Konzert

Gesamte Berliner Waldbühne singt mit Tim Bendzko

Der Berliner trat bereits mit anderen Musikern in der Waldbühne auf. Doch dieses Mal füllte er sie ganz allein. Der Auftakt zu seiner „Ich steh nicht mehr still“-Tour wurde zu einem echten Heimspiel.

Foto: Matthias Balk / dpa

19.000 Menschen fahren also in die Berliner Waldbühne, um diesem jungen Mann aus Köpenick beim Fühlen zuzuhören. Und das Erste, was die Fans von Tim Bendzko so kurz vor seinem Auftritt fühlen müssen, ist ein angenehmer Regen, der für die nächste dreiviertel Stunde auf sie herunterrieselt.

Vor vier Jahren stand Tim Bendzko schon einmal hier. Damals hatte er gerade so einen Wettbewerb der Söhne Mannheims gewonnen, und spielte dann im Vorprogramm der Söhne. 2011 durfte er für Joe Cocker am gleichen Ort eröffnen. Am Sonnabend füllt er die Waldbühne ganz allein, mit dem Auftaktkonzert seiner „Ich steh nicht mehr still“-Tour.

Er ist ein unglaublicher Bursche, dieser Tim Bendzko: Fußballer beim 1. FC Union, später Theologie-Student, Auto-Auktionator. Er fuhr zwei Jahre von Stadt zu Stadt und schlug mit einem Holzhammer auf einen Tisch und sagte dann so etwas wie, 3000 zum ersten, zum zweiten und verkauft.

2011 verkaufte sich dann sein Debüt „Wenn Worte meine Sprache wären“ aus dem Stand heraus mehr als 300.000 Mal, der Ende Mai 2013 erschienene Nachfolger „Am seidenen Faden“ ging auf Platz 1 der deutschen Albumcharts. Bendzko ist der neue deutsche Sänger der Mitte.

Bedenkenlos zu den Schwiegereltern mitzunehmen

Zur Mitte passt auch sein Outfit. Von Weitem könnte er der etwas langweiligere Bruder von Matthias Schweighöfer sein. Rote Trainingsjacke von Nike. Auf Turnschuhen die Bühne wie ein Tanzbär ausnutzen, diese Ray-Ban mit den großen Gläsern auf der Nase tragen. Ein Allerwelts-Outfit, das niemanden verschreckt, aber auch nicht groß begeistert. Bedenkenlos zu den Schwiegereltern mitnehmen kann man ihn auf jeden Fall.

Bendzko beginnt mit „Die Geier kreisen schon“. Die Cellisten spielen mit ihren Bögen ein De-De-De-Dö, wie bei rasanten Kamerafahrten in Dokumentationen über die kirgisische Steppe, etwas bedrohlich. Harte Beats vom Schlagzeug auf der linken Seite. Könnte auch ein richtig derber Rap-Song werden. Einer im Publikum trägt sogar ein Kool-Savas-Shirt.

Aber es klingt dann eher doch nach Xavier Naidoo. Biblisch riesig inszeniert, wie der Mannheimer Gebetsbruder, lässt Bendzko also die Geier kreisen, hinter jeder Ecke lauern sie, nur um danach prinzipientreu festzustellen: „So wie Du wollte ich nicht enden/ Ich halte meine Ehre hoch“. Bendzkos Lyrik besteht aus archaischen Bildern und und routiniert geschliffenen Zeilen. Wenn was hängt, dann hängt's am seidenen Faden, auf „und wenn ich ohne Fehler wär“ reimt er „wäre das auch nicht so schwer“.

Tim Bendzko tanzt perfekt unperfekt

Aber trotzdem ist das gar nicht weiter schlimm. Denn die ganze Waldbühne feiert ihn. Sie feiert sich eigentlich selbst. Weil Bendzko durch seine Musik und seine puristische Lyrik kein Überstar ist, sondern der Typ von der Oberschule, der immer so süß gegrinst hat in der großen Pause. Er ist kein Justin Bieber, der sich selbst für Gott hält, der seine Fans bespuckt. Er ist einfach der Wuschelkopf aus Berlin, der mit viel Tremolo singt und dazu so perfekt unperfekt tanzt, von einem Bein auf das andere hüpft, die linke Hand beim Singen an die Brust drückt und dabei die Augen schließt.

Wenn heute ein ganz romantischer Moment auf der Bühne entsteht, zum Beispiel, weil Tim Bendzko gerade die Söhne Mannheims nach oben bittet, also drei davon, dann holen die Menschen keine Feuerzeuge mehr heraus. Wenn es richtig knistert, und man jetzt ganz doll knutschen will, dann holt der Mensch von heute sein Telefon raus, dreht den Bildschirm zur Bühne, sodass der Musiker in ein Meer von rechteckigen Leuchten schaut.

Singen mit den Söhnen Mannheims

Die Söhne Mannheims sollten sich ernsthaft überlegen, den Tim zu adoptieren. Am Anfang singt er nämlich mit Henning Wehland zusammen „Wo sollen wir nur hin“, und da merkt man schon, dass die ganz ähnliche Stimmen haben. Dieses übersteigerte, harte Betonen von Wörtern. Früher sang Henning ja mehr so Bierdosen-am-Kopf-aufschlagen-Punkrock mit den H-Blockx‘ , aber seit kurzem ist er auch bei den Söhnen.

Es kommen dann noch zwei Sänger. Sie tragen Hüte und Brillen und Dreitagebärte. Jetzt, zu viert, singen sie diesen Riesen-Song, den sie früher mit Xavier gesungen haben - „Das hat die Welt noch nicht gesehen“. Von weitem kann man gar nicht mehr sagen, wer jetzt singt, weil ihre Stimmen alle genau gleich klingen. „Denn mit dem Herz sind wir meist blind. Wer von uns ist schon wie ein Kind?“ hallt es gospelhaft durch die Waldbühne.

Cassandra Steen hüpft auch noch auf zwei Songs nach oben, auch so eine Art Gospel spiritueller Liebesnatur - „Wenn Worte meine Sprache wären“ ist der erste. Den zweiten hätten sie erst letzten Sonntag zusammen komponiert.

Stars gönnen sich keine Spleens mehr

Das Problem am deutschen, erfolgreichen Pop ist, er ist zu unglamourös und die mögen sich alle zu sehr. Weil sie eh den Rest des Jahres zusammen in den Jurys irgendwelcher Casting-Shows sitzen. Der Zuschauer hat so das Gefühl, ein Star wäre so etwas wie ein Ansager auf Gleis 7 am Hauptbahnhof, der zu regelmäßigen Sendezeiten, gleich einem Fahrplan befolgend bei „The Voice of Germany“, „The Voice Kids“, „Unser Star für Baku“, „X-Factor“ so etwas sagt wie „das hat mich jetzt aber voll krass berührt“.

Zum anderen gönnen sich die Stars, die wir noch haben, keine Spleens mehr. Michael Jackson hatte seinen rauchenden Affen, Mariah Carey verlangt 20 Luftbefeuchter im Raum. Und Tim Bendzko lädt sich lieber die Söhne Mannheims ein, als auf einem Elefanten in die Wuhlheide zu reiten.

Aber seine Stimme ist echt ganz schön. Ehrlich jetzt. Um fünf vor zehn geht er zum ersten Mal. Zur Zugabe stellt er sich dann auf einen mitten in den Zuschauern stehenden Steg. „Das war das letzte Mal, das letzte Lied/ Das war das letzte Mal, dass ich Dir sag, wie sehr ich Dich geliebt hab“.

Die ganze Waldbühne singt mit. 19.000 Münder singen laut und leise, und mit geschlossenen Augen diese Zeilen mit. Seume hatte doch recht. „Wo man singt, da laß' dich ruhig nieder,/ böse Menschen haben keine Lieder.“