Staatsoper-Intendant

Jürgen Flimm freut sich auf Kooperation mit Schaubühne

Mitte Juni startet „Infektion!“, das Festival für Neues Musiktheater. Staatsoper und Schaubühne arbeiten dabei erstmals zusammen. Für Jürgen Flimm ist es ein schönes „Miteinander und Durcheinander“.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Das Schwierige zum Schluss: Einige Berliner Bühnen lassen die Saison mit Operetten ausklingen, andere setzen auf Neue Musik. Und suchen sich einen Verbündeten: Die Staatsoper startet in der kommenden Woche „Infektion!“, das Festival für Neues Musiktheater, mit zwei Uraufführungen. Die erste Premiere findet am Freitag beim Kooperationspartner statt, erstmals arbeiten beide Institutionen zusammen, wie Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm stolz erzählte, die zweite am 16. Juni. Die Festival-Idee stammt von ihm, das Zeitgenössische liegt ihm am Herzen. Und deshalb hat er gestern gleich zwei Pressekonferenzen an zwei verschiedenen Orten gegeben – obwohl er im März dieses Jahres einen Schlaganfall hatte.

Im gläsernen Foyer des Schiller Theaters, diesem architektonischen Kleinod aus den 50er-Jahren, befindet sich der Sammelpunkt: Die Stühle, blau gepolstert, stehen im Halbkreis vor der lang gezogenen Bank unter der Glasfront. Auf einer Stelltafel hängt der Anlass: Das Plakat kündigt das „Infektion!“-Festival an, verbunden mit dem Wunsch ans Publikum: „Lassen Sie sich anstecken!“

Verletzter Dirigent

Zu Risiken oder Wirkungen kann der Komponist, Regisseur oder auch Intendant befragt werden, aber vorher geht’s in den Saal, um bei einer Probe einen ersten Eindruck von „Aschemond oder The Fairy Queen“ zu bekommen. Leider, leider, bedauert ein Dramaturg der Staatsoper, hatte der Dirigent Michael Boder am Montag einen Bandscheibenvorfall – „Ach du Schei…“, sagt ein Journalist und der Dramaturg nickt. Kurzfristig sprang Dirigent Johannes Kalitzke ein. Anerkennendes Nicken unter den Anwesenden. Leider aber hatte der heute einen anderen Termin, deshalb könnten wir jetzt gleich nicht die Staatskapelle hören, also keinen Eindruck von der Neuen Musik bekommen. Und auch keinen richtigen von der „Überlagerung“, einem zentralen musikalischen Anliegen des Komponisten Helmut Oehring.

Wir betreten den Zuschauerraum. Wie angekündigt ist der Orchestergraben leer, aber nicht ganz. Am Rande, abgetrennt von den Kollegen, sitzen die Musiker der Akademie für Alte Musik. Sie spielen Stücke des englischen Barockkomponisten Henry Purcell, denn die „Musiksprache Oehrings“ findet darin einen „Dialogpartner“. Auf der Drehbühne sind verschiedene Räume eines Hauses aufgebaut, im Flur hockt ein kleiner Junge mit Maske. Später sitzt er am Esstisch und noch später kommt die Erklärung: Ein Mann kehrt zurück in das Haus seiner Kindheit, er sucht dort nach Gründen für den Selbstmord seiner Mutter. Realität und Erinnerung verschmelzen, der Mann ist übrigens Ulrich Matthes, der sonst am Deutschen Theater spielt. Da laufen aber gerade die Autorentheatertage mit zahlreichen Gastspielen, also Zeit für einen kleinen Seitensprung. Matthes steht auf der Bühne, fuchtelt mit den Armen herum, sagt aber kein Wort. Dafür wird in drei Räumen gesungen; ein kleiner Eindruck von den „Overlappings“, wie es anschließend Dirigent Benjamin Bayl formuliert. Bei der Probenkritik wird Englisch gesprochen.

Mit dem Bus zur Schaubühne

Und dann ist Jürgen Flimm auf einmal da. Sitzt auf der blauen Bank. Abseits. Wartet auf den Regisseur und den Komponisten. Die Zeit bis zum Eintreffen überbrückt der Dramaturg, der vor „falschen Eindrücken“ warnt. Staatskapelle nicht da, das Licht noch nicht fertig und die „Videozuspielung“ fehlt auch. Dann rückt Jürgen Flimm ins Zentrum und eröffnet das Gespräch mit den Worten: „Dass sie wieder da sind, erfreut mein Herz.“ Er spricht leise, bewegt sich langsam und lässt den Künstlern den Vortritt. Blättert in den Presseunterlagen. Regisseur Claus Guth erzählt von dem „permanenten kreativen Prozess, zusammen mit dem Komponisten ein Bühnenwerk zu kreieren“. Flimm schaut erwartungsvoll Helmut Oehring an. Der sitzt da in ausgewaschenen Jeans und Schlabberpulli und könnte jetzt etwas sagen. Und das tut der auch. „Komponierte Musik versagt an gewissen Stellen...“, beginnt Oehring. Flimm fordert später die Anwesenden auf, Fragen zu stellen, der Komponist stellt klar: „Ich schreib’ keine dissonante Musik.“

Und dann ist die erste Pressekonferenz vorbei, die Gruppe wird mit zwei Staatsopern-Kleinbussen zur Schaubühne gebracht, Jürgen Flimm lässt sich von seiner Büroleiterin im Pkw fahren, der Pressesprecher nimmt das Fahrrad – und ist der Schnellste. An der Schaubühne, dem Kooperationspartner der Staatsoper, inszeniert Falk Richter „For the Disconnected Child“, der Regisseur hat die Texte geschrieben, sieben Komponisten haben sie vertont, neben Sängern und Schauspielern treten auch Tänzer auf, es geht um fragile Beziehungen und Partnersuche, um Eugen Onegin und genreübergreifendes Arbeiten.

Nach der Probe steht Jürgen Flimm plötzlich im Bühnenbild, ganz allein. Er schaut sich Fotos an. Geht zu den drei Stühlen und testet das Mikrofon. Falk Richter hat bei ihm in Hamburg studiert, „der Falk“ sollte jetzt endlich mal was bei ihm machen. Richter wollte aber auch wieder etwas an der Schaubühne machen – so kam es zur Kooperation. Ein „Miteinander und Durcheinander“, schwärmt Jürgen Flimm.