Die Rolle der Volksheldin passt der ehemaligen Journalistin eigentlich gar nicht. Und dennoch blickte die Spitzenkandidatin der Democratic Alliance (DA), Helen Zille, gelöst wie selten in die Kameras, als sie von ihren Anhängern am Kapstädter Flughafen empfangen wurde. Sie hat hart gekämpft – und gewonnen.
Selten war der Erfolg einer Partei so sehr mit dem Namen einer Person verbunden. Laut offiziellem Endergebnis wählten 16,66 Prozent der 17,7 Millionen Wähler (Wahlbeteiligung: 77,3 Prozent) die DA. Die Oppositionspartei hat 4,3 Prozentpunkte im Vergleich zu den Wahlen 2004 dazugewonnen und damit entscheidend dazu beigetragen, die erneute Zweidrittelmehrheit des African National Congress (ANC) zu verhindern (65,9 Prozent) – also die Möglichkeit zu Verfassungsänderungen. „Ich habe Gänsehaut“, sagte Helen Zille, „wir sind auf dem Weg zu einer richtigen Demokratie.“
Unter Helen Zille liefen die Versuche der ANC-Strategen ins Leere, die DA als alleinigen Vertreter der weißen Minderheit zu brandmarken. Mit ihrer Ausdauer und Biografie wurde die 58-Jährige zum Albtraum der Regierungspartei. Helen Zille war glaubwürdig, auch wenn sie mit Vergleichen von Zuma mit Simbabwes Präsident Robert Mugabe zuweilen über das Ziel hinausschoss.
Als Journalistin gegen die Rassentrennung
Die Eltern von Helen Zille waren in den 30er-Jahren vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflohen. Ein Großvater und eine Großmutter waren jüdisch, der Vater stammte aus Dessau, die Mutter aus Essen. Auch mit Heinrich Zille, dem Berliner Milieuzeichner und Chronisten der Unterschicht, ist Helen Zille verwandt – er ist ihr Großonkel. Ihre Eltern waren politisch in Südafrika aktiv, die Tochter, christlich erzogen, setzte sich schon früh gegen die Rassentrennung in ihrer Heimat ein. Von 1974 bis 1981 arbeitete Helen Zille als Journalistin und verschickte als Reporterin der „Rand Daily Mail“ einst ihre apartheidkritischen Artikel über den Tod des schwarzen Bürgerrechtlers Steve Biko 1977 aus dem „Spiegel“-Korrespondentenbüro in Pretoria – weil der Geheimdienst am Nachmittag oft ihre eigene Telefonleitung blockierte.
Helen Zille schloss sich Anti-Apartheid-Organisationen an und erhielt dafür auch einen UN-Menschenrechtspreis. Anders als ihre Vorgänger an der DA-Spitze ist sie keine vermögende Frau. Zudem hat sie Xhosa gelernt, die Sprache der zweitgrößten ethnischen Gruppe der schwarzen Bevölkerung. Das kam an bei den Wählern, nicht nur bei den Weißen.
Weniger euphorisch als nach den ersten Prognosen, die den ANC bei 67 Prozent gesehen hatten, äußerte sich dann auch Jacob Zuma, nachdem der ANC erstmals bei Parlamentswahlen Stimmen verloren hatte. „Ich spüre absolut keine Enttäuschung“, sagte der künftige Präsident Südafrikas, auch wenn er die Zweidrittelmehrheit regelrecht habe „riechen können“. Nun gelte es, „in eine neue Ära der Hoffung und des Fortschritts“ aufzubrechen. Bei der Wahl in Südafrika waren insgesamt 23 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, die neue Besetzung der Regionalparlamente und der Nationalversammlung zu bestimmen. Die Wahlbeteiligung war mit rund 80 Prozent so hoch wie seit Langem nicht mehr, vor den Wahllokalen bildeten sich lange Schlangen, Wahlscheine mussten nachgeliefert werden.
Seriös, pragamatisch, erfolgreich
Dem Präsidenten Südafrikas will Helen Zille eine harte Kritikerin sein. Denn die DA hat bei den Provinzwahlen am Westkap sogar die absolute Mehrheit erreicht (51,5 Prozent). Zille waren dabei auch die Stimmen vieler Farbiger sicher, der mit über 50 Prozent größten ethnische Gruppe der Region. Viele von ihnen sprechen Afrikaans, die Sprache der Buren, die sie einst unterdrückt hatten.
Die Anti-Apartheid-Kämpferin Zille hegte lange eine tiefe Abneigung gegen Afrikaans. Sie lernte aber auch diese Sprache, um mit den „Coloureds“ intensiver kommunizieren zu können. Das Westkap ist künftig die einzige der neun Provinzen, die nicht vom ANC geführt wird, und Helen Zille erwägt, ihr Bürgermeisteramt aufzugeben und als Premierministerin die Provinz zu führen. Und das könnte das eigentliche Problem des ANC werden, mehr noch als die Stimmengewinne auf nationaler Ebene, wo die DA mit der neuen Cope-Partei (7,4 Prozent) eine wahrnehmbare Opposition stellen wird.
In den vergangenen drei Jahren als Bürgermeisterin von Kapstadt ging Helen Zille die Wirtschaftspolitik auf seriöse, andere Probleme wie der ausufernde Drogenmissbrauch auf pragmatische Weise an: Die Mutter von drei Kindern fuhr in den berüchtigten Township Mitchell’s Plain, klopfte an die Tür eines der Drogenbosse und diskutierte ihn in Grund und Boden.
So etwas hinterlässt Eindruck. Der Johannesburger Politikwissenschaftler Sipho Seepe bringt es auf den Punkt. „Wenn die DA am Westkap einen guten Job macht, werden die Wähler in Zukunft erwägen, der Partei weitere Provinzen zu geben.“




