Kunstsache

Der ewige Ruf der Zypressen

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Viele der Berliner Galerien sind noch immer in der Sommerpause, rüsten sich wohl schon für die Berlin Art Week, die in zwei Wochen Kunst satt quer durch die ganze Stadt bietet. Klar, da will jeder Galerist mit seinen besten Künstlern punkten. Ohne Witz, Emma erzählt, es soll Leute geben, die sich bereits Scholl-Gesundheitsschuhe angeschafft haben für diesen Marathon zwischen Kreuzberg und Moabit, der selbst Hartliner an ihre Grenzen bringen wird. Na ja, neuerdings gibt es die Latschen in Silber, au Backe, hoffentlich werden die nicht bald zum Berliner Kunst-Kult.

Mit oder ohne Scholl, Emma will erstmal noch den Spätsommer auskosten. „Süden“, sagt sie. Für uns Deutsche ein ewiger Sehnsuchtsort, eindeutig besetzt mit „Bella Italia“, nicht nur Goethe zog es magisch dorthin. Emma sieht bei dem Wort irgendwie Zypressen vor ihren Augen schweben, ich höre eher das Zirpen der Grillen bei Einbruch der Dämmerung. So hat eben jeder sein eigenes Mediterranien. Also nichts wie hin in die Ausstellung mit dem verheißungsvollen Titel „Süden“, die in der neuen Kunsthalle der Deutschen Bank zu sehen ist. Lange läuft sie nicht, nur zwei Wochen, dann wird mit „Painting Forever“ eine der Präsentationen zur Art Week Unter den Linden einziehen.

Der Süden heißt hier eindeutig Florenz, Wiege der Renaissance. Vorgestellt werden die vier aktuellen Stipendiaten der Villa Romana, ein offenes und lebendiges Haus für Kunst und Künstler am Rande der Stadt. Mariechen Danz und Shannon Bool aus Berlin sind zwei der temporären Florentiner, auch Heide Hinrichs und Daniel Maier-Reimer sind dabei. Alle vier sind keine Frischlinge mehr auf dem Markt. Die Verbindung Florenz/Berlin ist einfach: die Deutsche Bank sponsert die Institution seit den 1920er Jahren.

Wer einmal dort war in der Stadt der Medicis, der weiß, das Haus mit der verwunschenen Gartenanlage ist wirklich ein Paradies. Der deutsche Maler Max Klinger rief das Künstlerhaus vor über 100 Jahren, 1905, in der Via Senese ins Leben. Max Pechstein logierte dort zeitweise, genauso wie Max Beckmann, später genossen Künstler wie Georg Baselitz oder Kathrina Grosse das Flair. „Die Toskana-Fraktion!“, grinst Emma.

Florenz, die Stadt, ihre Atmosphäre, Botticelli, Michelangelo, ihr Mythos, die Aufladung zum Klischee, all das spielt eine Rolle in den Arbeiten der Stipendiaten. Der Realität der Touristenstadt am nähsten kommt da wohl Shannon Bool mit ihrer Skulptur „Michelangelos Place“. Die sieht aus wie eine jener mächtigen Marmorbänke, wie sie an der Piazzale Michelangelo stehen, von dort kann man die Aussicht auf die Stadt genießen. Bool hat vor Ort Einritzungen, Symbole und Liebesbotschaften auf den Steinbänken kopiert – und spiegelverkehrt auf ihrem Artefakt verewigt. Sehnsucht kennt eben viele Sprachen. Ganz, ganz oben an der Decke hängt eine merkwürdig wellenartig Gardine. „Was wohl drunter ist?“, fragt Emma und reckt den Hals. Ganz einfach: Ein unspektakuläres Foto eines unspektakulären Weges, bedeckt mit Laub, Steinen, nicht mehr, aufgenommen irgendwo am Rande von Florenz. Es stammt von Daniel Maier-Reimer. Der Künstler ist bekannt für seine Wanderungen an Niemandsorten, die er meist mit nur einigen wenigen Fotos festhält. In diesem Falle hat er die historischen Stadtgrenzen zu Fuß vermessen. Sie entsprechen dem Umriss des Vorhanges.

Mariechen Danz hat mit Florenz weniger am Hut. Zu viel Paradies im Kopf kann langweilig sein. Sie hat eine riesige „Learning Box“ aufgestellt, mit vielen menschlichen Organen von außen dekoriert. Unser Körper ist ihr Bezugssystem, der Träger unserer Kommunikation. Recht hat sie, egal ob man nun in Berlin ist oder in Florenz. (Kunsthalle der Deutschen Bank, Unter den Linden 13/15. Täglich 10- 20 Uhr. Bis 8. September)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien