wir!“ Die Brut – das ist der Kaiser und sein Hofstaat. Es sind die Tage der Novemberrevolution, Wilhelm II. dankt ab, Arbeiterräte übernehmen die Macht. „Bist du Arbeiterrat?“, fragt Zille seinen Freund interessiert. Um dann rasch auf ein Witzblatt und „erot. Buch, von dem Du mir erzähltest“ zu kommen. Das solle er doch bitte mitbringen. Am Schluss überwiegt der Humor: „Wir grüßen Euch Zweibeide“, endet Zille seinen Brief, „und geb dem Rolf ’nen Klapps (besser wäre Klops).“

Nein, so schreibt kein Ideologe. Kein politisch entflammter Revolutionär. Zille ist politisch, aber in Maßen. Die Realität wiegt mehr als die Theorie. Er verweigert sich der pathetischen Geste einer Käthe Kollwitz – das proletarische Elend wird gezeigt, aber seine Proletarier bleiben Mensch. Bleiben schnoddrige Berliner Typen. Sie wehren sich mit Witz und Sarkasmus. Zilles Proletarier sind, nicht anders als Bürger, Adelige oder Kleinbürger, voller widerstrebender Charaktereigenschaften. Ehrlich und falsch, freundlich und grob, bescheiden und gierig.

Er zeichnet einen Ringverein, der sich zum fröhlichen Umtrunk trifft, es geht schon angeheitert zu, derbe Frauen sitzen den Männern auf den Schößen. Doch zuvor hat der Ringverein-Vorsitzende noch was zu sagen: „Ehe die Fidelitas steigt“, steht in Zilles schöner Handschrift unter der Zeichnung, „woll’n wir noch der Männer uns’rer Frauen in Plötzensee gedenken und einige Ansichtskarten loslassen laut §3 unserer Statuten.“ Man treibt es mit der Frau des Kumpans, schickt ihm aber vorher noch einen herzlichen Gruß in die Zelle.

Bis die Striche den Bierdeckel schwärzten

Ob Tagelöhner, Schausteller, Ringverein – Zille war überall unterwegs. Fast jeden Abend traf man ihn in Kneipen an, ’ne Molle und dann noch eine, bis die Striche den Bierdeckel schwärzten. „Kiwakosta“ nannte er scherzhaft seine liebste Kneipe: der Kirsch-Wachholder-Kognak-Stammtisch. Er kannte illegale Destillen, deren Türen sich erst nach komplizierten Klopfzeichen öffneten. Das dort servierte Gebräu rieche sonderbar, wagen sein Freund Hermann und ein anderer Kumpel zu bemerken. „Psst, ruhig, Schnauze halten“, raunzt Zille sie an. „Sonst bewilligen se euch n Ding uffn Rüssel.“ In der illegalen Destille wurde nicht lange gefackelt.

Im März 1925 beschreibt er sich selbst auf einer Art Autogrammkarte für einen Fan: „Heinrich Zille. Mitglied A. d. Künste u. vielen künstlerischen Vereinigungen, Trauzeuge von 3 Verbrecherhochzeiten und Pathe von vielen Kindern aus ‚obiger’ Sphäre, manchmal vor- und nachbestraft durch Autogramm schreiben.“

Mit dem spießigen Stil der DDR, diesem Sozialismus der korrekt gebundenen Pionier-Halstücher und Ulbrichts sozialistischer Moral (Gebot 9: Du sollst sauber und anständig leben), hätte Zille wohl nicht viel anfangen können. Man muss sich nur seine Zeichnungen ansehen – der entblößte, übergroße Dirnenhintern, er hat es Zille, der seit 1919 Witwer ist, erkennbar angetan. „EJ war bei mir, ich lag noch im Bett. Sie hat Rasse.“ Noch Fragen?

Dank an die Dokumentensammlung der Stiftung Stadtmuseum Berlin